Als ich 1969 zum Islam konvertierte, wurde ich für verrückt gehalten. "Der ist jetzt bei Science Fiction" war noch eine der harmlosen Äußerungen aus der Szene der 68er, mit denen meine Abkehr von der Lebenseinstellung "High sein, frei sein, ein bisschen Terror muss dabei sein" kommentiert wurde. Aber natürlich habe ich damals versucht, die Welt um mich herum zu missionieren. Glaubenseifer und Überzeugungsdrang gehören nun mal dazu, wenn man plötzlich etwas gefunden hat, das einem zum Paradies geworden ist.Dass ich bei aller Radikalität nicht militant geworden bin in den Jahren darauf, verdanke ich der toleranten islamischen Reformgemeinde, in die ich dann eintrat, und dem Imam der Nuur-Moschee in Frankfurt am Main, die von den Ahmadiyya-Muslimen errichtet worden war, und in der ich heute als ehrenamtlicher Freitagsprediger wirke.Aber nicht allen Konvertiten ist das Glück zuteil geworden, nicht Gehirn gewaschen zu werden. Ich habe in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Leute getroffen, die im Feuereifer der Meinung, den Schlüssel zur Erlösung für die Menschheit gefunden zu haben, ihre persönlichen Lebensumstände so umkrempelten, dass sie Geld und Besitz und Freundschaften und Karriere über Bord warfen in der Hoffnung, damit das Gefallen ihres Gottes oder Gurus oder der Revolution zu erlangen. Und manchmal haben sie auch ihr Leben dabei verloren.Ich erinnere mich an einen Deutschen, der sich der indischen Ananda Marga Sekte angeschlossen hatte, ein liebenswerter Junge, äußerlich nett und einnehmend, der sich dann aus Protest gegen die schlechte Behandlung seines Gurus durch die Behörden selbst verbrannte. Ich erinnere mich an andere, die alles verkauften und ihre Zelte in Deutschland abbrachen, um in der Nähe ihres spirituellen Meisters zu sein und dann letztlich vor einem Scherbenhaufen saßen. Ich erinnere mich an die immensen finanziellen Opfer, die Genossen der K-Gruppen in den Siebzigerjahren aufbrachten, durch die sie bisweilen ruiniert wurden. Ich erinnere christlich angehauchte Sekten, die ihre Mitglieder in den Selbstmord trieben, und den Schweden, der meinte, von Jesus den Befehl dazu erhalten zu haben, die Außenministerin seines Landes zu töten.Solange es aber bei vereinzelten Untaten bleibt oder der Fanatismus nicht allgemeingefährlich wird und sich Unwohlsein nur bei penetranten Missionierungsfeldzügen breit macht, bleibt man gelassen. Was aber jene betrifft, die sich dem Islam anschließen, so ist der Fall inzwischen anders geworden. Durch die globale Bedrohung, die von terroristischen Netzwerken ausgeht, wächst auch die Angst vor möglichen Gefahren, und mit ihr eine unverhältnismäßige Einschätzung der Vorbereitungen zu Gewaltakten.Manche fast hysterisch zu nennende Formen derartiger Schutzmaßnahmen haben wir ja im Gefolge des RAF-Terrorismus erlebt, und man sollte meinen, dass daraus zu lernen wäre. Indes, wenn auch Politiker sich gegen Vorstellungen wehren, man müsse hierzulande von einem Generalverdacht hinsichtlich jener Deutschen ausgehen, die sich zum Islam bekennen, so ist de facto doch ein weitgehendes Misstrauen zu spüren, was deutsche Muslime anbelangt. Aber warum?Schuld daran, dass Vertrauensbildung so erschwert wird, ist nicht nur eine jahrhundertealte Verketzerung des Propheten Mohammed als Anti-Christ und des Korans als satanisches Werk, die in gewissen christlichen Kreisen gepflegt wird, und nicht nur ein Missverstehen dessen, was der Islam eigentlich will, sondern vor allem auch das, was verbrecherische Köpfe in ihrer Dummheit als Islam ausgeben.Wenn von ihnen irrigerweise gepredigt wird, dass ein Muslim "Taqiya" praktizieren dürfe und somit die Erlaubnis erteilt wird, zu lügen und zu betrügen, solange dies dem Islam diene, dann darf man sich nicht wundern, wenn daraus eine Verfolgungsmentalität entspringt. Mit der Lizenz zu töten aus geistlichem Munde ausgestattet, verfällt dann manch ein labiler Typ dem Wahn, ihm sei alles gestattet, weil er ja im Auftrage des Herrn unterwegs ist. Was das mit göttlicher Weisheit, Barmherzigkeit oder Liebe zu tun hat, wird dann nicht mehr gefragt. In der Illusion, die Gerechtigkeit des Himmels auf Erden in die Tat umsetzen zu dürfen, werden Konvertiten dann sehr schnell selbstgerecht und blindwütig.Das aber ist kein Phänomen des Islams allein. Die tausenden von Toten, die hinduistische Selbstmordattentäter auf Sri Lanka verursacht haben, von Christen ermordete Abtreibungsgegner, Militanz von Buddhisten oder Amokläufe jüdischer Aktivisten sprechen eine deutliche Sprache. All das wird hierzulande weniger zur Kenntnis genommen, als ob es sich nicht um auch religiös motivierte Akte handelt.Was islamische Konvertiten anbelangt, so können sie, wenn sie in die falschen Hände geraten, natürlich ebenfalls radikalisiert werden. Nicht mehr der Glaube an Allah als Gnadenreichen Schöpfer und Mohammed als Siegel der Propheten und Krone der Schöpfung zählt dann, sondern eine Pervertierung dieses Glaubens. Die Lehren über den Dschihad als Mittel zur Selbstverteidigung und Herstellung von Freiheit, die ja auch vom Judentum und Christentum praktiziert werden, werden verunstaltet zu hasserfülltem Rachefeldzug gegen alle vermeintlich Ungläubigen. Dass es im Koran heißt, dass Allah die Unfriedensstifter nicht liebt, wird dann nicht zur Kenntnis genommen.Verblendet, irregeführt und sich als eigenmächtigen Vollstrecker göttlichen Zorns betrachtend, wird so manch einer zu einem Fanatiker, der die Fehler nicht mehr in sich selbst sucht, sondern die Schuld an allem Übel immer nur den anderen zuschreibt.Schon als junger Muslim habe ich gelernt, dass Nachdenken und Selbstkritik Kardinaltugenden des Islams sind, dass der wesentlichste Dschihad der Kampf des Menschen gegen sich selbst, seinen Egoismus, seine Machtgier und Sünden ist, und man deren Wurzeln aus seinem eigenen Herzen entfernen muss, um wirklich zum Muslim (was auf Deutsch "gottergebener Mensch" heißt) zu werden. Was könnte sonst ein Heilmittel gegen Fanatismus, der zum Mord verleitet, sein?------------------------------Foto: Hadayatullah Hübsch, geboren 1946 in Chemnitz, war während der Studentenunruhen in West-Berlin Mitglied der Kommune 1. 1969 konvertierte er zum Islam. Heute lebt er als Journalist und Schriftsteller in Frankfurt am Main und ist dort Freitagsprediger in der Nuur-Moschee. Hadayatullah Hübsch arbeitete acht Jahre für die FAZ, war lange Vorsitzender des Hessischen Schriftstellerverbandes und veröffentlichte zahlreiche Essays, Sachbücher und Gedichtbände, u.a. "Alles war Geheimnis. Vom LSD zum Islam", "Der Weg Mohammeds" und "Asphalt-Derwisch".Foto: In der Sehitlik-Moschee am Columbiadamm in Neukölln.