Der Traum aus Samt und Satin ist noch in Plastik verpackt. Wenn die 24jährige Österreicherin Aishe heiraten wird, sollen das Weiß des Kleides und der Spitzenschleier es allen zeigen: Aishe ist Jungfrau. Rein und unschuldig. Die Wahrheit darf niemand erfahren.Unzählige Male ist Aishe in den vergangenen Wochen die bevorstehende Hochzeitsnacht in Gedanken durchgegangen. Hat sich überlegt, was sie sagen und tun wird, wie sie sich bewegen und verhalten soll. Ein bißchen Unwissenheit will sie vortäuschen, ein bißchen vorgespielten Schmerz und Schüchternheit. Die ganze Zeit wird sie hoffen, daß auf dem Bettlaken am Morgen danach ein paar Blutstropfen zu sehen sind. Denn nur dann wird ihr Bräutigam Cemal überzeugt sein, daß er seine Braut entjungfert hat.Rund 7 000 Schilling, umgerechnet gut 1 000 Mark, hat sich Aishe diese Lüge kosten lassen. Der Preis einer Operation, bei der sie vor einer Woche ihr Jungfernhäutchen rekonstruieren ließ.Aishe liebt Cemal, den zukünftigen Mann ihres Lebens. "Nur ihn und für immer." Sie sagt es so, daß man ihr glauben muß. Den Traum vom gemeinsamen Glück will sie nicht opfern. Schon gar nicht wegen einer längst verflossenen Jugendliebe. "Soll ich denn deswegen mein ganzes Leben büßen? Wenn mein Verlobter wüßte, daß ich vor unserer Hochzeitsnacht mit einem anderen geschlafen habe, dann würde ich ihn verlieren. Meine Unschuld ist wichtig für ihn. Das ist eben der Islam."Aufrecht, fast steif, sitzt Aishe auf einer Bank in einem Park in Wien und erzählt ihre Geschichte. "Denk an die Abmachung", sagt sie. Kein Foto von ihr, sie will anonym bleiben. Das war ihre Bedingung für unser Gespräch. "Wenn irgend jemand davon erfährt, unmöglich." Jung und selbstbewußt sieht sie aus, in ihrem gelb-geblümten Kleid, den lockigen Pagenkopf mit einem Band gezähmt. Die Verkäuferin hat sich ihr Leben in Wien zwischen Tradition und Moderne eingerichtet. "Mir bedeutet der Islam sehr viel. Meine Eltern haben mich danach erzogen. Auch ohne Schleier bin ich eine Gläubige."Aishe war vier Jahre alt, als ihre Eltern mit ihr aus Istanbul nach Österreich kamen. "Ich will niemanden verletzen, auch nicht meine Eltern", sagt sie. "Wenn es herausgekommen wäre, wären meine Eltern entehrt, weil sie meine Ehre nicht geschützt haben. Und mein Ruf wäre ruiniert. Wir sind sehr eng mit unseren Verwandten in Österreich und der Türkei. Sie würden uns schneiden und ausstoßen. Alles wegen mir." Manchmal fühle sie sich zerrissen zwischen dem, was ihre Familie von ihr erwartet, und dem , was sie selbst will."Ich habe in den letzten Monaten nur noch gedacht, wie kann ich es verbergen. Die Hochzeit rückte immer näher, und meine Angst wurde immer größer", sagt Aishe. Ich mußte mich operieren lassen."Nur ihre beste Freundin weihte sie ein. Als Aishe dann von ihr erfährt, daß es in Wien Ärzte gibt, die ihr Problem lösen können, stand ihr Entschluß fest. Seitdem lag sie dreimal auf einem Operationstisch und hat wiederherstellen lassen, was sie mit 19 verlor. Mit winzigen Stichen wurde ihr Jungfernhäutchen geflickt.Die ersten zwei Operationen durch einen unerfahrenen Schönheitschirurgen gingen schief. Zuviel Narben bildeten sich am empfindlichen Gewebe. Aishe war am Boden zerstört. Trotzdem wollte sie den Eingriff wiederholen. "Ich war so weit gegangen. Und außerdem gab es ja kein Zurück." Denn vor ihrer Hochzeit wollen die Eltern von Cemal eine Untersuchung. Aishes Keuschheit steht dann auf dem Prüfstand. Schnell wären die verräterischen Narben aufgefallen. "Also bin ich eben zu einem anderen Arzt gegangen."Im zweiten Stock des Spitals der Rudolfstiftung, abseits des Trubels von Wien, arbeitet der Mann, der Aishe half. Werner Grünberger, ein Professor der Gynäkologie, hat es sich auf dem Sofa in seinem Dienstzimmer bequem gemacht. "Fragen's was Sie wollen", sagt er im gemächlichsten Wienerisch. "Ich habe keine Probleme damit, über meine Arbeit zu sprechen." Kollegen von ihm sehen das anders. Bislang ist Grünberger der einzige Arzt im deutschsprachigen Raum, der offen darüber spricht, daß er neben der alltäglichen Arbeit auch "Hymen korrigiert". Vor einer Woche hat er Aishe operiert. Mit Erfolg.Er hat den Eingriff vor mehr als 15 Jahren einem Kollegen in Ägypten abgeschaut. Seitdem bietet Grünberger seine Dienste in Wien an. Rund 20 Frauen hat er in dieser Zeit geholfen. Doch in letzter Zeit kommen immer mehr. Die Nachfrage wächst.Nicht nur in Wien. Krankenhäuser in Peking bieten ihre Dienste an. In Dänemark hat sich eine Privat-Klinik auf die Operation spezialisiert. Und auch in Deutschland soll es Ärzte geben, die den Eingriff vornehmen. "Gerade in Berlin wird bestimmt auch diese Operation durchgeführt", sagt Werner Grünberger. "In Ihrer Stadt leben sehr viele moslemische Frauen."Fast jede Woche hat der Spezialist eine Patientin zur Beratung in seinem Büro. Zu den Frauen aus der Türkei, Syrien und Ägypten gesellen sich auch immer mehr Österreicherinnen. Sie wollen zum Islam übertreten und sich dafür rüsten.Hat er nie das Gefühl, daß es eine unwürdige Prozedur für die Frauen ist? "Nein. Die Frauen, die meinen Rat suchen, sind verzweifelt und haben Angst. Sie haben ein Recht auf meine ärztliche Hilfe."Aber nicht jede Frau, die von Grünberger ihre Unschuld erneuern lassen will, wird von ihm operiert. Erst nach einem langen Gespräch entscheidet der Arzt, ob er zur Nadel greift oder nicht. "50 Prozent der Frauen lassen es danach bleiben. Bei anderen schaffe ich es, den Mann zu einem Gespräch einzuladen. Ich erkläre ihm dann, wie sehr ihn seine Frau lieben muß, wenn sie sich für ihn operieren lassen will. Leider klappt es nicht immer."Die Frauen, die auf Operation bestehen, kommen für einen Tag in die Klinik. 15 Minuten braucht Werner Grünberger für einen leichten Fall. Schwere Fälle, bei denen das Häutchen mehrmals eingerissen ist, müssen mit Vollnarkose operiert werden. Bei Aishe dauerte der Eingriff rund eine Stunde. Die Risiken sind gering, "außer, daß es wieder aufreißt", sagt der Arzt.Am Tag der Operation hat sich Aishe wie eine Diebin ins Spital zu Werner Grünberger geschlichen. "Ich dachte immer, was wird nur, wenn es auch diesmal schiefgeht?" Cemal und den Eltern erzählte sie etwas von einem Ausflug mit ihrer Freundin."Sie kommen alle heimlich zu uns in die Klinik. Ihre Familien, ihre Männer, ihre Freunde, niemand darf davon wissen", sagt Penbegül Cakmak. Die Türkin arbeitet seit fünf Jahren als muttersprachliche Beraterin im Krankenhauses. "Viele der moslemischen Frauen in Wien haben Probleme mit ihrer Jungfräulichkeit. Aber das Thema ist tabu. Ich bin für fast alle die erste Frau, mit der sie offen darüber sprechen. Manche haben Angst vor den eigenen Brüdern, die ja ihre Schwester beschützen sollten. Sie fürchten sich davor, von ihnen geschlagen oder gar ermordet zu werden. Das ist kein Spaß, das ist Realität."Was fühlen die Frauen, wenn sie aus der Narkose erwachen? "Sie vergessen ihr Liebesleben und fangen neu an", sagt Werner Grünberger. Für Aishe war es Erleichterung pur. "Endlich ist der ganze Druck weg." Später dann spricht sie auch von Triumph. "Es geschieht den türkischen Männern recht, wenn sie solche Regeln aufstellen und sie dann von uns belogen werden, weil sie uns Frauen einfach nicht verstehen. Keine junge Frau versteht, warum die Männer sich ausleben dürfen und wir nicht."Für die Doppelmoral, die Aishe anprangert, hat Ahmad Abdelrahimsai, das Oberhaupt der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, kein Verständnis. Seine Urteil ist eindeutig. "Im Koran steht ganz klar geschrieben: Ein Ehebrecher wohnt nur einer Ehebrecherin oder einer Götzendienerin bei. Den Gläubigen ist das verwehrt."In Abdelrahimsais Augen hat Aishe eine Sünde begangen, die durch nichts ungeschehen gemacht werden kann. Ihre Lüge verurteilt er ebenso wie ihre Tat. Doch selbst wenn die Frau die Wahrheit spricht, macht sie sich schuldig. "Wenn ihr Bräutigam sich entschließt, bei ihr zu bleiben, ist er dazu bestimmt, ihre Sünde zu seiner Sünde zu machen."Moslemische Frauen, fordert der 68jährige, sollen endlich ihre Rechte einklagen. "Verlangt auch von euren Männern Keuschheit. Wenn man Jungfrauenschaft nur auf Frauen bezieht, dann ist das der falsche Weg." Auch das stehe im Koran, sagt der Mann, der zum zweitenmal verheiratet ist.Ob ihr Cemal schon mit einer Frau geschlafen hat, weiß Aishe nicht. Sie hat ihn nie gefragt. Keuschheit, das sei immer nur etwas für die Frau. Eine Jungfrau sei nach islamischer Tradition eben sexuell anregend für den Gatten. Vor allem habe sie keine Vergleichsmöglichkeiten, das gefalle den Männern."Ich weiß, daß ich nichts wirklich Schlimmes gemacht habe", sagt Aishe. Es bereitet mir Schmerzen zu lügen und zu verheimlichen, aber ich hatte keine Wahl."Ihre riskante Hochzeitsnacht wird Aishe wahrscheinlich nicht so schnell vergessen. Vielleicht erzählt sie Cemal später einmal davon.