Eines steht ohne Zweifel fest: Der 30-jährige Italiener Gianni C. war an jenem Sonntag im Mai erheblich verletzt. Eine Kniescheibe war zertrümmert, sie musste operiert werden. Die Frage ist: Stürzte der Mann oder wurde er geschlagen? Die Ärzte können das nicht mit Sicherheit sagen. Dabei wäre die Beantwortung dieser Frage wichtig. Weil man dann wüsste, ob Gianni C. gelogen hat, als er sich damals als Opfer eines rechtsradikalen Überfalls ausgab. Als er behauptete, dass ihn drei Männer "mit Bomberjacken und Glatzen" in der Nacht zum 14. Mai in Prenzlauer Berg als "Scheiß-Ausländer" beschimpften. Dass sie ihn mit einer Holzstange gegen das Knie schlugen und ihm einen Schlag gegen die Schläfe versetzten. Vier Wochen waren es damals noch bis zur Fußball-Weltmeisterschaft und der von ihm geschilderte Überfall hatte für Schlagzeilen gesorgt. Italienische Zeitungen sahen in Deutschland Nazis auf dem Vormarsch. In Prenzlauer Berg gingen spontan 500 Menschen auf die Straße, um gegen Rassismus zu protestieren.Allerdings wurde inzwischen aus dem Opfer ein Angeklagter. Seit gestern wird Gianni C., verheiratet, Vater einer einjährigen Tochter, von Beruf Eis-Macher, Pizzabäcker und Konditor, vor dem Amtsgericht Tiergarten der Prozess gemacht. Es geht um das Vortäuschen einer Straftat, ein Delikt, das mit einer Haftstrafe von bis zu drei Jahren geahndet werden kann.Video-Aufzeichnungen vom Bahnhof Alexanderplatz zeichnen allerdings ein ganz anders Bild der Geschehnisse in jener Nacht: Auf ihnen ist Gianni C. zu sehen, wie er an einer Bahnsteigkante strauchelt, ins Gleisbett fällt, die Gleise überquert, dabei stürzt, sich wieder aufrappelt und dann auf der anderen Seite zaghafte Gehversuche unternimmt. Für die Ermittler war klar: Den Überfall hat er sich ausgedacht, zumal er auch noch betrunken war. "Wir haben ihm mehrere Brücken gebaut, damit er von seiner Version wieder wegkommt", sagte gestern ein Kriminalist. Aber es sei nichts zu machen gewesen.Vor Gericht blieb Gianni C. bei seiner Darstellung, wenngleich in neuer Version. Bei der Polizei hatte er erzählt, er sei nach dem Überfall gegen 0.45 Uhr vom U-Bahnhof Eberswalder Straße direkt bis zum S-Bahnhof Alexanderplatz gefahren. Gestern nun ließ er über seine Anwältin erklären, dass er noch an zwei Imbissbuden am Ostbahnhof gewesen sei und erst danach zum Alex fuhr. Dass er dort die Gleise überquerte, bestritt er nicht. Er habe auf kürzestem Wege auf den anderen Bahnsteig gewollt, dabei sei er gestürzt und habe sich erneut an dem ohnehin vom Überfall schon verletzten Knie gestoßen. Wenn er vorher etwas anderes erzählt habe, sagte die Anwältin, liege das daran, dass er bei den ersten Vernehmungen übermüdet und sehr mitgenommen gewesen sei.Erst vier Stunden nach dem behaupteten Überfall, exakt um 4.27 Uhr, ging in jener Nacht vom Alexanderplatz aus sein Notruf bei der Feuerwehr ein, weil er vor Schmerzen nicht mehr laufen konnte. Was tat er in jenen vier Stunden? Gianni C. konnte das bisher nicht überzeugend erklären. Überhaupt ist es ein eigenartiger Fall.Man fragt sich, warum sollte sich einer wie er, der viele Jahre schon in Deutschland lebt, so einen Überfall ausdenken? Die Motivation sei unklar, sagte der Staatsanwalt. Wollte Gianni C. politisch etwas erreichen? Er ist nicht politisch engagiert. Hatte er Angst, den Arzt nicht bezahlen zu können? Er war krankenversichert. Oder wollte er nur Aufmerksamkeit erlangen?Auf den ersten Blick wirkt er nicht wie jemand, der gern im Mittelpunkt steht. Still saß er gestern neben der Dolmetscherin. Einmal hat ein Zeuge kurz erwähnt, dass Gianni C. damals im Mai Eheprobleme hatte. Hat er sich den Überfall vielleicht ausgedacht, um das Mitleid der Ehefrau zu erregen?Die 25-Jährige könnte dazu etwas sagen, aber sie machte von ihrem Recht Gebrauch, die Aussage zu verweigern. Nun sollen weitere Zeugen gehört werden. Der Prozess wird am 26. September fortgesetzt.------------------------------Foto: Im Krankenbett ließ sich Gianni C. noch gern fotografieren. Eine Kniescheibe war zertrümmert und musste operiert werden. Damals im Mai gab er sich als Opfer eines Überfalls von Rechtsradikalen aus. Gestern, vor Gericht, waren ihm die Fotografen eher lästig.