Judith Hermann veröffentlichte 1998 ihr erstes und für lange Zeit einziges Buch: "Sommerhaus, später". Der schmale Band mit kurzen Erzählungen machte die 1970 geborene Autorin in den Augen vieler Kritiker zu der literarischen Stimme ihrer Generation; 250 000-mal wurde er verkauft. Heute erscheint Judith Hermanns zweites Buch "Nichts als Gespenster" im Fischer Verlag. Wir sprachen mit ihr über die lange Zeit zwischen beiden Titeln, über ihr Gefühl, "zu Tode gelobt" worden zu sein und über den Wert von Nebensächlichkeiten.Sie haben gerade zum ersten Mal aus Ihrem neuen, zweiten Buch gelesen. Der Erwartungsdruck ist riesig. Ist das erste Lesen unter diesen Vorzeichen noch einmal schlimmer?Es ist schon etwas Besonderes, dass es jetzt auch tatsächlich da ist, dieses zweite Buch, von dem ich lange Zeit nicht geglaubt habe, dass ich es überhaupt schreiben werde. Man denkt an das erste Lesen viereinhalb, fünf Jahre zuvor und überhaupt noch einmal zurück an diese Entwicklung, die da stattfand. Ich bin ein bisschen verwundert und gerührt - irgendwo dazwischen. Haben Sie das Gefühl, dass Sie dem Druck gut standhalten?Ich besitze eine grundsätzliche Stabilität, der ich sehr vertraue. Ich hab jetzt auch ein kleines Kind. Das hilft sehr dabei, weil es immer wieder die Dinge zurechtrückt und eine ganz einfache und alltägliche Wirklichkeit schafft. Andererseits merke ich, dass ich auch empfindlicher geworden bin. Ich weiß nicht, was jetzt geschehen wird. Vielleicht geschieht auch gar nichts. Ich vertraue auf mich selbst, aber nichtsdestotrotz fürchte ich mich. Vier Jahre sind seit Ihrem ersten Buch vergangen. Hat sich Ihr Schreiben seither unter den Vorzeichen Ihres ungeheuren Erfolgs verändert?Ja, aber das lag vorzugsweise am Kind. Ich habe nach dem Erscheinen von "Sommerhaus, später" anderthalb Jahre überhaupt nicht geschrieben, war auf Lesereise und habe viel zu viel über das Buch gesprochen, als dass ich Abstand hätte gewinnen können, um ein neues zu schreiben. Im Herbst 1999 habe ich mich komplett zurückgezogen und bin in ein Aufenthaltsstipendium nach Süddeutschland gegangen. Dort habe ich nach zwei Wochen festgestellt, dass ich schwanger bin. Ich bin zurück nach Berlin, habe aufgehört zu rauchen, und Rauchen und Schreiben ist so sehr eins, dass ich sowieso wusste, ich kann jetzt lange nicht mehr schreiben.Marcel Reich-Ranicki hatte Ihnen prophezeit, dass Sie keine Zeile mehr schreiben würden, wenn Sie ein Kind bekämen.Ich habe in den ersten Monaten der Schwangerschaft wirklich oft an diesen Satz gedacht, sehr beunruhigt auch. Ich war eigentlich der Meinung, dass er Recht hätte und habe unter anderem vermutet, dass ich mich als Mutter in dem Dialog mit dem Kind in einer so heilen Welt befinden würde, dass es keinen Anlass mehr gäbe zu schreiben.Ihr Kind hat keine ganz neuen Brüche erzeugt?Doch, jetzt weiß ich das, damals wusste ich es nicht. Der frappierendste Unterschied zum ersten Buch ist der, dass Ihre Figuren Berlin jetzt sehr viel öfter verlassen. Wollten Sie sich dadurch vom ersten Buch unterscheiden?Es war eine unbewusste Entscheidung. Ich habe es nicht so gern gemocht, dass "Sommerhaus, später" immer als Berlin-Buch kategorisiert worden ist und hatte deshalb auch wenig Lust, noch mal Berlin-Geschichten zu schreiben. Außerdem bin ich in den letzten vier Jahren sehr viel gereist. Auf Reisen bin ich sehr viel empfindlicher, aufmerksamer und konzentrierter. Meine Wahrnehmung ist schärfer, deshalb gibt es auch sehr viel mehr mögliche Ansatzpunkte für Geschichten.Ihre Figuren tun sich schwer, sich festzulegen. Ihr eigenes Leben spielt sich nicht in solchen Unwägbarkeiten ab.Das ist ja auch die große Möglichkeit des Schreibens, dass man nicht über das schreiben muss, was man selber lebt, sondern über das schreiben kann, wonach man sich sehnt. Die Figuren in dem ersten Buch wurden oft als melancholisch und elegisch beschrieben und das bin ja ich selber beispielsweise überhaupt nicht. Ich bin relativ handfest. Aber ich habe eine Sehnsucht nach bestimmten provisorischen Lebensentwürfen und unentschiedenen Zuständen.Was steht ganz am Anfang Ihrer Geschichten? Meistens sind es Sätze. Ich höre einem Gespräch zu und es fällt ein Satz, der mir im Gedächtnis bleibt, und von dem ich denke, ich möchte gerne einmal eine Geschichte schreiben, in der jemand diesen Satz zu jemand anderem sagt. Ihre Figuren sind kaum durch einen Beruf oder ein soziales Umfeld gekennzeichnet. Beinah ist es, als lebten sie im luftleeren Raum. Warum ist das so? Ja, das stimmt. Zu Berufsbezeichnungen habe ich mich in diesem Buch eher gezwungen. Ich bin das bei dem ersten Buch immer wieder gefragt worden: Was machen die? Wovon leben die eigentlich? So dass ich mich gezwungen sah, es jetzt mal auszudrücken, obwohl ich eigentlich keine Lust dazu hatte. An manchen Stellen war es gut und an manchen war es eher kapitulativ: Ich gebe ihnen einen Beruf, obwohl ich eigentlich gar nicht wissen will, was die machen. Eine Konzession an die Kritiken zum ersten Buch?Genau. Vielleicht sogar weniger an die Kritik als an die Gespräche mit Lesern. Es war der innere Dialog mit einem eventuellen Leser, der dieses Zugeständnis gemacht hat. Warum ist Ihnen das Umfeld Ihrer Figuren so gar nicht wichtig?Das könnte daran liegen, dass es in meinem Freundeskreis gänzlich unterschiedliche, fast schon nicht zueinander passende Berufe und Arbeitssituationen gibt, die aber in der Kommunikation überhaupt keine Rolle spielen. Ich bin sozial so geschult. Lange Zeit war es sicherlich auch so, dass wir alle einfach gar nichts gemacht haben und was wir eigentlich machen wollten, war immer eine sehr unentschiedene, offen gelassene Stelle im Leben.Sie haben überhaupt erst ein Jahr bevor "Sommerhaus, später" erschienen ist, also 1997, begonnen zu schreiben. Was war der Auslöser? Der letzte Auslöser war definitiv ein Aufenthalt in New York. Dort habe ich angefangen, sehr viele Briefe nach Hause zu schreiben. Darin bin ich auch für mich selber spürbar aus dem journalistischen oder ganz normalen familiären Briefe-Schreiben übergegangen in eine Art erzählendes Schreiben. Was nicht greifbar war, New York nämlich, konnte ich mir so nehmen. Das war sehr beglückend und auch eine Art von Erkenntnis. Dann bin ich zurückgefahren nach Berlin und habe mich beworben für ein Aufenthaltsstipendium. Ich bekam ein halbes Jahr. Ich saß dann so da, in einem ganz kleinen Dorf, und sollte plötzlich anfangen zu schreiben und also habe ich angefangen. Als das Buch so ein Erfolg wurde, hatten Sie den Eindruck, eine Hochstaplerin zu sein. Ist das Gefühl noch immer da?Durch das Schreiben des zweiten Buchs ist das Gefühl jetzt nicht mehr da. Das heißt nicht, dass ich jetzt davon überzeugt bin, eine Schriftstellerin zu sein. Ich bin mir nicht sicherer als zuvor.Ist Ihnen Schreiben ein Bedürfnis?Das Bedürfnis ist da, aber ich bin nicht sicher, ob es von außen kommt oder aus mir selbst. Ich vermute, es kommt aus mir selbst, aber ich kann es schwer sagen. Es ist meine Art geworden, mich zu orientieren in der Welt. Ich weiß aber nicht genau, ob es wirklich gut ist für mich. Wieso?Manchmal denke ich, dass es besser wäre, einen Beruf zu haben, in dem ich von außen ganz klare Vorgaben habe und eine alltägliche Struktur. Etwas, das mich von mir selber eher ablenkt, als mich immer auf mich selbst zurückzustellen. Dass ich dieses Schwebende, Diffuse, nicht zu Benennende auch noch weiterhin immerzu mit mir herumtragen muss, das erscheint mir manchmal wie eine Last. Ihr Genre ist die Erzählung. Die Verlage trauen dieser Form nicht. Planen Sie als Nächstes etwas anderes?Ich glaube, die Erzählung ist die Form, die mir entspricht und dem entspricht, was ich erzählen will. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie ich die winzigen Momente, um die es mir geht, in einem ganz langen Text zentrieren soll. Meine Erzählungen sind länger geworden, und trotzdem waren sie immer irgendwann zu Ende. Wie das beim Schreiben des dritten Buches sein wird, werde ich sehen. Ich halte den Roman nicht für die Königsform, und ich lese unheimlich gern Erzählungen. Die Autorin, von der ich in den letzten vier Jahren alles gelesen habe, was ich kriegen konnte, ist Alice Munro. Sie wird jetzt gegen Ende ihres Lebens nicht mehr gefragt, wann sie einen Roman schreibt. Die Frage ist so unsinnig. Kann man bei Alice Munro von einem Vorbild sprechen?Es gibt Autoren, die man sehr liebt, aber gerade dann schließt man mit der Möglichkeit, sie könnten ein Vorbild sein, ab. Es gibt aber natürlich Autoren, die prägen. Für mich war das auf eine gewisse Art Raymond Carver, und ich bin sehr froh, ihn erst nach "Sommerhaus, später" gelesen zu haben.Was fasziniert Sie an ihm?Raymond Carver hat einmal gesagt, in einer guten Erzählung gehe es immer um den Moment, bevor jemand geht, bevor eine Tür zuschlägt, bevor ein Satz gesagt wird, und dann ist sie auch schon zu Ende. In allen Erzählungen, die ich sehr gerne gelesen habe - ob sie von Munro oder Carver, von Hemingway oder von Katherine Mansfield waren - ging es immer genau darum. Es gab immer einen magischen Moment, in dem man für eine kurze Zeit aus seiner eigenen Realität erlöst ist und irgendetwas empfindet, was man schwer benennen kann, aber was einen noch lange begleitet. Das wäre es auch, worauf Sie beim Schreiben aus sind?Es geht mir um einen Augenblick, ein Schlaglicht oder einen Satz, und wenn der dann den Leser trifft, dann hab ich s vielleicht ganz gut gemacht.Zu "Sommerhaus, später" schrieb Anton Thuswaldner von den Salzburger Nachrichten: "So sehen Texte aus, die sich an anderen orientieren und die Gefälligkeiten bedienen." Wollen Sie gefallen?Nein, wirklich nicht. Darum ist es mir damals nicht gegangen und jetzt durfte es mir nicht darum gehen. Im Gegenteil: Ich habe während des Schreibens oft daran gedacht, ob das gefällt und dachte mir immer, das wird nicht gefallen, aber das war mir egal. Hat man Sie eigentlich, wie es in derselben Kritik heißt, "zu Tode gelobt"? Es war die erste Kritik, die wirklich hart mit dem Buch umging. "Judith Hermann ist eine Fürstin des Durchschnitts." Aber trotzdem hat sie mich erleichtert. Zu dem Zeitpunkt war ich sehr dankbar für diese Härte und ich war vor allem sehr dankbar für den letzten Satz, weil die Kritik gnädig endet: "Es steckt Talent in ihr." Genauso habe ich mich gefühlt: talentiert und zu Tode gelobt. Ich fand das einen guten Ausdruck. Das Übermaß an Lob hat bewirkt, dass ich überhaupt gar keine Reize mehr hatte. Es hat nichts mehr ausgelöst außer Überdruss und Erschöpfung.Es ist bei kaum einem Autor so viel über sein ungewöhnliches Aussehen gesprochen worden wie bei Ihnen. Ihr Foto in "Sommerhaus, später" war beinah ebenso ein Thema wie das Buch. Wie gehen Sie damit um?Ich weiß, dass das Foto eine unglaubliche Rolle spielt. Es gibt ja Journalisten, die lange Artikel darüber geschrieben haben, wie eng Foto und Buch miteinander verknüpft sind. Mich hat das nie gekränkt. Es gab eine ausgeprägte Reaktion der Leser auf das Foto. Ich hab das erlebt auf Lesungen: Die Leute saßen da mit aufgeschlagenem Buch, ich kam aufs Podium, dann gab s diese Blicke hin vom Cover zu mir, dann wurde das Buch zugeschlagen und dann kam dieses "Die sieht doch überhaupt gar nicht so aus!" Dass Foto und Buch miteinander verwoben waren, fand ich nicht schwierig. Ich fand es aber natürlich schwierig, dieser Projektionsfläche, die da entstand, standhalten zu müssen.Mit Judith Hermann sprach Julia Kospach. Eine Kritik von "Nichts als Gespenster" erscheint am kommenden Montag. Am 10. Februar um 20 Uhr liest Judith Hermann in den Sophiensælen.Ich saß dann so da, in einem ganz kleinen Dorf, und sollte plötzlich anfangen zu schreiben und also habe ich angefangen.JUERGEN BAUER "Ich weiß, dass das Foto eine unglaubliche Rolle spielt". Judith Hermann.