LEIPZIG, 18. April. Gäbe es eine Medaille für den unauffälligsten Part in der deutschen Olympiabewerbung, Halle wäre Favorit. Über die Stadtgrenzen hinaus hat es sich kaum herumgesprochen, dass die Kommune in Sachsen-Anhalt Teil der Ringe-Mission ist: Bis 2012 sollen hier marode Altbauten zu Residence-Hotels für Olympiagäste saniert werden und Trainingsanlagen entstehen. Ein kleines Konjunkturprogramm für die Stadt, deren Einwohnerzahl im letzten Jahrzehnt um ein Fünftel geschrumpft ist.Auch als im Herbst Vetternwirtschaft und ein paar Inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit in Leipzig und Rostock die Bewerbung ins Straucheln brachten, war vom Juniorpartner Halle nichts zu hören. Der Bürgerverein "H-Alle für Olympia", der inzwischen mehr als 1 000 Mitglieder zählt und für die Spiele begeistern will, reagierte erst, als im Dezember 2003 der Slogan "one family" vorgestellt wurde: "Gottseidank hat man sich fünf vor zwölf wieder auf die eigentliche Arbeit besonnen", sagte damals Vereinschef Axel Kählert. Verschwiegene BerufsbiografieKählert steht der aus Spenden und öffentlichen Mitteln finanzierten Initiative seit ihrer Gründung vor. Deshalb rangiert der frühere Handballer, der mit der DDR-Auswahl 1974 WM-Silber holte, weit oben auf der städtischen Promi-Liste: Er wandert symbolische 2012 Meter mit der SPD-Oberbürgermeisterin Ingrid Häußler oder erklärt im Sportgymnasium die Olympiabewerbung. Lokale Blätter stellen Talente unter der Überschrift "Auf den Spuren von Axel Kählert" vor und holen seine Meinung über dies und das ein. Ihm habe die Ost-Show im Fernsehen "viel Spaß gemacht", erfuhr man so. Keinen Spaß macht Kählert indes die Erinnerung an seine Karriere im Ministerium für Staatssicherheit. Jedenfalls möchte er dazu nichts sagen. Kählert war mehr als zehn Jahre, bis November 1989, Hauptamtlicher Mitarbeiter der Bezirksverwaltung Halle der Staatssicherheit. Schon am Tag seines Abschieds aus dem Handball-Team des Sportclubs Leipzig bewarb er sich 1976 handschriftlich "aus innerer Überzeugung" um eine Aufnahme ins Stasi-Wachregiment - zunächst vergeblich. Zwei Jahre später durfte sich Kählert dann doch verpflichten, "die ehrenvollen Aufgaben eines Angehörigen des Ministeriums für Staatssicherheit zu erfüllen".1978 wollte die Sportvereinigung Dynamo ihre Oberliga-Handballmannschaft zur Attraktion des Plattenbauviertels Halle-Neustadt aufwerten und heuerte in Leipzig ausrangierte Spieler an. Kählert warf zunächst unter der Berufsbezeichnung "Handwerker" Tore, nach drei Monaten stellte ihn die MfS-Bezirksverwaltung Halle als Hauptamtlichen ein. Damit war der gelernte Kfz-Mechaniker nicht nur ballspielender Sportoffizier, sondern an "operativen Einsätzen" beteiligt - etwa, als die Stasi die Urheber einer oppositionellen Flugblattaktion im Hallenser Stadtzentrum verfolgte. 1984 wechselte Axel Kählert in die Abteilung Rückwärtige Dienste; 1987 stieg er zum Referatsleiter auf. Seine in den Unterlagen der Birthler-Behörde wiederholt festgehaltene "Einsatzfreudigkeit" belohnte das MfS mit drei Verdienstmedaillen.Inzwischen betreibt der ehemalige Hauptmann einen Getränkehandel und einen Lottoladen in Halle. "Kein Interesse", wehrt der 53-jährige Kählert am Telefon etwas seltsam die Frage ab, ob er vielleicht im Krisen-Herbst der Bewerbung überlegt habe, wie die verschwiegene Berufsbiografie mit der öffentlichen Rolle als ehrenamtlicher Botschafter des olympischen Gedankens zusammen passt. Rolf Schnell, städtischer Olympiabeauftragter und einst Cheftrainer der Hallenser Ringer, fragt sich das jetzt auch. Dass der Olympia-Vereinschef MfS-Offizier war, ist für ihn "völlig neu", behauptet Schnell. Das müsse "Herr Kählert mit sich selbst ausmachen", meint Rolf Schnell. "Was uns international voranbringt, das sind Sachthemen". Etwa die Zuarbeiten zum Olympiakonzept. Weshalb "so eine Biografie" auch "nicht direkt mit der Bewerbung" zu tun habe.Derart pragmatischer Umgang mit den Untiefen der Vergangenheit wird selbst in Sportlerkreisen, wo Kählerts Vita kein Geheimnis ist, nicht unbedingt geteilt. Der Leipziger Wolf-Dietrich Neiling, auch er 1974 mit der DDR-Auswahl Zweiter der Handball-Weltmeisterschaft, hat in der Zeitung ein Interview mit dem Olympiavereins-Chef Kählert gelesen. "Da sind mir die Schnürsenkel aufgegangen", sagt Neiling. Der Sportlehrer bringt nicht viel Verständnis dafür auf, dass Leute, die sich "dermaßen identifiziert haben mit dem System", nun die Bewerbung repräsentieren: "Das ist ja so, als ob inzwischen nichts passiert wäre."------------------------------Foto: Im Banne des Banners: Olympia-Werbung am Messeturm in Leipzig.

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.