Herr Kertész, gerade ist Ihre "Detektivgeschichte" erschienen, 1976 geschrieben und zusammen mit dem "Spurensucher" 1977 in Ungarn veröffentlicht. Es war ihr erstes Buch nach dem "Roman eines Schicksallosen". Die "Detektivgeschichte" schreibt ein Offizier des Staatssicherheitsdienstes eines südamerikanischen Staates. Für seine Verbrechen sitzt er in Haft, seine Aufzeichnungen gibt sein Anwalt heraus, der von einem "Groschenroman" spricht, einer Schauergeschichte, die "von der Wirklichkeit geschrieben" werde. Haben Sie nach dem "Schicksallosen" ein völlig neues Genre ausprobieren wollen?Das kann man nicht sagen. Das war eine alte Idee, ein Einfall. Ich dachte zunächst, ich verwende ihn, wenn ich mal etwas schnell brauche. Dann habe ich zunächst einen anderen Roman geschrieben, den "Spurensucher". Das war eine existenzielle Sache, es hing mit meiner Biographie zusammen, das hatte viel mit mir zu tun. Ich brachte die Sache zu meinem Verlag, und der Verlagsdirektor sagte, es ist zu kurz für ein Buch, zu wenig Körper. Ich solle noch etwas dazutun. Da habe ich die "Detektivgeschichte" geschrieben. Was war denn der Reiz für Sie, in die Rolle des Autors eines Groschenromans zu steigen?Ich habe auch den "Roman eines Schicksallosen" in vielen Punkten nach den Gesetzen eines Groschenromans geschrieben. Die Welt damals, die Welt der Diktaturen, war eher mit den Mitteln des Groschenromans zu fassen als mit den Mitteln, sagen wir, Flauberts, der ein Eckstein für mich ist. Das bedeutet nicht, dass Flaubert seine Gültigkeit für mich verloren hätte, dass die Literatur überhaupt ihre Gültigkeit verloren hätte. Aber um diese totale Welt zu formulieren, braucht man eigene Gesetze. Dazu gehört auch der schwarze Roman. Die alte, humanistische Welt ist zu Grunde gegangen. Das machte auch im "Roman eines Schicksallosen" Probleme. Ich erinnere mich an einen Kapitelanfang, es war das vierte Kapitel, der Junge wird im Waggon nach Auschwitz transportiert. Es fängt an mit einer kleinen Tatsache, die den Jungen stört, es fehlt Wasser ("wir hatten eben nichts zum Trinken dazu, und das war doch recht unangenehm"). Daraus entfaltet sich eine ganze Geschichte. Der "Roman eines Schicksallosen" gibt selbst keine Wertungen ab, stattdessen urteilt der Leser. Wir lesen, dass der Vater des Ich-Ezählers ins "Arbeitslager" deportiert wird und wie er für eine Reise vorsorgt, auch ein Taschenmesser gehört dazu, das braucht man immer. Aber der Leser weiß natürlich, dass all die guten Dinge dem Häftling sofort abgenommen werden. Die "Detektivgeschichte" spricht diese moralischen Fragen an und aus. Und von dem Erzähler, dem Geheimpolizisten, sagt sein Anwalt, er schreibe nicht mal schlecht, "wie jeder, der sich einmal im Leben entschließt, seinem Schicksal ins Auge zu sehen". Zunächst also der "Roman eines Schicksallosen", dann die Erzählung eines Mannes, der sein Schicksal kennt.Genau. Schauen Sie, ich habe damals sehr viele so genannte Geständnisse gelesen von Nazis, Kriegsverbrechern. Und manchmal habe ich es erfahren, dass sie in Momenten ganz ernst wurden. Das ist der Moment, in dem man sich mit seinem Schicksal wirklich konfrontiert. Es sind einige, die das tun, die meisten tun es nicht. Ein Verbrecher wie Eichmann zum Beispiel, der hat es nie getan. Einer wie Hans Frank, deutscher Generalgouverneur in Polen, wie ernst er war oder nicht, aber man hatte manchmal den Eindruck. Und ich habe Geständnisse kleiner, namenloser Verbrecher gelesen und erkannt, es kommt der Augenblick, in dem sie sich selbst ernst nehmen und das eigene Leben aus einer ganz anderen Perspektive betrachten als damals, als es gelebt wurde.Ist das der Punkt, an dem der Mensch doch ein Schicksal hat, es annimmt?Es zu seinem eigenen macht. Und wenn man es zu seinem eigenen macht, dann ist das ein Moment der Freiheit. Und der Anwalt in der "Detektivgeschichte", der versteht das. Zeigt sich hier noch einmal eine alte Vorstellung von Humanität, Moral oder Persönlichkeit?Aber manchmal schauert es einen, wenn man diese alten Werte wirklich als Werte nimmt, als gültig. Dann ist man in der Masse verloren. Und wer seine Erinnerungen aufzeichnet, der weiß, dass er ein Verlorener ist.Sie haben in solchen Zusammenhängen von "Katharsis" gesprochen, Reinigung. Der Verbrecher, der seine Taten offen legt, hat er ein kathartisches Erlebnis? Lässt er uns an einem solchen teilhaben?Auch wenn es keine Katharsis ist, ist es vielleicht ein Moment der Selbstbefreiung, in dem er sich selbst verurteilt. Was ihn über sein früheres Leben als Geheimpolizist erhebt, das ist, dass er sieht, was er gemacht hat. Was man klassisch unter Katharsis versteht, das war die schließliche Einfügung des Menschen in eine sittliche Ordnung. Ödipus, der seine Schuld anerkennt, blendet sich selbst und bestätigt die Ordnung dadurch. Oder Maria Stuart: gewürdigt, "durch diesen unverdienten Tod die frühe schwere Blutschuld abzubüßen". (Kertész lacht.) Bezieht sich die Katharsis, so wie Sie davon sprechen, nicht mehr auf eine moralische Ordnung?Schiller schreibt aus einer gültigen Weltordnung. Heute sind alle Werte bestritten. Unsere Zeit hat eine universelle Weltordnung nicht mehr. Und die Werte sind nicht nur bestritten, sie sind vor unseren Augen zusammengebrochen. Was uns bleibt ist eine individuelle Anständigkeit, eine individuelle Anstrengung, individuelle Werte zu schaffen. Und man fängt an bei einem Geständnis, dem Geständnis, dass man auf irgendeine Weise falsch lebt. Was zeichnet unsere Zeit aus? Dass die Gesellschaft den Menschen die Individualität nimmt. Wir sehen die Sammelsprachen, Reklame, Modelle, und man passt sich an, man verliert sich selbst unter den vielen, manchmal angenehmen, manchmal furchtbaren Angeboten. In unserer Zeit fängt alles damit an, dass man einmal einen klaren Blick auf sich geworfen hat. Dann kann man sich befreien. Dann ist man berechtigt, eigene Werte aufzustellen.In der "Detektivgeschichte" haben ja tatsächlich alle Personen ein eigenes Schicksal. Es widerfährt ihnen nicht etwas Fremdes, Zufälliges, sie erleben, was ihnen entspricht. Der Folterer Rodriguez, ein primitiver Sadist, wird gefasst und verurteilt. Der Vorgesetzte Diaz, der böse Geist, überlegen und rücksichtslos, wird sich in seiner Gewandtheit jeder Strafe entziehen. Und der junge Enrique, idealistisch zum Opfer geneigt, wird zum Märtyrer. Dreimal arbeitet das Schicksal auf den Menschen zu. Wir erleben, dass drei Figuren ihr Schicksal erfüllen, um - nochmal - Schiller zu zitieren. Enrique, der jugendliche Held, erlebt die Diktatur als unerträglich, er denkt, wie er denkt. Aber er gehört nicht zu den Revolutionären, sie lehnen die Zusammenarbeit mit ihm ab. Aber er trifft eine Entscheidung. Und in diesem Sinne ist er frei. Er müsste sich nicht so benehmen, wie er sich benimmt. Sein Leitfaden ist seine Überzeugung, sein Weltbild. In diesem Sinne ist er eine schillersche Figur. Rodriguez, der Folterer, tut auch, was er ist. Aber er braucht dazu eine Ideologie. Und die heißt Ordnung, eine Ideologie, die alles rechtfertigt. Und Diaz, der Chef der Truppe, ist ein Zyniker oder Skeptiker, der alles weiß und alle Erfahrungen in der Tasche hat. Er tut seine Arbeit, und wenn sie nicht mehr gebraucht wird, dann verschwindet er. Eine ewige Fluchtfigur. Er taucht mal in Südamerika auf und mal in der Sowjetunion. Aber er wird immer jemand finden, der ihn beschäftigt. In dem neuen Buch gibt es zwei ausdrückliche moralische Diskussionen. Zunächst spricht der zum Märtyrertum neigende Enrique mit seinem Vater über den Sinn des Widerstands. Der Sohn verhält sich als Widerständler und bringt zuletzt das Opfer seines Lebens. Aber es ist sinnlos: Um ihn zu retten hat der Vater eine Widerstandskulisse aufgebaut, in der sich der Sohn ungefährdet bewegen sollte. Nun hat der Leser die Wahl, die Handlungen Enriques als sinnlos zu bewerten oder ihn für seinen Mut und seine Entscheidung zu bewundern.Ich hätte die Struktur nicht aufbauen können, hätte ich nicht im Kadar-Regime gelebt, im kommunistischen Ungarn. Da lernt man solche Konstellationen in den Familien kennen. Das passierte sehr oft: Der Vater hatte eine kommunistische Vergangenheit, eine Vergangenheit, in der er etwas gelernt hatte. Und hat er den Stalinismus durchgelebt und kommt eine weichere Diktatur wie die Kadars, wird auch er weicher und weiser. Die Kinder dieser Führungs-Kader aber stellen sich gegen die Väter, gegen die Regimes, gegen alles, was die Väter in ihrer Jugend einmal wertvoll fanden. Da findet man ein Bild der Verzweiflung, die auch den Vater in der "Detektivgeschichte" befällt. Dass er die "Weisheit" nicht weitergeben kann. Der Sohn ist revolutionär, er ist mit der Weltordnung nicht zufrieden. Das ist das Beste, was einen jungen Menschen auszeichnen kann. Aber der Vater, der den Jungen liebt, kann ihn nicht retten, nur betrügen. Das ist der eigentlich schwere Konflikt des Buches, gerade für die Gesellschaft, in der ich damals gelebt habe. Der gewollte Widerstand läuft ins Leere, aber dass in ihrem Roman das verbrecherische Regime endet und einige seiner Handlanger verurteilt werden, das ist eine Hoffnung. Das war ein Lichtstrahl und stellte zugleich die kommunistische Zensur zufrieden. Neben der Diskussion zwischen Vater und Sohn über die moralische Pflicht zum Widerstand gibt es ein kurzes Gespräch über das Tun des Geheimdienstes, über seine Maßstäbe. Das "Corps" war auf der falschen Fährte, es hat nichts aufgeklärt. Und nun stellt sich heraus, es gibt keine Maßstäbe, gar keine, kein Recht, keine Staatlichkeit. Die Geheimdienste reißen den Staat in eine Situation, aus der er nicht mehr herauskommt. Sie übernehmen den Staat. Sie ergreifen die Macht, gerade durch das Unrecht. Das sind die Gesetze des Putsches.Eine Pointe Ihres Buches ist es, dass die Verhafteten, Gefolterten auch im Sinne des Staates unschuldig, ungefährlich sind. Aber um den Staat und seine Organe zu schützen, müssen sie dennoch liquidiert werden. Das ist furchtbar. Und dadurch kann eine Gruppe die Macht ergreifen, wie wir es in der Hitler- und der Stalinzeit erlebt haben. Sie haben immer wieder darauf hingewiesen, dass es die Ideologien sind, die hinter den großen Verbrechen stehen. Aber in der "Detektivgeschichte" werden wir Zeuge staatlicher Verbrechen, die längst alle Ideologie hinter sich gelassen haben. Das ist die Situation, wo verschiedene Schichten des Bewusstseins wirken. Die Hauptfigur, Martens, ist von der Polizei zum Geheimdienst gestoßen, er weiß nichts. Er denkt an Karriere und Gehaltserhöhung. Sein Chef, Diaz, weiß alles. Er will die Macht und zwingt den Staat dazu, ihn zu stützen. Rodriguez lebt seine sadistischen Instinkte aus. Dazu reicht er eine ganz primitive Moral, sie heißt Ordnung. Ordnung muss sein. Das Buch zeigt, wie verschieden die Wertewelten sind für die drei Geheimdienstleute. Dazu treten der Junge und sein Vater mit ihren Weltbildern aus dem frühen Zustand einer Diktatur, wenn es noch bürgerliche Reste der Gesellschaft gibt.Im "Kaddisch für ein nicht geborenes Kind" sprechen Sie mehrfach von Hitler und Hegel als H., und man gewinnt den Eindruck, es macht Ihnen Freude, mit dem Zufall des gleichen Initials zu spielen.Ja, ja (lacht). Sehen Sie in der Geschichtsphilosophie eine Ermächtigung der großen Diktaturen?Hegel stellt sich eine totale Welt vor, ganz harmlos, ganz unschuldig. Die totale Welt wurde eine Realität bei Hitler. Nehmen wir den Philosophen Georg Lukacs, in Deutschland wahrscheinlich bekannter als in Ungarn. Er hat einmal ganz offen geschrieben, er habe angefangen zu philosophieren und dabei mehrere Linien verfolgt, aber eigentlich habe er die Welt auf einen Nenner bringen wollen. Dieser eine Nenner, das ist die furchtbarste Sache. Davon sprechen verbrecherische Politiker wie unschuldige Philosophen. In Ihren Büchern geht es oft um die Frage der Religion. Sie haben einmal Wittgenstein beigepflichtet: "Beim religiösen Glauben stimmt vor allem und in erster Linie der Ausgangspunkt, die Tatsache nämlich, dass die Lage des Menschen hoffnungslos ist." Ich habe damals die Tagebücher ("Vermischte Bemerkungen") übersetzt, in denen er sich mit Gott und seinem Judentum auseinander setzt. In seinen philosophischen Büchern hat er das nie getan. Das war ein erschütterndes Erlebnis zu sehen, wie er zum Judentum stand. Er war ein religiöser Mensch. Ich bin auch ein religiöser Mensch, nur brauche ich dazu keine Religion, kein Dogma. Und man braucht keine genaue Vorstellung von Gott, um ein religiöses Gefühl in sich zu pflegen. Aber der Mensch will jemandem Dank sagen für das Leben. Und das ist ganz unabhängig, ob jemand da ist, dem wir Dank sagen können. Aber Dank sagt man dem, der im Augenblick über uns steht, dem man etwas schuldet. Dank ist eine Geste nach oben. Nach oben, aber nicht nur nach oben. Wir kennen das Gefühl des Glücks, der Dankbarkeit. Es sind seltene Gefühle. In manchem Moment liegt darüber die Freude, dass dies das Leben ist. Im "Roman eines Schicksallosen" gibt es diesen ungeheuren Moment, einen der größten der Literatur des 20. Jahrhunderts: Der Ich-Erzähler kehrt schwerkrank aus dem Arbeitslager nach Buchenwald zurück. Er sieht die "verdächtigen Rauchschwaden mit freundlicheren Dämpfen", hört das vertraute Geklapper, den Duft von Kohlrübensuppe, und "alle Verstandesnüchternheit half da nichts", er hörte in sich die "Stimme einer leisen Sehnsucht": "ein bißchen möchte ich noch leben in diesem schönen Konzentrationslager". Das ist eine Situation, wo er diesen Satz sagen darf. Und dieser Satz leuchtet durch den ganzen Roman, glaube ich. Aber Sie schreiben auch, dass Dankbarkeit etwas ist, was den Menschen heute schwer fällt. "Gestern, beim Anhören des Quartetts op. 127 (zweiter Satz) fiel mir auf, dass ein solches Gefühl in der heutigen Kunst völlig fehlt. Was für ein Gefühl? Müsste ich es benennen, würde ich am ehesten sagen: Dankbarkeit." Ein großer Komponist unserer Zeit, den ich danach gefragt habe, hat die ganz einfache Antwort gegeben: Wir haben keine Sprache dafür. Um einen Satz zu schreiben wie den, den Sie gerade aus dem "Schicksallosen" zitiert haben, muss man durch furchtbare Prozesse gehen, und dann entsteht vielleicht ein Moment, in dem, wie absurd auch und wie verzerrt, wir doch unsere Liebe zum Leben ausdrücken können. Die Welt der Vernichtungslager haben Sie nicht als Betriebsunfall der Geschichte verstanden, auch nicht als eine bloß deutsche oder deutsch-jüdische Katastrophe. Was ist es dann? Wieso findet im 20. Jahrhundert solche Ausmordung statt? Liegt es daran, dass es jetzt die technischen Voraussetzungen gibt, Eisenbahnen, Melderegister und Chemieindustrie? Ich kann darauf keine weise Antwort geben. Dann wäre die Welt erlöst, damit kann ich leider nicht dienen. Es ist eine völlig neue Welt, mit neuen Ansprüchen und neuen Menschen, die da entstand. Ich hörte im Rundfunk ein Interview mit dem Hitler-Biographen Ian Kershaw, und er sollte auf die Frage antworten, wie eine Figur wie Hitler möglich werden konnte. Es ist ein Geheimnis, auf das niemand eine Antwort gefunden hat, nicht die Historiker und nicht die Künstler. Aber es muss eine Gesetzmäßigkeit geben, dass in Russland die Revolution sich zu einem totalitären Staat verzerrte und dass sich Deutschland zu einem totalitären Staat entwickelte. Man kann es mit verschiedenen Motiven erklären. Eines davon sehe ich jetzt im Jahre 2004 deutlicher: Es ist die Verletztheit der Völker. Sie sind verletzbar geworden wie Individuen. Und schauen wir auf den heutigen Terrorismus, so sehen wir wieder diese absurde Verletztheit. Wer entscheidet sich zu einem Selbstmordattentat? Er muss eine furchtbare Verletzung erlebt haben. Dahinter muss eine Tatsache stehen, die wir nicht verstehen, wir, die wir hier in diesem schönen Hotel sitzen. Diese Verletztheit der Völker greift tief - denken Sie an die Deutschen nach dem I. Weltkrieg. Wenn ich in den Erinnerungen von Sebastian Haffner lese, wie er die Niederlage 1918/19 erlebte, dann sehe ich eine Erklärung, dass sich ein Volk benehmen kann wie ein Kind. Ohne Nationalstaatlichkeit ist das überhaupt nicht vorstellbar. Sie sehen kollektive Kränkungen, die es früher nicht gab?Ja. Denken Sie an die Bedeutungen, die Fußballmannnschaften haben mit ihren Niederlagen und ihren Siegen.Aber es ist offenbar ein ganz tiefes Bedürfnis, sich an eine solche kollektive Identität anzuschließen. Ja, Nietzsche hat das vorausgesehen, diese Massenerscheinungen. Sie enthemmen die Menschen. Das ist etwas Neues in der Geschichte. Wie viel mehr Menschen leben heute als vor hundert Jahren! Das hat seine Wirkung. Diese Menschen müssen regiert werden. Und eine verbrecherische Weise ihrer Regierung ergibt sich ganz leicht. Und weil das unverändert so ist, meinen Sie, es sei nach 1945 nichts geschehen, was Auschwitz widerlegen könnte? Es konnte nichts passieren. Ich will nicht ins idealistische Tönen verfallen. Wenn wir geglaubt haben, dass ein Ereignis wie Auschwitz die ganze christliche Kultur erschüttert hat und erschüttern musste, wenn wir geglaubt haben, dass aus diesem Bewusstsein eine neue Moral entsteht, wie ich es Ende der Achtzigerjahre wirklich geglaubt habe, dann muss ich sagen, ich habe mich geirrt. Ich muss es zurückziehen.Woraus, meinten Sie, könne eine neue Wertewelt entstehen, hätte eine neue Wertewelt entstehen können? Wenn das Christentum als Lamm die Sünde auf sich genommen hätte, wäre das ein Schritt gewesen. Das wäre etwas gewesen, das zu denken gegeben hätte, und es hätte zugleich auch das Christentum selbst erneuern, hätte seine wahre Universalität bekräftigen können. Aber es war zu viel erwartet. Doch etwas ist entstanden, ein Konsens unter den westlichen, demokratischen Ländern: Man muss den Holocaust verurteilen. Das ist in den osteuropäischen Staaten noch kein Konsens. Man bemüht sich darum. Die Verurteilung des Holocaust ist schon etwas. Viel ist es nicht. In Ihrer Nobelpreisrede haben Sie Auschwitz datiert nach 2 000 Jahren der Kultur. Was war vor 2 000 Jahren? Das Christentum trat in die Welt. Wollten Sie Auschwitz verstehen als die Folge der Erschöpfung des Christentums? Ist die christliche geprägte Moral am Ende? Auschwitz ist im christlichen Kulturkreis geschehen und darum muss dieser christliche Kulturkreis damit weiterleben, dass es dort passiert ist. Das ist die ethische Konsequenz, an die ich dachte. Aber wir sehen Konsequenzen, die sich in lauter Zwangsshandlungen darstellen: repräsentative Denkmäler, repräsentative, aber leere Reden und so weiter und so weiter. Auschwitz wird für die neue Generationen immer mehr zu einer fremden Geschichte. Hier muss die Literatur eintreten. Es ist die Aufgabe oder der Zweck der Literatur, Erfahrungen zu ermöglichen, lebendige Erfahrungen zu ermöglichen. Noch einmal zu den Bedingungen der Lagerherrschaft. Sie haben einmal von der Herrschaft der Vernunft gesprochen, die verraucht sei und die Schrecken ermöglicht habe. Meinten Sie, eine Welt der Vernunft habe zuletzt einen kalten Pragmatismus heraufgeführt wie in der "Detektivgeschichte:" Es wird der Apparat bedient? Oder ist die Missachtung der Vernunft der Grund des Terrors?Man kann es sich auf beide Weisen vorstellen. Einmal auf die dostojewskische Weise: Wenn Gott nicht existiert, dann ist alles möglich. Sie können auch weiter gehen: Man braucht einen Gott, unbedingt, der aber lässt zu, befiehlt sogar, was die Menschen tun sollen. Und dieser Gott befiehlt öfters Verbrechen. So erlöst er sie. Und das ist das Geheimnis der Diktatur. Ich sage nicht, dass es neu ist: Die Dikatur erlöst den Menschen. Namentlich erlöst sie den Menschen von sich selbst. Und so hebt sie das Individuum auf. Sagen wir es offen: Das ist eine ganz große Erleichterung für den Menschen. Die Diktatur beerbt den alten Glauben.Hören Sie auf die Sprachen der Diktaturen, und Sie finden eine religiöse Welt vor sich. Die stalinistische Diktatur war voll mit den alten orthodoxen Motiven: Selbstkritik, Todesopfer, Erlösung, Märtyrertum. Warum? Die religiöse Welt war auch irrational: Credo quia absurdum. (Ich glaube, weil es vernunftwidrig ist). Und auch Hitler hat das religiöse Gefühl bedient. Der Nationalsozialismus ist auf den Erlöser gerichtet, er soll eine Wagner-Oper sein: Lohengrin, der den Menschen erlöst - solange man nicht nach seinem Namen fragt. Aber können Sie sich eine Politik, eine Gesellschaft vorstellen, die ohne das Erbe der Religion, ohne die Erlösung von der Individualität auskommt? Wie lässt sich der Verführungskraft der Diktatur widerstehen? Eine schwierige Frage. Es ist kein Zufall, dass man nach dem Ende der sozialistischen Dikatatur eine große Nostalgie hatte. Ich rede nicht über die Leute, die sich erinnern, dass das Brot billiger war. Ich rede von denen, die über die Intensität des inneren Lebens sprechen. Das ist diese irrationale, religiöse Welt, wo man täglich eine "Seele" hatte. Das ist etwas ganz anders als die westliche Demokratie, die auf der Rationalität erbaut ist, wo man jeden Tag den Konsens neu bilden oder erhalten muss. Wer aber in dieser schwarzen religiösen Welt lebt, der ist zu allem bereit, ohne dass er eine wirkliche Verantwortung für sich selbst tragen muss. Und das ist meiner Meinung nach eine furchtbare Anziehungskraft der Diktatur. Kann die Demokratie die Leerstelle ersetzen, die die Diktatur füllte? Sie kann, aber dazu braucht es eine lange demokratische Kultur wie in England oder den Niederlanden. Interessanterweise mit Religion zusammen, aber mit dem Puritanismus, nicht mit dem Katholizismus. Wie in Amerika.Das kommt einem auch nicht mehr so stabil vor.Ja, vielleicht erleben wir eine Krise der Demokratie in Amerika. Das wäre das Schlimmste. Ich liebe das Land, und ich schätze die individuelle Freiheit. Ich fürchte sehr, dass die Angst vor dem Terrorismus etwas von der individuellen Freiheit vernichtet. Ich liebe Amerika. Die vermischten Völker sind für mich die attraktivsten. Ich gehe auf die Straße und sehe so viele Gesichter, verschiedene, schöne Gesichter, alle Arten von Menschen. Berlin ist demgegenüber noch ziemlich homogen, finden Sie nicht?Nein, nein. Etliche Berliner hören das nicht gerne. Meine Frau, die amerikanische Staatsbürgerin ist, und ich finden, Berlin ist von Budapest aus das nächstliegende New York. Ich mag die liberale Tradition, die Offenheit, die Toleranz. Wenigstens hier in Charlottenburg. Ich hoffe auch in anderen Teilen. Ich hoffe auch.Das Gespräch führte Stephan Speicher.------------------------------Zur Person // IMRE KERTéSZ wurde vor 75 Jahren, am 9. November 1929, in Budapest geboren. Als Vierzehnjähriger wurde er 1944 deportiert, erst nach Auschwitz und dann nach Buchenwald, wo er 1945 befreit wurde. Nach Schulbesuch, journalistischer Arbeit und Militärdienst lebte er seit 1953 als freier Autor in Budapest, wo er sich unter beengten Umständen mit Arbeiten für musikalische Revuen, Musicals und mit Übersetzungen durchschlug. Unter anderem übersetzte er Nietzsche, Freud, Hofmannsthal, Schnitzler, Canetti und Wittgenstein. DER "ROMAN EINES SCHICKSALLOSEN" machte ihn, wenn auch spät, weltweit bekannt. Zwischen 1960 und 1973 hatte Kertész an dem Buch gearbeitet, 1975 erschien es in Ungarn, 1990 zum ersten Mal in deutscher Sprache, doch erst die zweite Übersetzung von Christina Viragh (1996, jetzt rororo, 7 Euro) fand das große Echo. Zu den bedeutendsten Ehrungen, die Kertész erfahren hat, gehört die Aufnahme in den Orden Pour le mérite (2000) und der Nobelpreis (2002).WEITERE WICHTIGE BÜCHER SIND:Der Spurensucher. Erzählung. 1997/2002, Suhrkamp, 11,80 Euro.Fiasko. Roman. 1988/99, jetzt rororo 9,90 Euro. Kaddisch für ein nicht geborenes Kind. 1990/1992, jetzt rororo 7,90 Galeerentagebuch. Roman. 1992/93, jetzt rororo, 8,50 Euro.Ich - ein anderer. 1997/98, jetzt rororo, 7,50 Euro. Liquidation. Roman. 2003. Suhrkamp, 17,90 Euro.Die exilierte Sprache. Essays und Reden. 2003. Suhrkamp Verlag, 19,90 Euro. GERADE ERSCHIENEN: Detektivgeschichte. Aus dem Ungarischen von Angelika und Peter Maté. Rowohlt, Reinbek 2004, 12,90 Euro.