BERLIN. Seit Wochen wird in Deutschland aufgeregt über Rassismus und Antisemitismus diskutiert. Das Problem ist nicht neu, wie Tuvia Schlesinger und Fatih Aslan zu berichten wissen. Der Vorsitzende des jüdischen Klubs Makkabi und der Spieler von Türkiyemspor haben nicht nur in ihrer Heimatstadt Berlin schlimme Erfahrungen gemacht. Ein Gespräch.In eigenethnischen Vereinen schließen sich Sportler bestimmter Nationalitäten zusammen. Schotten sie sich dadurch ab aus Angst vor Ablehnung?Tuvia Schlesinger: Wir bezeichnen uns nicht als Verein mit Immigranten-Hintergrund, wir sind ein deutscher Verein. Wir haben bloß einen anderen religiösen Hintergrund. 1898 wurde der Vorläufer von Makkabi in Berlin als erster jüdischer Sportverein der Welt gegründet. Zwischen vierzig und siebzig Prozent der Spieler unserer Mannschaften sind jüdischen Glaubens. In anderen Abteilungen wie Tennis oder Tischtennis ist der Anteil höher. Doch der Glaube ist kein natürlich Kriterium.Fatih Aslan: Ich wehre mich dagegen, dass alle Immigranten-Vereine der Abschottung dienen. Wir haben wegen dieser Pauschalisierung sogar schon überlegt, unseren Vereinsnamen zu ändern. Aber wird man deutscher, indem der Name deutscher klingt? Wir heißen weiter Türkiyemspor und zeigen, dass wir gegenüber allen Nationalitäten und Religionen offen sind.Ist der Fußball als Integrationshilfe nur eine Illusion?Schlesinger: In den Vereinen funktioniert der Fußball sehr wohl als Integrationshilfe. Wir hatten in den neunziger Jahren eine Zuwandererwelle aus Osteuropa. Nicht nur bei Makkabi oder Türkiyemspor kann man mit Hilfe des Sports Kontakte gewinnen. Das Problem liegt in der Gesellschaft, in der die Vereine eingebettet sind. Hier fehlen oft Akzeptanz und Toleranz.Aslan: Es kann sein, dass manche Immigranten sich in einer Umgebung nicht wohl fühlen und deshalb den Klub wechseln. Wenn ein Türke in einem Verein im Osten auf Gegenwehr stößt, bleibt er dem Sport vielleicht ganz fern. Diese Erfahrungen habe ich gemacht.Was haben Sie erlebt?Aslan: Mit 16 habe ich für die A-Jugend von Tasmania Berlin gespielt. Wir haben in Rostock oder Chemnitz gespielt. Da habe ich erstmals diese Parolen gehört. "Scheiß Kanaken" oder "Ausländer raus". Es war eine Zeit, in der ich intensiv über die Wiedervereinigung nachgedacht habe. Meine Eltern kamen aus der Türkei, ich wurde in Berlin geboren, und plötzlich wurde ich im Osten als Ausländer beschimpft. Dabei hatte ich das Gefühl, dass wir die Gesellschaft waren, die eine andere aufnimmt. Ich dachte: Moment mal, ihr seid später dazu gekommen. Selbst unsere deutschen Spieler wurden beschimpft.Wie hat sich das nach Ihrem Wechsel zu Türkiyemspor verändert?Aslan: Es wurde noch viel schlimmer. Bei Spielen im Osten, in Neuruppin, Eisenhüttenstadt oder Rathenow, hatten wir das Gefühl, die Leute würden nur ins Stadion strömen, um einmal lebende Türken zu bestaunen. Wir kamen uns vor wie die Affen im Zoo.Wie meinen Sie das?Aslan: Ich erinnere mich an ein Spiel in Neuruppin. Zwei unserer Spieler waren zuvor bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Wir haben gefragt, ob wir eine Gedenkminute einlegen können. Als der Stadionsprecher darauf einging, setzte im Publikum Jubel ein: "Tschüss Ali, zwei weniger, jawohl." Wir mussten mit den Emotionen klar kommen. Wut, Hass, Trauer. Es ging vieles in mir vor. Wir haben es geschafft, die Nerven zu behalten.Schlesinger: Ich kann das nachvollziehen. Nach den antisemitischen Schmähungen gegenüber unserer zweiten Mannschaft in Altglienicke im September habe ich Hilflosigkeit gespürt. Sechzig Zuschauer waren im Stadion, vielleicht auch siebzig. Die sind aber nicht gekommen, weil sie jedes Mal kommen, sondern weil sie unsere Jungs fertig machen wollten. Ich wusste danach nicht mehr, wie ich mit dieser Gesellschaft noch umgehen soll.Wie erklären Sie sich die Zunahme derartiger Diskriminierungen in den unteren Ligen?Schlesinger: Die Ereignisse sind ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Entwicklung, die wir in Deutschland durchmachen.Aslan: Das stimmt. Als Türke hat man es nicht nur auf dem Rasen schwer. Es gibt das Vorurteil, dass Türken kein Deutsch sprechen können. Man muss den Leuten immer wieder beweisen, dass diese Klischees unsinnig sind. Für meinen ersten Aufsatz in der Oberschule habe ich die Note zwei bekommen. Darunter hat die Lehrerin geschrieben: "Ihr deutscher Sprachgebrauch ist bemerkenswert." Das hätte sie bei einem Deutschen nicht geschrieben.Schlesinger: Das Problem ist, dass dieses Unterschwellige zunehmend an die Oberfläche tritt. Durch bestimmte Wahlergebnisse werden Sätze plötzlich laut und offen gesagt. Parteien wie die NPD, die in Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern in den Parlamenten sitzen, scheinen diesen Leuten die Berechtigung zu geben, mit ihrem Hass nicht mehr hinter dem Berg zu halten. Warum gehen die Leute zu den braunen Parteien? Das hat mit Entwicklungen zu tun, mit der Jugend, mit dem Elternhaus.Aslan: Die Verbandsfunktionäre leiden doch nicht unter Perspektivlosigkeit. Dennoch bekomme ich auch dort eine latente Fremdenfeindlichkeit zu spüren: Wenn ein Spieler eines anderen Vereins wegen einer Tätlichkeit eine Sperre von zwei Spielen erhält, und ein türkischer Spieler wegen groben Foulspiels drei Spiele Sperre erhält, steht das in keinem Verhältnis.Funktionäre benachteiligen Sie?Aslan: Anders kann ich mir das nicht erklären. Aber wie sollen wir das beweisen? Wenn wir damit ankommen, dann sagen die im Verband: "Ihr spinnt doch. Das ist eine Frechheit." Und alle reden wieder über die jammernden Türken.Müssen Sie als türkischer Spieler mehr leisten, um in der Fußball-Szene akzeptiert zu werden?Aslan: Im Fußball bricht die Abneigung offen aus. Oft haben wir nicht nur Zuschauer, sondern auch Schiedsrichter gegen uns. Im normalen Leben ist die Abneigung latent vorhanden. Wenn die Mutter der Freundin skeptisch ist und den türkischen Jungen erst gar nicht kennenlernen möchte. Auch wenn es um Arbeitsplätze geht, müssen Immigranten laut einer Studie besser sein als die Deutschen. Wir dürfen keine Schwächen zeigen.Schlesinger: Einer unserer deutschen A-Jugend-Spieler wurde als Verräter beschimpft, weil er in einem jüdischen Team spielt. Oder wenn eine Frau mitten im Spiel aufspringt und den Schiedsrichter anbrüllt: "Du bist doch von den reichen Juden gekauft worden." Ich weiß auch, dass ein Gegner in der Verbandsliga gegen unsere erste Mannschaft die doppelte Siegprämie angesetzt hatte. Wie soll man das verstehen? Wenn es nicht um den Aufstieg geht? Na klar, die wollen es den Juden zeigen.Haben Sie überlegt, aufzuhören?Schlesinger: Mehrfach. Meine Mutter hatte gemerkt, dass ich nicht so gut drauf bin wie sonst. Sie sagte: "Um Gottes Willen. Geht das schon wieder los? Das war bei uns damals genauso gewesen." Statt aus der Geschichte zu lernen, wiederholt man die Geschichte. Ich mache diese ehrenamtliche Tätigkeit aus Spaß. Wenn der Spaß verloren geht, und das Ganze zu einer Belastung wird, dann muss man über Rücktritt nachdenken. Aber noch will ich nicht aufgeben.Aslan: Bei einem Auswärtsspiel gegen den BFC Dynamo wurden unsere Spieler mit Steinen beworfen. Einige Zuschauer sind aufs Spielfeld gelaufen. Der Nordostdeutsche Fußballverband bestrafte den BFC dann mit 500 Euro. Mit so einem Urteil appelliert man doch an diese Menschen, so weiter zu machen.Schlesinger: Aber es geht auch deutschen Vereinen mit farbigen Spielern so. Bei einem Spiel unserer A-Jugend hat es neulich in Tempelhof wieder antisemitische Äußerungen gegeben. Der Schiedsrichter hat die schimpfenden Spieler vom Platz gestellt. Nach dem Spiel haben die unseren Jungs an der U-Bahn aufgelauert, geschimpft, gespuckt und geschlagen.Sie wirken aufgebracht.Schlesinger: Es kann nicht sein, dass unser Verband in Berlin darauf nicht reagiert. Irgendwann muss Schluss sein mit den Freundlichkeiten. Auch Fußballfunktionäre haben politische Verantwortung. Da müssen Mannschaften aus dem Spielbetrieb genommen werden. Der Verband lässt sie weiterspielen. Es gibt eine Sportgerichtsverhandlung, es dauert eine Ewigkeit, bis was passiert. Der Verband muss sich selbst hinterfragen. Aber das könnte natürlich Wählerstimmen kosten.Aslan: Deshalb bin ich auch Funktionär geworden. Man muss was bewegen. Wenn Türkiyemspor in der zweiten Bundesliga spielen würde und Woche für Woche in den Medien präsent wäre, könnten die Menschen endlich begreifen, dass Immigranten zu etwas fähig sind und nicht nur ein Problem darstellen. Die Medien erwähnen immer die negativen Seiten, aber es gibt auch Immigranten in diesem Land, die sehr erfolgreich sind. Deutschland akzeptiert ja mittlerweile, dass auch ein Schwarzer wie Gerald Asamoah erfolgreich im Nationalteam spielen kann. Diese Vielfalt der Nationalitäten ist ein Reichtum.Herr Aslan, haben Sie schon mal das Spielfeld aus Protest verlassen?Aslan: Ich weiß nicht, welche rechtlichen Konsequenzen das haben würde. Einmal haben wir uns bei einem Hallenturnier benachteiligt gefühlt. Unser Präsident hat gesagt: "Im nächsten Jahr treten wir nicht mehr an." Wir sind nicht angetreten. In den Medien wurde Türkiyemspor dann als nörgelnder Verein dargestellt, der sich selbst bemitleidet.Schlesinger: In der Kreisliga B, wo unsere Zweite spielt, geht es um Spaß. Die Jungs zahlen Mitgliedsbeiträge. Dafür wollen sie nicht beschimpft werden.Wie würden Sie reagieren, wenn Rassisten auf dem Sportplatz von Makkabi herumschreien würden?Schlesinger: Ich würde sofort 110 wählen. Dann kommt eben die Polizei und das Spiel wird unterbrochen. Es würde keine zehn Minuten dauern, und die Leute wären draußen. Wenn wir bei anderen Vereinen Sachen kritisieren, können wir sie im eigenen Verein nicht dulden. Wir hatten mal einen Spieler, der seine Gegner beschimpfte und bestimmte Körperteile anfasste. Dem wurde nahe gelegt, den Klub zu verlassen.Welche Präventions-Maßnahmen schlagen Sie vor?Schlesinger: Wir brauchen in der Kreisliga keine Fanprojekte wie in den Profiligen. Bei uns müssen die Funktionäre und die Schiedsrichter geschult werden.Aslan: Wenn der Verband mal ein Zeichen setzen würde, könnte sich die Lage vielleicht verbessern. Aber wenn dieses Zeichen nicht kommt, wird das so weitergehen.Schlesinger: Das ist eine Spirale, es wird immer schlimmer. Man muss die Spirale stoppen. Dann kann man anfangen mit sozialen Maßnahmen, mit Seminaren und Fortbildungen. Ich fürchte aber, dass die Probleme größer werden.Gespräch: Ronny Blaschke------------------------------Der Hauptkommissar und der BWL-StudentFoto: Tuvia Schlesinger, 54 Jahre, war selbst lange als Fußballer aktiv. Seit 1970 ist er ehrenamtlich als Funktionär bei Makkabi tätig, einem Verein mit jüdischen Wurzeln. 2005 wurde er zum Vorsitzenden des Klubs gewählt. Er arbeitet als Polizei-Hauptkommissar in Berlin-Mitte.Fatih Aslan, 23 Jahre, ist in Berlin geboren und aufgewachsen. Seine Eltern kamen in den 70er- Jahren aus der Türkei. Fatih Aslan spielte schon für verschiedene Klubs, inzwischen kickt er für den Oberligisten Türkiyemspor. Der BWL-Student sitzt im Aufsichtsrat des Kreuzberger Vereins, da er Missstände beheben möchte.------------------------------"Wenn der Verband ein Zeichen setzen würde, könnte sich die Lage verbessern." Fatih Aslan------------------------------"Es wird immer schlimmer. Man muss die Spirale stoppen." Tuvia Schlesinger------------------------------Foto: Tatort Stadion: Cottbuser Fans zeigen in Dresden unbehelligt ein antisemitisches Transparent.