Frau Bischitzky, Sie haben drei intensive Jahre dafür verwendet, Nikolai Gogols "Tote Seelen", die bereits 16-mal ins Deutsche übersetzt wurden, ein 17. Mal ins Deutsche zu übersetzen. Warum?Es gibt viele Gründe. So viele Übersetzungen sind das gar nicht. Von den Shakespeare-Sonetten gibt es, glaube ich, 60 Fassungen.Jedenfalls häuft man wahrscheinlich jede Menge von Spezialwissen an. Können Sie mir sagen, was ein Saugbeutel ist?Da denke ich an Loriot. Mehr fällt mir dazu nicht ein.Ich habe dieses Wort in einer Übersetzung aus den Fünfzigern gefunden. Sie haben es bei der Originalbezeichnung "Njanja" belassen.Saugbeutel? Was hat man sich denn darunter vorzustellen?Das ist so eine Art Beruhigungsschnuller aus Stofffetzen für Säuglinge. Diese Dinger sollen besonders gut funktioniert haben, wenn man sie vor der Anwendung in Honig oder gern auch in Bier getunkt hat.Aber bei "Njanja" geht es doch um ein Gericht. Ich habe das im Notizbuch von Gogol gefunden. Bei der "Njanja" handelt es sich um einen mit Füßchen, Hirn und ganz viel anderen Zutaten gefüllten Hammelmagen, den man zur Kohlsuppe reicht. Das weiß aber heute auch kein Russe mehr, der kennt das Wort "Njanja" nur noch in der Bedeutung von Amme, Kinderfrau. Saugbeutel, also wirklich.Ich sehe eine Verbindung zwischen einem Saugbeutel und einer Amme: die Milchbrust.Das ist ja interessant, aber ein bisschen weit hergeholt, meinen Sie nicht?Und eine Stofffarbe "Pulverdampf und Flammen von Navarino" zu nennen, ist das etwa nicht weit hergeholt?Ich dachte auch zuerst, da ist die Phantasie ein bisschen mit Gogol durchgegangen. Aber er hat solche Kuriositäten gesammelt. Es gibt tatsächlich eine Zeitungsannonce, die einen Stoff mit dieser Bezeichnung anpreist. Ein patriotisches Stöffchen sozusagen, denn bei der Schlacht von Navarino 1827 fügten die vereinigten Armeen von Russland, England und Frankreich der türkischen Flotte eine entscheidende Niederlage zu.Können Sie alle Realien, die Gogol verwendet, belegen?Nein, aber fast. Es finden sich erstaunlich viele in seinen Notizbüchern. Es war sehr, sehr aufwändig. Ich habe jedes Wort x-mal umgedreht, geschliffen, gefeilt und poliert. Ich habe mir auch die anderen Übersetzungen angesehen, auch um zu gucken, wie dort die schwierigen Stellen gelöst wurden. Da war viel Phantasie im Spiel, oft wurden Sachen auch einfach weggelassen.Würden Sie sagen, dass die früheren Übersetzer weniger gut Russisch konnten als Sie heute?Natürlich nicht. Aber man übersetzt heute ganz anders als vor hundertfünfzig, hundert, sogar noch vor fünfzig Jahren, als man häufig eher nacherzählte - zusammenfasste, wegließ, stilistisch herumhübschte. Heute hat man zudem bessere Recherchemöglichkeiten, gesegnet seien das Internet und die vielen anderen Nachschlagewerke. Man hat heute viel genauere Maßstäbe, auch bei der Zeichensetzung, die ich als Stilmittel des Autors verstehe und deshalb unbedingt beibehalten will. Gogol hat so akribisch gearbeitet, ein Perfektionist, der seine Texte immer wieder abgeschrieben und redigiert hat - mit der Hand, und das bei über fünfhundert Druckseiten und noch dazu mit der Feder! Und wenn da eine Wortwiederholung steht, bei der man im Deutschaufsatz vielleicht Punktabzug bekommen würde, dann wollte Gogol das so. Dann darf ich das nicht ignorieren.War Gogol wirklich so ein Perfektionist? Er soll lauter grammatikalische Fehler gemacht haben.Das hängt damit zusammen, dass er Ukrainer war, ein Kleinrusse, wie man damals abfällig sagte. Er ist aufgewachsen mit Ukrainisch als Muttersprache, wahrscheinlich hat er auch Ukrainisch gedacht und geträumt. Russisch war eine Fremdsprache, die er allerdings schon in der Kindheit lernte. Er hat allerlei Fehler gemacht. Das hat man ihm dann natürlich mit Genuss vorgehalten. Wenn ein Russe Gogols Werke heute liest, dann stolpert er überall über solche Ungereimtheiten und grammatikalische Eigenheiten, aber auch über viele kühne Wortschöpfungen, die den Lesegenuss enorm steigern. Gogol hat nach dem Klang geurteilt. Wenn es schön klingt, soll es stehen bleiben. Da hat er sich auch nicht verbessern lassen. Für mich war das natürlich fatal, weil ich ja diese besondere Sprache nicht im Deutschen nachmachen konnte.Kann man, wenn man sich so detailliert in die Sprache eines Menschen hinein begibt, etwas über sein Wesen herauskriegen?Wenn ich ein Buch übersetze, muss ich mich natürlich auch intensiv mit dem Autor und seinem Leben beschäftigen. Weil viel aus seinem Leben in die Bücher einfließt. Und manchmal hat man das Glück, dass so etwas wie ein Zwiegespräch mit dem Autor entsteht. So ging es mir mit Anton Tschechow, der mir auch noch sympathisch war, das ist der Idealfall.Mit Gogol nicht?Wie soll ich das sagen?Bei Tschechow konnten Sie das ganz einfach beantworten.Ja, bei Tschechow ja. Man sagt ja immer, das Übersetzen sei eine einsame Tätigkeit. Aber während der Tschechow-Arbeit habe ich mich niemals einsam gefühlt, weil Tschechow immer dabei war. So habe ich es empfunden. Er saß da und hat ab und zu mal einen Kommentar abgegeben. Tschechow ist ein Mensch, mit dem ich gern in meinem Freundeskreis verkehren würde.Mit Gogol nicht?Gogol hat taktiert und sich verstellt, das mag ich überhaupt nicht. Aber er konnte offenbar auch sehr unterhaltsam sein. Wenn es ihm gut ging, muss er sehr gesellig gewesen sein. Ein Genießer, der gern gegessen und gekocht hat. "Tote Seelen" steckt voller spektakulärer Rezepte und Gerichte, "Njanja" ist nur eines.Wie gehen Sie mit den antijüdischen Klischees von Gogol um?Ist das nicht interessant? Alle bisherigen Übersetzungen haben dieses Thema mehr oder weniger tabuisiert. Da wurde viel abgemildert. Es gibt dieses aus dem Polnischen stammende herabwürdigende Wort "shid", das ist bis heute ein Schimpfwort - das haben alle ganz neutral mit Jude übersetzt oder auch einfach gestrichen. Ich habe lange nachgedacht und für jeden Fall nach einem passenden abfälligen Wort gesucht - Judenbengel, Jud, Jid. Es gibt im Roman zum Beispiel diesen so genannten Hammelzug über die Grenze, wo unter Fellen Brabanter Spitze über die Grenze geschmuggelt wird. Da steht dann bei Gogol: Kein Jude der Welt hätte das geschafft. Manche Übersetzer haben geschrieben, kein Schmuggler der Welt, andere haben noch mehr neutralisiert. Das finde ich falsch. Juden waren eine missachtete Minderheit damals, das kann man doch nicht einfach verbessern. Gogol war gar kein besonders schlimmer Antisemit, sondern ein normales Kind seiner Zeit.Über die Deutschen und Franzosen spricht er auch schlecht. Es gibt da eine Stelle, bei der er die verschiedenen Sprachen vergleicht. Stimmt es, dass das Russische lebendiger und schlagfertiger ist, dass es mehr aus dem Herzen kommt als das Deutsche?Man kann Sprachen nicht vergleichen, vielleicht höchstens Mentalitäten. Möglicherweise sind die Russen ja weniger kontrolliert und spontaner als die Deutschen.Fürchten Sie, dass Ihre Übersetzung auch einmal überholt sein wird?Wer weiß, vielleicht kommt schon morgen einer, der es anders versuchen will.Das Gespräch führte Ulrich Seidler.Nikolai Gogol: "Tote Seelen" Aus dem Russischen neu übersetzt von Vera Bischitzky. Mit vielen Anmerkungen, einem Nachwort von Barbara Conrad und 22 Kaltnadelradierungen von Marc Chagall. Patmos Verlag, Düsseldorf 2009. 517 Seiten, 89 Euro.------------------------------Foto: Die Übersetzerin Vera Bischitzky