Was für ein Tier bin ich? Jeder kennt dieses Kinderspiel, mit dessen Hilfe man das eigene Wesen physisch veranschaulicht - wobei man natürlich weitgehend dem eigenen Wunschbild folgt: Schließlich will jeder ein mächtiges, edles oder doch wenigstens liebes und kuscheliges Tier sein, ein Löwe, Adler, ein Pferd, eine Katze oder ein Hündchen. Niemand will sich mit einer Kakerlake, Schlange oder einem Frettchen vergleichen. Wenn dieses Spiel nur eines lehrt, so ist es die Macht von Symbolen und von Atavismen, ohne dass man diese Begriffe je gehört haben müsste.Diese Idee einer sich in Tiergestalt manifestierenden menschlichen Seele sorgt in Philip Pullmans literarischer Fantasy-Trilogie "His Dark Materials" für ein hübsches Gewimmel: Jede Figur wird hier von einem Dæmon begleitet, der indes nicht nur ihren Charakter in Tiergestalt symbolisiert, sondern auch ihr Partner und Ratgeber ist. Nun sind Tiere, die an der Seite von Menschen herumtollen und sogar sprechen können, ausgesprochen leinwandtauglich, und da Fantasy-Filme im Kino seit Jahren auf lukrative Weise die Märchen ersetzen, war es denn auch nur eine Frage der Zeit, bis der erste Teil von Philip Pullmans Trilogie verfilmt wurde."Der goldene Kompass" ist ab morgen im Kino zu sehen und wird die Zuschauer an andere Filmerlebnisse erinnern: Pullmans Trilogie (auf dt. als Heyne-Taschenbücher erhältlich) entstand zwischen 1995 und 2000 parallel zu den ersten "Harry Potter"-Romanen; sie machte ihren Autor zwar nicht ganz so berühmt wie Joanne K. Rowling, aber doch weltbekannt. In der Tat haben "His Dark Materials" und die Potter-Bücher einiges gemeinsam, etwa das mythologische Unterfüttern der Handlung und den philosophischen Ehrgeiz. Auch Pullmans Romane spielen in einem Paralleluniversum voller dunkler Mächte, denen standgehalten werden muss; und es wird hier, wie in "Harry Potter" auch, eine Staatsparabel und Erlöser-Geschichte erzählt.Weniger eine Selbstfindungsgeschichte: Im Mittelpunkt steht kein heranwachsender, immer wieder an sich zweifelnder und bald den Unbilden der Pubertät ausgesetzter Zauberschüler, sondern ein erstaunlich souveränes zwölfjähriges Mädchen. Lyra Belacqua (Dakota Blue Richards) hat ein untrügliches Gespür dafür, was Recht und Unrecht ist, und sie ist eine Rebellin, eine heroische Heldin, obwohl ihr Dæmon Pantalaimon - wie bei allen Kindern - noch die Gestalt wechselt: Mal zeigt er sich als Hermelin, mal als Katze. Ihre Tage verbringt Lyra weitgehend unbeschwert in einem College, bis sie einen Mordanschlag auf Lord Asriel (Daniel Craig) vereitelt. Das mächtige Magisterium wollte verhindern, dass Asriel den Professoren von einem geheimnisvollen Staub berichtet, der hoch im Norden gesichtet wurde, dank Lyra kann der Lord es doch tun.Es geht also um das Unterdrücken von Wahrheit; außerdem verschwinden ständig Kinder spurlos, auch Lyras Freunde. Das Mädchen macht sich auf die Suche nach ihnen, was dem Magisterium ebenso wenig recht ist wie Asriels Bericht über den Staub. Denn wie alle totalitären Einrichtungen verfolgt auch das Magisterium vor allem ein Ziel: das Volk zu kontrollieren. In seinem Auftrag entführt Mrs. Coulter (Nicole Kidman) Kinder an einen geheimen Ort am Nordpol, um sie dort von ihren Dæmonen zu trennen und so für alle Zeit gefügig zu machen. So wie die anderen Magisteriums-Mitarbeiter nennt auch Mrs. Coulter ganz passend einen fiesen Dæmon ihr eigen: einen hinterhältigen, orangefarbenen Affen.Was Lyra noch nicht weiß, ist dies: Sie wird einen bevorstehenden Krieg um nichts weniger als den freien Willen entscheiden. Lyra ist die Einzige, die den goldenen Kompass lesen kann: ein verbotenes Instrument, das stets die Wahrheit offenbart, ganz gleich, welche Frage man ihm stellt. Deswegen ist das Magisterium auch hinter Lyra her. Aber sie hat Verbündete, der wichtigste ist ein alkoholkranker Eisbär. In Hollywood hat man es gern, wenn Außenseiter die Welt retten.Um den "Goldenen Kompass" gab es in den USA schon viel Wirbel: Dass das Magisterium an einen klerikalen Orden erinnert, veranlasste die Kirchen dort anlässlich des Kinostarts zu erwartbaren Protesten. Der Film schwächt die Ähnlichkeit ab (im Buch ist von der Oblations-Behörde die Rede), und es ist auch nicht die Autoritätenkritik, die hier Anlass zur Sorge gibt. Man fragt sich vielmehr, für wen diese Kinoadaption eigentlich gedacht ist: Der zentrale Zweikampf zwischen Eisbären etwa ist für Kinder viel zu brutal, während Erwachsene im Film die Abgründigkeit der Buchvorlage vermissen werden. So muten die aufrechten Gypter hier an wie Hippies, wogegen die bösen Gobblers des Magisteriums der Übersichtlichkeit halber wie Nazis aussehen. Beim Produktionsdesign wurde allerdings nicht gespart; das 100-Millionen-Euro-Budget für den Film hat Regisseur Chris Weitz ("About A Boy") vornehmlich auf eine imperiale Inszenierung verwandt: schön anzusehen zwar, aber bedauerlicherweise ziemlich uninteressant.------------------------------Der goldene Kompass(His Dark Materials: The Golden Compass) USA 2007. 113 Min., Farbe. FSK ab 12 Jahre beantragt.Regie: Chris Weitz, Drehbuch: Chris Weitz, nach der Buchvorlage von Philip Pullman, Kamera: Henry Braham,Darsteller: Nicole Kidman, Dakota Blue Richards, Daniel Craig, Eva Green u.a.Ab morgen im Kino.Filmrezensionen unter: www.berliner-zeitung.de/kino------------------------------Foto: Hat ein Alkoholproblem, ist aber ein treuer Freund: Der Bär Iorek Byrnison beschützt Lyra (Dakota Blue Richards).