Politiker der etablierten Parteien trauten ihren Augen nicht. Mitte der 80er Jahre saßen plötzlich strickende und turnschuhtragende Ökologen neben ihnen in den Parlamenten, angetreten mit Ambitionen, das System zu verändern. Inzwischen sind sie als Bündnis 90/Grüne fast in der Mitte des politischen Spektrums angelangt, doch Umwelt gilt seither als originär "linkes" Themenfeld. "Im Verlauf der Ökologiegeschichte waren es aber entgegen der heute vorherrschenden Meinung nicht etwa anarchistische, marxistische, sozialdemokratische oder liberale Strömungen, die den Charakter der Ökologie entscheidend prägten", schreibt dagegen Oliver Geden, Student der Politischen Wissenschaften an der FU Berlin und Umwelt-Aktivist. Und weiter heißt es in seinem Buch "Rechte Ökologie": "Es war zumeist konservatives bis faschistisches Gedankengut, das sowohl der ökologischen Wissenschaft als auch den ökologischen Bewegungen seinen Stempel aufdrückte." Die wissenschaftliche Geschichte der Umweltbewegung begann 1866, als der deutsche Biologe und entschiedene Verfechter des Sozialdarwinismus Ernst Haeckel den Begriff "Ökologie" einführte. Er definierte sie als "Wissenschaft von den Beziehungen des Organismus zur umgebenden Außenwelt". Doch schon er verwendet eine biologistische Grundfigur aus dem Bereich der von Geden kritisierten "rechten" Ökologie - die Übertragung von Vorgängen der Natur auf die menschliche Gesellschaft. In Analogie zum "Ausjäten des Unkrauts" forderte er die "unnachsichtige Ausrottung aller unverbesserlichen Verbrecher" zum Wohl der "besseren Theile der Menschheit". Folge sei ein "vorteilhafter künstlicher Züchtungsprozeß". Reaktionäre Tendenzen Konservative und reaktionäre Tendenzen finden sich in den Anfängen von wissenschaftlicher und politischer Ökologie und ziehen sich wie ein roter Faden durch ihre bisher 130jährige Geschichte. Seit den siebziger Jahren instrumentalisiert zudem auch die "Neue Rechte" Umweltprobleme für ihre Zwecke. Unangenehme Wahrheiten fördert Geden vor allem hinsichtlich scheinbar unverdächtiger Gruppierungen zutage. Rudolf Steiner, gepriesener Ahnherr der anthroposophischen Bewegung und Waldorf-Schulen, hat auch die rassistische "Wurzelrassenlehre" verkündet, nach der etwa die Afrikaner "alles Licht und alle Wärme vom Weltenraum aufsaugen", die "gelbe Rasse" (Japaner) zu dumm ist, etwas zu erfinden, während die germanisch-nordische "Rasse" bis zum "Jahr 3573" die Krone der Schöpfung repräsentiert. Versteckt im Diskurs Von einem dezidiert linken Standpunkt aus verfolgt Geden rechtsökologische Ideologieelemente bis in den gegenwärtigen ökologischen Diskurs und in die Umweltorganisationen. Wenn, um Umweltprobleme zu lösen, Forderungen nach Einwanderungsstopp, rigider Bevölkerungspolitik, weltweiten Militäreinsätzen oder einer (spirituellen) Ökodiktatur laut werden, läuten bei ihm die Alarmglocken. Organisationen wie dem "braungrünen" Weltbund zum Schutze des Lebens (WSL), Freiwirtschaftlern, den Unabhängigen Ökologen Deutschlands (UÖD) oder der Ökologisch-Demokratischen Partei (ÖDP) attestiert er deutliche Nähe zur "Neuen Rechten". Die ÖDP drohte folgerichtig, das Buch verbieten zu lassen. Selbst der BUND kommt nicht ungeschoren davon. Als der Autor, selbst aktives Mitglied im größten deutschen Umweltverband, bei Arbeiten zum Thema "Rechte Ökologie" innerhalb des Verbandes auf Widerstände stieß, nahm er diesen selbst genauer unter die Lupe. Ergebnis: Sogar beim Vorsitzenden Hubert Weinzierl fand er Äußerungen, nach denen die "Bevölkerungsexplosion" das Grundübel der Menschheit sei. Weinzierl, schreibt Geden, vergleiche die Menschen mit "Parasiten" und stelle die Frage, ob die "Ratio" wirklich mehr zu Lösung des Problems beitragen könne als "Schädlingsbekämpfung". Auch anhand anderer Beispiele arbeitet er inhaltliche und organisatorische Verbindungen des BUND zu rechten bzw. rechtsextremen Kreisen auf allen Verbandsebenen heraus. Mittlerweile hat Gedens Kritik in Teilen der renommierten Umweltorganisation eine Auseinandersetzung mit "rechter Ökologie" hervorgerufen. Für die meisten Natur- und Umweltschützer ist die Beschäftigung mit diesem Thema allerdings nach wie vor ein Tabu. Gerade gutgläubige Umweltbewegte kann Gedens Buch davor bewahren, rechtsextreme Schlagworte und Argumentationsstränge, die seit Mitte der 80er Jahre vermehrt im Mainstream der Ökologiedebatte auftauchen, unhinterfragt zu übernehmen. So könnte ihnen später einmal das Bekenntnis erspart bleiben, sie hätten von nichts gewußt. Oliver Geden: Rechte Ökologie. Umweltschutz zwischen Emanzipation und Faschismus. Elefanten Press Verlag. Berlin 1996, 256 S., 29,90 Mark. +++

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