In den Staub, ihr Würmer: Am Sonntag hat die amtierende Königin des Pop im Berliner Velodrom Hof gehalten. Im Bühnenhintergrund explodierte ein Sternennebel, dann raste Kylie Minogue zweieinhalb Stunden lang mit dem Überlichtantrieb ihres königlichen Raumschiffes zum Ende des Weltalls und wieder zurück. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des irdischen Lebens verwirbelten sich dabei in einem Strudel; da es ums Leben ging, spielte auch Sex eine Rolle.Zu den Erdenmenschen der Gegenwart schwebte Kylie Minogue auf einem Thron aus dem Bühnenhimmel herunter, der mit zitternden blauen Ganglien einerseits an die Machtzentrale der bösen Borgkönigin aus "Star Trek" erinnerte, andererseits an den Pfauenthron der zu Unrecht vergessenen Qualitätspornodarstellerin Sylvia Kristel. Aber vom einen zum anderen ist es bei Kylie Minogue ohnehin nur ein winziger Schritt. Im Laufe des Abends sollte sie auch noch als österreichische Reitmeisterin, Chefin einer steppenden Ku-Klux-Klan-Bande und südseeschwüle Bananenboottänzerin auftreten; man sah sie als Mangamädchen und als homosexuellen Weltraumgeneral. Eine Rotte schwarz-silbriger Maschinenmenschen mit blickdichten Helmen umschwärmte sie wie mechanische Mücken: mal sich im eckigen Roboter-Breakdance bewegend, mal befreit zappelnd nach Art einer losgelassenen Kinderladenhorde. Zu dem Eröffnungsstück "Speakerphone" wurden hohe, sehr weit auseinander stehende Lautsprecherboxen aus dem Bühnenboden gefahren, auf denen die helmblinden Maschinenmenschen später wie Bergziegen herumhüpfen mussten. Zu "In Your Eyes" begannen einige von ihnen, auf dem Bühnenboden in Zweiergruppen Kopulationsbewegungen zu vollziehen, während andere vor den Boxen posierten wie vor Wandschränken, in denen jemand auf erregende Weise gefoltert wird; eine dritte Kleingruppe begann unterdessen, mit Floretten aufeinander einzufechten, wodurch das gesamte Ensemble an den autobiografischen Qualitäts-Sadomaso-Porno "Die Geschichte der O" zu erinnern begann. In diesem Moment leitete freilich auch schon ein Trio von frisch geduschten Blechbläsern in Bomberjacken den zweiten Teil des Abends ein, in dem Kylie Minogue ihrerseits als kecke Cheerleaderin in einem Footballdress posierte. "Eben noch Dominanzfetischistin, jetzt wieder Seriensternchen aus dem College-Komödien-Genre? Wie kann das sein?", fragte sich der Betrachter verwirrt, da bemerkte er auch bereits die durch Bepuschelung bestens definierten Begrabschzonen auf den Pobacken der Sängerin sowie den silbrigen Hodenschmuck, den ihre Tänzer trugen; auch in diesem scheinbar so sauberen Idyll brodelte es also unter der Oberfläche. War es nicht sogar das Grauen, das brodelt? Wenn sich das Blechbläsertrio mit seinen riesigen "K"s auf den Rücken zum Blasen in Reihe stellte, fügten sie sich zum "KKK".Absicht? Missverständnis? Wer weiß. Und wer wollte es wissen? Zweieinhalb Stunden glitten die knapp achttausend Zuschauer mit Kylie Minogue ebenso beseelt wie besinnungslos durch einen immer dichter werdenden Zeichennebel; vom (so ein Attribut aus der Frühzeit ihrer Karriere) "singenden Sittich" hat sich die Australierin längst zur globalen Supersemiotikerin gewandelt, die auch im schwersten Symboltreiben stets gefasst und tadellos angezogen bleibt.Die Kostüme waren durchweg von Jean-Paul Gaultier entworfen; ausgesprochen gut stand ihr etwa der Marlene-Dietrich-Hosenanzug, den sie im "Beach Club"-Teil des Abends vorführte. Die hüpfenden und kopulierenden Bergziegen kehrten hier als halb- oder noch nacktere Matrosen im "Querelle"-Stil zurück - nun verstand man auch, warum der Parkettbereich dicht vor der Bühne vor allem von gut trainierten Männern mittleren Alters bevölkert wurde und warum diese ihrerseits Matrosenmützen trugen. Zu "On A Night Like This" warfen die Matrosen sich in knappe k.u.k.-Uniformen und tanzten Wiener Walzer, was Kylie Minogue Gelegenheit gab, in einer Gardeoffiziers-Uniform mit glänzenden Reitstiefeln dazuzustoßen; zu "In My Arms" kehrte sie dann mit herabhängenden Hosenträgern und aufgebundener Offiziersfliege zurück, als habe sie es eben noch mit dem Stallburschen im Garderegimentsheu getrieben."The art of becoming", die Kunst des Werdens: So hat der britische Kritiker Paul Morley die Ästhetik von Kylie Minogue in seinem Buch "Words and Music" genannt, in dem er auf knapp 500 Seiten erläutert, warum sich in ihrem dekonstruktivistischen Discostück "Can't Get You Out Of My Head" (2001) die gesamte Geschichte der abendländischen Musik gleichsam wie in einem Prisma widergespiegelt findet. "Du bist niemals allein! Du bist, was du bist! Deine Disco braucht dich!", fasste Minogue den aktuellen Stand der abendländischen Musik kurz vor dem Ende des Hauptteils am Sonntag in ihren eigenen Worten zusammen; damit jeder verstand, worum es ihr geht, sagte sie diese Sätze auf Deutsch.Es war das erste Konzert in Berlin, das Minogue nach der Genesung von ihrer Brustkrebs-Erkrankung gab; manche hatten schon vor "X", der letzten Platte, erwartet, dass die Künstlerin zur "Persönlichkeit" reife - dass sie sich nach überstandener Krankheit zu ihrem wahren Ich bekennt. Das Gegenteil ist der Fall. Alles "Ich", alles "Reale" hat Kylie Minogue aus ihrer Darbietung noch konsequenter ausgetrieben als jemals zuvor - und wirkt jetzt so wahr und so weise wie kein anderer massenbegeisternder Popstar der Gegenwart. Und so erotisch: Allein diese eine kleine aufgebundene k.u.k.-Fliege, die beim Singen und Tanzen am Ende des Abends allmählich über das straffe Reithemd nach unten rutscht - allein sie ist erotischer, erregender, intelligenter als alles, was uns die Popmusik des letzten Jahrzehnts mit all ihrer körperlichen Unmittelbarkeit zu schenken vermochte.------------------------------Vom singenden Sittich hat sich die Australierin längst zur globalen Supersemiotikerin gewandelt.------------------------------Foto: Auch im schwersten Zeichentreiben blieb sie gefasst und gut angezogen: Kylie Minogue am Sonntagabend in Berlin.

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