Die Berliner Kunstwelt beklagt seit Jahren schon, dass es in der Stadt keine Kunsthalle gibt. Die Staatliche Kunsthalle in der Budapester Straße wurde 1994 nach Jahren der Misswirtschaft geschlossen, ihre Mitarbeiter in die Senatsverwaltung versetzt. Unbefangene Beobachter mögen fragen, ob Berlin solch eine Institution wirklich braucht, wenn gleichzeitig der Martin-Gropius-Bau ohne Konzept und kompetente Leitung vor sich hin dämmert, die Berlinische Galerie künftig am Kreuzberg mit publikumswirksamen Ausstellungen auf sich aufmerksam machen muss und auch die Möglichkeiten der Kunst-Werke oder des Hamburger Bahnhofs bei weitem nicht ausgeschöpft sind.Schaut man näher hin, stellt sich die Situation anders da. Der Gropius-Bau allein kann und muss ein Pendant zum Pariser Grand Palais oder zur Royal Academy in London werden. Die Ausstellungen der Berlinischen Galerie müssen stets einen Bezug zur Stadt haben. Der Hamburger Bahnhof wird auf absehbare Zeit den Interessen des Sammlers Erich Marx und seines Agenten Heiner Bastian unterworfen bleiben. Und Klaus Biesenbachs Kunst-Werke scheinen in ihrem gegenwärtigen Zustand wenig geeignet, etwa Ausstellungen von angesehenen ausländischen Einrichtungen zu übernehmen. Ihre Aufgabe sollte eher die Betreuung der jungen Berliner Kunst sein als die Pflege schon klassischer Bereiche. In der Tat gibt es also ein erhebliches Loch im "mittleren" Segment. Dabei mangelt es der Stadt nicht an ideenreichen, professionellen Kuratoren, die aber durch ihre zum Teil winzigen Räumlichkeiten beschränkt werden. In solch einer Situation kann ein Zusammenschluss Wunder bewirken. Leonie Baumann von der NGBK, Eugen Blume vom Hamburger Bahnhof, Friedrich Meschede (DAAD), Christoph Tannert (Künstlerhaus Bethanien) und Alexander Tolnay vom NBK haben nun ein Konzept für eine gemeinsam betriebene Kunsthalle erarbeitet, mit dem sie hier erstmals an die Öffentlichkeit treten.Der Anlass war, dass eines von Berlins vornehmsten Baudenkmälern noch immer als Kriegsruine auf eine angemessene Nutzung wartet: Schinkels Elisabethkirche in der Invalidenstraße. Die Gemeinde ist heute mit der Sophienpfarrei vereinigt, als Gotteshaus wird die Kirche auch nach einem Wiederaufbau nicht mehr gebraucht. Noch im letzten Jahr sah es so aus, als könnte der Kirchenmusiker Gerhard Oppelt hier ein Zentrum für Alte Musik einrichten (Berliner Zeitung vom 16. 4. 1999). Dieser Plan erwies sich jedoch als nicht finanzierbar, so dass die Gemeinde wieder ratlos nach einer Bestimmung für ihr teures Eigentum sucht.Der KirchBauhof, eine gemeinnützige Projektentwicklungsgesellschaft, hat mit dem Architekten Franz Voigtländer einen Planungsvorschlag entwickelt und durchkalkuliert. Das sensible Baugefüge würde demnach kaum beeinträchtigt, da die Ausstellungssäle unter den Kirchenraum und den Vorplatz gelegt werden sollen. Eine Wiederherstellung von Schinkels Bau, wofür Helmut Börsch-Supan in dieser Zeitung (27. 12. 1999) mit guten Gründen plädierte, ist in diesem Konzept nicht vorgesehen. Die Denkmalpfleger favorisierten es bislang, die Kriegswunden sichtbar zu lassen. Als Entree und Ort für Installationen käme dies zeitgenössischer Kuratoren-Ästhetik sicher eher entgegen als eine klassizistische Ausschmückung. Nach den vorliegenden Plänen bietet die Anlage 1 500 Quadratmeter Ausstellungsfläche. Die Hauptsäle unter dem Vorplatz wollte man ursprünglich durch Glasschlitze belichten, doch besteht die Kirchengemeinde auf dem Erhalt des Rosengartens darüber. Unbedingt einbezogen werden soll das Gemeindehaus, wo sich alle Funktionsräume und ein Restaurant unterbringen ließen. In der desaströsen Berliner Finanzsituation muss die Gründung einer Kunsthalle irrwitzig erscheinen. Das wissen auch ihre Verfechter, die den Kulturhaushalt daher nur mit den laufenden Kosten von rund 290 000 Mark belasten wollen. Die Bausumme von 28 Millionen will man aus anderen Töpfen, unter anderem EU-Sanierungsmittel, Landesdenkmalpflege oder der Lotto-Stiftung, erhalten. Alle Ausstellungen würden die beteiligten Institute aus den eigenen Etats und mit ihrem Personal bestreiten. Aber Christa Thoben und der Kulturausschuss sollten das verführerische Projekt ernsthaft prüfen. Denn billiger als für 24 000 Mark monatlich ist eine Kunsthalle wirklich nicht zu haben. Für die Elisabethkirche, die Rosenthaler Vorstadt, ja mit intelligenten Ausstellungen für ganz Berlin wäre sie ein vitaler Impuls.