Spätestens seit "Madagascar" (1994), einer düsteren Bestandsaufnahme des kubanischen Alltags, gilt der 1944 geborene Fernando Pérez als einer der interessantesten Regisseure des Landes. Zwischen scharfer Kritik an den erstarrten Gesellschaftsverhältnissen und der Leidenschaft für linke Freiheitsideale balancierend, entziehen sich Pérez Filme simplen Deutungsmustern. Mit dem Regisseur sprach Bettina Bremme.Pfeifen Sie gerne, Herr Pérez?Ja, ich empfinde Pfeifen als Ausdruck von Freiheit, von Glück, davon, die eigene Melodie zu Gehör zu bringen. Andererseits denke ich natürlich auch, dass das Leben nicht nur aus Pfeifen besteht. Das Leben enthält Schmerz und Freude, Leiden und Glück. Man muss als Mensch darauf gefasst sein, sich all dem in einer harmonischen Weise zu stellen.Wenn ich mir Ihren Film so ansehe, steckt hinter dem Pfeifen noch eine andere Bedeutung.Pfeifen symbolisiert für mich das Recht jedes Menschen, sich frei auszudrücken. Es repräsentiert Freiheit, Authentizität, Spontanität und Kommunikation. Es ist eine Art, sich dem anderen anzunähern und zu versuchen, ihn zu verstehen.In vielen lateinamerikanischen Filmen spielen Waisenkinder, die auf der Suche nach ihren Wurzeln sind, eine zentrale Rolle. Warum auch in "Das Leben, ein Pfeifen"?Ich glaube, dass jeder von uns Waise von etwas ist. Ganz gleich, wie glücklich man sich fühlt, es wird immer irgendeine Leerstelle geben. Dahin deutet die Metapher vom Pfeifen. Es geht also nicht nur um gesellschaftliche Reflexion. In der Geschichte von Elpido verdichtet sich allerdings unsere gegenwärtige Realität auf Kuba: Seine Mutter heißt ja Cuba, und sie hat ihn verlassen. Jetzt befindet er sich auf der Suche nach ihr, nach seinen Wurzeln, seiner Identität.In "Madagascar" flüchten sich die Menschen auf Dächer und in eine Fantasiewelt. In "Das Leben, ein Pfeifen" fallen die Leute in Ohnmacht, wenn sie Worte wie "Sex", "Doppelmoral" oder "frei" hören. Warum?Ein Syndrom. Bei der Suche nach dem Glück sieht man sich manchmal schmerzlichen, schrecklichen Realitäten und Wahrheiten gegenüber. Man kann ihnen nicht ausweichen oder einfach ohnmächtig werden. Man muss wachsen. Alles andere wäre wie der Psychiater Fernando im Film sagt Doppelmoral, Heuchelei, Opportunismus, Simulation. Und da findet der Kampf der Charaktere statt.Wie reagierten die Schaulustigen bei den Dreharbeiten in den Straßen von Havanna, als sie die Stichworte der Ohnmachten hörten?Natürlich wurden sie sehr neugierig. Es gab aber keine größeren Lachanfälle oder andere stärkere Reaktionen. Auch bei der Szene, wo die nackten Männer über die Straßen laufen, gab es keine Äußerungen von Erstaunen oder Bestürzung. Das zeigt mir, dass das kubanische Volk auf jegliche Art von Wunder gefasst ist.Apropos Wunder: Bei der gegenwärtigen wirtschaftlichen Situation einen kubanischen Film zu produzieren, grenzt auch an ein Wunder.In einem anderen Land wäre das Kino längst von der Bildfläche verschwunden. Das Kino in Kuba existiert weiter: Wir produzieren ein oder zwei Filme pro Jahr. Wir suchen nach neuen Wegen. Klar, nicht alle von uns können Filme realisieren, es gibt viele junge Leute, denen diese Möglichkeit verschlossen bleibt. Auch die Regisseure meiner Generation müssen derzeit drei oder vier Jahre warten, um einen neuen Film drehen zu können. Tatsächlich stellt heutzutage jeder Film ein Wunder dar, eine Hoffnung, dass das kubanische Kino sich hält und weiterentwickelt.Ein schweizerisches Dokumentarvideo über die Dreharbeiten zu "Das Leben, ein Pfeifen" heißt "Das Leben ist Filmen". Was halten Sie von diesem Motto?Unter den vielen Dingen, die ich begehre, gibt es drei, ohne die ich nicht leben könnte. Das sind ohne Rangfolge das Kino, meine drei Kinder und Kuba. Genauer gesagt, das Leben ist Havanna. Das Leben ist also Filmen in Kuba und meine Kinder bei den Dreharbeiten dabei zu haben das ist für mich das Leben oder eine Art, glücklich zu sein.