Sollen hyperaktive Kinder mit dem Medikament Ritalin behandelt werden? Über diese Frage streiten sich Forscher, Ärzte und betroffene Eltern seit langem. Erst am Wochenende hatte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marion Caspers-Merk, die häufige Verschreibung des Mittels kritisiert. Sie fordert, das Mittel nur noch zusammen mit einer Therapie einzusetzen. Kinder, die jünger als sechs Jahre alt sind, sollten das Präparat überhaupt nicht mehr erhalten. Vor kurzem erhielt die wissenschaftliche Debatte um die Arznei neuen Zündstoff durch die Thesen des Hirnforschers Gerald Hüther von der Universität Göttingen. Tierexperimente weisen nach Ansicht des Forschers darauf hin, dass Ritalin Jahrzehnte nach der Einnahme Bewegungsstörungen ähnlich denen bei Parkinson-Kranken verursachen könnte. Auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in Berlin stellte sich Hüther kürzlich der Diskussion.An einer "Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung" (ADHS) leiden rund fünf Prozent aller Heranwachsenden zwischen 6 und 15 Jahren. Die Kinder sind "zappelig" und können sich nur schwer konzentrieren. Die genaue Ursache dafür ist bislang unklar. Die meisten Experten nehmen an, dass es den Betroffenen in bestimmten Hirnregionen an Dopamin mangelt. Der Botenstoff ist an der Steuerung von Motivation und Aufmerksamkeit sowie von Bewegungen beteiligt. Viele Fachleute vermuten, dass Ritalin wirkt, indem es die Dopamin-Konzentration im Raum zwischen den Nervenzellen erhöht und damit die Signalübertragung effektiver macht. Hüther bezweifelt, dass diese Theorie stimmt. "Es gibt Hinweise darauf, dass nicht ein Dopaminmangel, sondern - im Gegenteil - eine zu gut funktionierende Signalübertragung mittels Dopamin die Übererregbarkeit von ADHS-Kindern verursacht", sagt der Forscher. Entsprechend nimmt Hüther an, dass Ritalin seine Wirkung entfaltet, indem es die Empfindlichkeit des Dopaminsystems herunterregelt. Die Brisanz von Hüthers Thesen liegt in der Folgerung, die er aus dieser Annahme zieht: Auf Grund der hemmenden Effekte auf das Dopaminsystem begünstige Ritalin möglicherweise die Entstehung der Parkinson-Krankheit Jahrzehnte nach der Einnahme. Dieses Leiden wird durch einen Dopaminmangel in bestimmten Hirnregionen verursacht.Hüther, der an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Göttingen die Abteilung für neurobiologische Grundlagenforschung leitet, stützt seine Annahmen auf Befunde aus Tierexperimenten, die er und sein Mitarbeiter Gunther Moll vorgenommen haben. Erste Ergebnisse veröffentlichten sie Ende letzten Jahres im Fachmagazin "Journal of Child and Adolescent Psychopharmacology". Die Forscher verabreichten jungen Ratten Methylphenidat (die im Ritalin wirksame Substanz) über längere Zeit und in Dosen, die den bei Kindern eingesetzten Mengen entsprechen. Sie behandelten normale Ratten sowie "SHR-Tiere", das sind Ratten, die unter anderem an genetisch bedingtem Bluthochdruck leiden und Hüther zufolge als Modell für ADHS angesehen werden können. Das Ergebnis: In beiden Gruppen wurden Hirnbereiche, in denen die Signalübertragung von Dopamin gesteuert wird, dauerhaft in ihrem Wachstum gehemmt. "Unsere Studie zeigt erstmals, dass Ritalin nicht nur während der Einnahme wirkt, sondern auch langfristige Folgen hat", betonte Hüther.Mit seinen Thesen stieß der Forscher auf dem Kongress auf viel Skepsis. "Ritalin wird seit mehr als vierzig Jahren verordnet, und bislang ist kein einziger Parkinson-Fall als Folge einer Einnahme bekannt geworden", sagte der Parkinson-Forscher Manfred Gerlach von der Universität Würzburg. Gerlach und andere Experten bezweifeln, dass die von Hüther untersuchten Messgrößen überhaupt Rückschlüsse auf die Entwicklung des Dopaminsystems zulassen. Die deutschen Fachverbände für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie halten eine Ritalintherapie nach wie vor für sicher, vorausgesetzt, die Diagnose ADHS werde sorgfältig gestellt. Dass Ritalin tatsächlich bei ADHS wirkt, bestreitet auch Hüther nicht. Mit der Arznei behandelte Kinder werden ruhiger und können sich besser konzentrieren. Mehrere Studien wiesen nach, dass eine Ritalinbehandlung - in Kombination mit psychologischen Verfahren - die wirksamste Therapie bei Hyperaktivität darstellt. Zudem ist belegt, dass die bei ADHS-Betroffenen erhöhte Gefahr, später in Drogensucht oder Kriminalität abzugleiten, durch die Ritalinbehandlung deutlich vermindert wird. "Diese gesicherte Erkenntnis wiegt für mich als Arzt schwerer als das relativ unwahrscheinliche Risiko einer Parkinson-Erkrankung", sagte einer der Experten während der Debatte.Hüther geht es jedoch nicht nur um die Frage, ob seine These über die Ritalin-Spätfolgen zutrifft. Vielmehr plädiert er dafür, dass Forscher sich stärker mit der Frage befassen, ob sich ADHS auch ohne Medikamente behandeln lässt. Zwar vermutet er ebenso wie seine Kritiker, dass die Kinder bereits mit einer Veranlagung zur Hyperaktivität geboren werden. "Neuere Forschungen zeigen jedoch immer deutlicher, wie stark die Hirnentwicklung bei Kindern durch Umweltreize und Erfahrungen beeinflusst wird", betont Hüther. Er hält es daher für möglich, dass sich etwa ein "übererregbares" Dopaminsystem auch durch ein verlässliches, ruhiges Umfeld und einen strukturierten Tagesablauf dämpfen lässt - vorausgesetzt, man beginne früh genug damit, nämlich im Kleinkindalter.Journal of Child and Adolescent Psychopharmacology, Bd. 11, S. 15, 2001Zum Weiterlesen: "Neues von Zappelphilipp" von Gerald Hüther, Walter-Verlag 2002; 14,90 Euro"Hyperaktivität lässt sich vielleicht mit einem verlässlichen Umfeld und einem strukturierten Tagesablauf dämpfen. " Gerald Hüther, Neurobiologe