BERLIN, 21. August. Der Bundesnachrichtendienst hatte es diesmal ganz besonders eilig: Noch bevor das neue Buch des BND-Kritikers Siegfried Schmidt-Eenboom über den Umgang des Geheimdienstes mit deutschen Journalisten am kommenden Montag herauskommt, gibt es schon ein Dementi aus Pullach. Der in dem Buch erweckte Eindruck, der Dienst habe eine Vielzahl deutscher Journalisten "an der Leine geführt", sei falsch, heißt es in der Erklärung aus dem BND. Pressesprecher Michael Baumann sagte der "Berliner Zeitung", daß Journalisten operativ nicht für den Dienst tätig gewesen seien. Nun hat es in der Vergangenheit durchaus in wenigen Fällen Spionageurteile gegen deutsche Journalisten im Ausland gegeben, bei denen eine Zusammenarbeit mit dem BND nachgewiesen werden konnte. Diese Fälle streift Schmidt-Eenboom in seinem Buch nur am Rande. Im Mittelpunkt steht vielmehr ein seit Jahren geheimnisumwittertes Dokument, das jetzt erstmals öffentlich gemacht wird: die Liste mit "Pressesonderverbindungen" des BND aus dem Jahre 1970.Der sozialdemokratische Kanzleramtsminister Horst Ehmke hatte damals den BND aufgefordert, eine Übersicht der Journalisten anzufertigen, die mit dem Dienst kooperieren. Ausgenommen bleiben sollten operativ eingesetzte Medienvertreter, also an Geheimdienstoperationen beteiligte Agenten. Seit die geheimnisvolle Liste im März 1970 an Ehmke übergeben wurde, hatte sie immer wieder mal für Aufregung und Spekulationen in der bundesdeutschen Presse gesorgt. Der "Spiegel" mutmaßte, daß 60 Bonner Korrespondenten darauf verzeichnet seien, Günter Wallraff sprach gar von 1 000 Namen. Manfred Bissinger, dem ein Teil der Liste als Abschrift vorgelegen hatte, "sind die Augen übergelaufen", wie er 1987 in einem Artikel schrieb. "Es waren so gut wie alle, die Rang und Namen hatten im bürgerlichen Journalismus, fein säuberlich alphabetisch geordnet zu finden." Namen nannte aber auch Bissinger nicht, denn ohne das Original in der Hand sei ein Prozeß gegen die Kollegen nicht durchzustehen, die ihre BND-Bindung bloß zu bestreiten brauchten, schrieb Bissinger."Nebel" und "Barmbeck"Siegfried Schmidt-Eenboom nennt jetzt erstmals die Namen der BND-Vertrauensjournalisten von 1970, denn ihm liegt die in Pullach verfaßte Übersicht im Original vor.Und in der Tat finden sich auf der Liste viele Journalisten, die in der deutschen Medienlandschaft damals und zum Teil noch heute einen guten Namen haben: "Zeit"-Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff, BND-Deckname "Dorothea", "Stern"-Gründer Henri Nannen ("Nebel"), Ex-"Bild"-Chefredakteur und Kanzlervertrauter Peter Boenisch ("Bongert"), ZDF-Intendant Karl Holzamer ("Hupperz"), Springer-Kolumnist Mainhard Graf Nayhauß ("Nienburg"), Gerhard Löwenthal vom ZDF ("Loeben"), Deutsche-Welle-Intendant Walter Steigne r ("Steffel"), damalige Mitarbeiter im Bundespresseamt wie Conrad Ahlers ("Albert"), Rüdiger von Wechmar ("Wega") und Klaus Bölling ("Barmbeck"). Als "Zufallskontakt" mit dem Decknamen "Dorf" findet sich auf der Liste auch der Name des Verlegers Michael Naumann. Naumann, heute Leiter des zu Holtzbrink gehörenden US-Verlages Henry Holt und designierter "Kulturminister" im SPD-Schattenkabinett, hat seine Aufnahme in die Übersicht jedoch möglicherweise familiären Beziehungen zu verdanken: Sein Schwiegervater war der frühere BND-Präsident Gerhard Wessel. Von Naumann, der sich zur Zeit noch im Urlaub befindet, war keine Stellungnahme zu erhalten.Insgesamt umfaßt die Liste 230 Namen von Journalisten und Verlagsmitarbeitern, die nach dem Charakter ihrer Bindung an den Dienst klassifiziert sind. Da gibt es die Kategorie I, hinter der sich laut BND "voll tragfähige, regelmäßige oder häufige Kontakte" verbergen; die Kategorie II, in die "Normalkontakte, unregelmäßige Kontakte nach Bedarf" eingeordnet wurden; und die Kategorie III, die "Zufallskontakte, Planungen usw." umfaßt.Allerdings die von Schmidt-Eenboom veröffentlichte Liste ist mehr als ein Vierteljahrhundert alt. Sie sagt nichts aus über den Inhalt der Kontakte zwischen Medienvertretern und dem BND. Die meisten der vom Buchautor angeschriebenen und heute noch lebenden Journalisten können sich nicht erklären, wie sie auf die BND-Liste gelangt sind. Manche bestreiten sogar vehement, überhaupt jemals mit einem BND-Mitarbeiter gesprochen zu haben. Beispielsweise die "Zeit"-Herausgeberin Gräfin Dönhoff, laut BND-Liste von 1970 eine "voll tragfähige Verbindung" der Kategorie I. Im ARD-Frühstücksfernsehen versicherte sie am Freitag: "Da war wirklich nix."Gegenüber dem Buchautor Schmidt-Eenboom hatte die "Zeit"-Herausgeberin allerdings noch Gesprächskontakte mit Pullacher Abgesandten eingeräumt, aber als eine "Verbindung" des BND habe sie sich nie gefühlt. Auch Dönhoffs Nachfolger auf dem Chefredakteurssessel der "Zeit", Theo Sommer, bestätigte Schmidt-Eenboom Gespräche zwischen der Gräfin und BND-Abgesandten. Den Verdacht, die Gräfin sei Agentin des BND gewesen, weist er jedoch als "absurd" zurück. Gleichzeitig räumte er eigene Kontakte zum Pullacher Dienst ein. "Ich bin da völlig unbefangen. Wenn einer von denen etwas wissen wollte, dann habe ich es ihm gesagt", gibt Schmidt-Eenboom Sommer in seinem Buch wieder.Die Kooperation von Geheimdiensten mit Medienvertretern ist nichts Außergewöhnliches. Die CIA etwa arbeitete Ende der sechziger Jahre mit mehr als 800 Medienunternehmen weltweit zusammen. Die Absicht ist klar. Mit dem Einfluß auf die Massenmedien haben die Geheimdienste die Möglichkeit, Desinformationen im In- und Ausland zu verbreiten, von ihnen gewollte politische Diskussionen anzufachen, das eigene Image aufzupolieren und Unruhe zu stiften. Auch der BND wollte über seine "Sonderverbindungen" nicht nur Informationen aus Politik und Gesellschaft gewinnen, sondern auch bestimmte Meinungen und Artikel in den Medien plazieren, die seinen Interessen entgegenkamen. Lohn der Zusammenarbeit waren nur in Ausnahmefällen Geld oder wertvolle Geschenke, schreibt Schmidt-Eenboom. Viel mehr waren die Helfer des BND an einer anderen Ware im Tausch interessiert der Exklusiv-Information. Aufschlußreich ist daher Schmidt-Eenbooms Auswertung jener Artikel und Beiträge, die die "Sonderverbindungen" zum Thema Geheimdienste und Spionage veröffentlicht haben. Zum Beispiel Gräfin Dönhoff alias "Dorothea". Über den Pullacher Dienst hat sie nur wenige Beiträge verfaßt. Für den BND und seinen Gründer Reinhard Gehlen waren diese wohlwollenden, die Argumentationslinien des Dienstes wiedergebenden Artikel einer hochangesehenen Publizistin aber von großer Bedeutung. Auch in der Personalpolitik konnten sich die BND-Chefs auf publizistische Unterstützung durch Vertrauensjournalisten verlassen. Seit Mitte der sechziger Jahre war der Stuhl des BND-Vizepräsidenten vakant; mehrfach war dafür Günther Nollau vorgeschlagen worden, ein Mann der SPD. Gehlen und sein Nachfolger Wessel konnten dies jedoch stets verhindern auch dank der guten Beziehungen zur Presse. "Es war zweifellos hilfreich, daß sich seinerzeit ein großer Teil der Presse zu dieser Ablehnung verständnisvoll und zustimmend äußerte, darunter auch ,Die Zeit mit einem beachtenswerten Beitrag aus der Feder der Gräfin Dönhoff", schrieb Gehlen in seinem Erinnerungsbuch "Verschlußsache" 1980.Ehmkes AnweisungErstrangige Verbindungen hatte der BND auch in den "Spiegel". Hermann Zolling, Deckname "Zobel", und Günther Tolmein, Deckname "Tertius", beide in der BND-Kategorie I, hatten zusammen mit dem Geheimdienst-Experten Heinz Höhne Anfang der 70er Jahre die aufsehenerregende Spiegel-Serie "Pullach intern" verfaßt. Auch wenn sich die BND-Führung über so manch kritische Darstellung in der Artikelreihe lautstark empörte, hatte der Dienst doch einen Anteil an der Serie. Nicht nur, daß "Zobel" und "Tertius" von ihren Verbindungsleuten im BND gebrieft wurden, die Serie wurde vorab auch mit dem Dienst abgestimmt. 1970 hatte der damalige Kanzleramtsminister Ehmke, nachdem er die BND-Liste in den Händen hatte, verfügt, daß der Geheimdienst fürderhin keine Zusammenarbeit mit deutschen Journalisten pflegen dürfe. In Pullach heißt es, man habe sich daran gehalten. Deutsche Journalisten seien für den BND tabu, das sei schriftliche Anweisung.Ganz so scheint es aber nicht zu sein. Möglicherweise ist die Praxis abgelegt worden, Journalisten, mit denen der BND Kontakt hält, mit Decknamen und Vorgangsnummer zu versehen. Daß der Dienst aber weiterhin seine Hofberichterstatter hat, manchen Zögling mit Exklusivinformationen spickt und ihn Aufträge erledigen läßt, ist unter Journalisten ein offenes Geheimnis.Auch Siegfried Schmidt-Eenboom zählt einige Beispiele dafür auf. So ließ der BND Anfang der achtziger Jahre unter seinem damaligen Präsidenten, dem heutigen Bundesaußenminister Klaus Kinkel, belastende Unterlagen, die einem Journalisten vom "Münchner Merkur" zugespielt worden waren, über dessen Kollegen "beschaffen".Im Münchner Nachrichtenmagazin "Focus" agieren nach Überzeugung des Geheimdienstexperten gleich mehrere Vertrauensjournalisten des Dienstes. Einer von ihnen sei Paul Limbach, dessen Kontakte zum Pullacher Dienst bis in die sechziger Jahre zurückreichen sollen. Auf der geheimen BND-Liste taucht er als "voll tragfähige" Verbindung mit dem Decknamen "Limes" auf.Der langjährige Chef des ARD-Politmagazins "Panorama" und jetzige London-Korrespondent Joachim Wagner wurde laut Schmidt-Eenboom von der Stasi dabei abgehört, wie er mit seinen Verbindungsleuten im BND Beiträge seiner Sendung abstimmte. Wagner hat dies am Donnerstag im ARD-Fernsehen bestritten.Schmidt-Eenboom will sein Buch nicht als Anklageschrift verstanden wissen. Er ist überzeugt, daß die Kontakte zum BND für einzelne Journalisten nur eine Facette ihrer Arbeit waren. Für den BND aber haben sich diese Facetten zu einem heimlichen Auge addiert, schreibt Schmidt-Eenboom.