BERLIN. Die beiden Aluminiumverpackungen, in denen sich die Viagra-Tabletten befinden, ähneln sich. Doch fehlt der einen nicht nur der Herstellername Pfizer. Auch die Tabletten sind hellblau statt dunkelblau. Dadurch ist die Viagra-Fälschung vom Original zu unterscheiden. Für den Kranken ein wichtiger Hinweis, denn Plagiate im Arzneimittelbereich können starke gesundheitliche Schäden hervorrufen. Gleichwohl wächst auch in Europa die Produktpiraterie bei Medikamenten. Über 40 000 gefälschte Viagra-Tabletten stellten die EU-Zollbehörden inzwischen sicher.Käufer sensibilisiertWie sich Verbraucher, Hersteller und Händler vor Plagiaten schützen können, darüber informiert ein Branchen übergreifendes Informationsportal im Internet, das von der Internationalen Handelskammer, dem Bundesverband der Deutschen Industrie, dem Markenverband und dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag geschaffen und gestern ins Netz gestellt wurde. Neben allgemeinen Informationen über Produktpiraterie finden Verbraucher dort Ratschläge für den Einkauf. Unternehmen wiederum finden Hinweise zu den rechtlichen und technischen Schutzmöglichkeiten. Angereichert ist das Portal mit Links zu Dokumenten und Publikationen, zu Behörden und Forschungseinrichtungen. In einem zweiten Schritt ist geplant, Verbrauchern die Unterscheidung von Originalprodukten und Fälschungen zu ermöglichen.Produktpiraterie sei das Verbrechen des 21. Jahrhunderts, sagte der Präsident der Internationalen Handelskammer Deutschland, Manfred Gentz. Es gebe Kontakte zur Organisierten Kriminalität einschließlich Geldwäsche im großen Stil. Er bezeichnete die Auswirkungen als enorm. Sie träfen inzwischen alle Bereiche der Gesellschaft. Zu den Geschädigten zählten auch der Staat und das Sozialwesen, denen Einnahmen verloren gingen, sowie die Forschung.Verbraucher seien inzwischen für mögliche Gefahren durch gefälschte Produkte sensibilisiert, unterstrich der Präsident des Markenverbandes, Frank-Peter Falke. Nach einer gestern vorgestellten repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid sind 67 Prozent der Verbraucher der Ansicht, dass gefälschte Kleidungsstücke sehr gefährlich oder eher gefährlich seien. 51 Prozent fragen bei Käufen nach der Herkunft der Ware. Allerdings müsse das Bewusstsein der Verbraucher noch stärker wachsen, forderte Falke. Denn 38 Prozent der Käufer würden sich trotzdem für das preiswertere Produkt entscheiden, ergab die Umfrage.Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) warnte nicht nur vor nachgemachten Medikamenten. Auch manche gefälschte Kleidung sei bedenklich oder gesundheitsgefährdend, da schädliche Zusatzstoffe Allergien und Ausschlag auslösen könnten. Das Portal solle Aufklärung leisten, betonte die Ministerin.Ihrer Ansicht nach tragen aber nicht nur die Verbraucher, sondern auch die Unternehmen Verantwortung, Produktpiraterie zurückzudrängen. Schließlich machten etliche von ihnen mit einer "Geiz ist geil"-Mentalität Werbung und förderten damit die Nachfrage nach billigen Produktfälschungen.Zypries verwies auf OECD-Studien über den wirtschaftlichen Schaden durch Produktpiraterie. Weltweit belaufe sich dieser auf rund 200 Milliarden Dollar, wobei die Fälschung von Musik nicht eingerechnet sei.Informationsportal unter: www.original-ist-genial.de------------------------------China im VisierDie meisten Produktfälschungen werden in China hergestellt. Daneben zählen Russland, Brasilien und Indonesien zu den größten Herstellern von gefälschter Ware.Fast alle Branchen sind betroffen, vor allem die Musikbranche, aber auch Kosmetik- und Sportwarenhersteller, der Maschinenbau, die Pharmaindustrie und die Schmuckhersteller.Der deutsche Zoll beschlagnahmte im vergangenen Jahr gefälschte Waren im Wert von rund 1,1 Milliarden Euro an den Grenzen. Das war fünfmal so viel wie 2005. Inzwischen kontrolliert der Zoll auch Messen.Die deutsche Wirtschaft erleidet nach Angaben des Deutschen Industrie- und Handelskammertages durch Produktfälschungen jährlich Umsatzeinbußen zwischen 20 bis 30 Milliarden Euro. Umgerechnet auf Arbeitsplätze bedeute dies einen Verlust von 70 000 Stellen, errechnete der Verband.------------------------------Foto: Stand mit gefälschten DVDs in der chinesischen Stadt Shenyang. Viele Raubkopien gehen jedoch ins Ausland.