Vierzehn Uhr im norditalienischen Dorf Colloredo di Prato. Ich sitze auf dem Rathausplatz in gleißender Augustsonne. Hundert Meter entfernt hat der Spirituosenhändler Andrea Lunardelli, der die Welt seit zehn Jahren mit "Hitler-Wein", "Prosecco vom Führer" und "Duce-Grappa" beglückt, seinen Firmensitz. Am Telefon bestätigt er unser Treffen für den nächsten Tag, und dann bin ich wieder allein mit der Siestastille, verrammelten Fensterläden, zwei irren Katzen und einer Gedenktafel neben der Rathaustür: "Den deportierten, gefolterten oder unter den Schlägen der nazifaschistischen Barbarei für die großen Ideale des Widerstandes gefallenen besten ." Um die Inschrift vollends zu entziffern, müsste ich den Lorbeerkranz beiseite schieben.Plötzlich taucht neben mir ein etwa siebzigjähriger Herr auf. "Zu Lunardelli", stottere ich. "In Ordnung", brummt er, mustert mich lange, dann das deutsche Nummernschild meines Wagens und fingert darauf, noch immer nicht gänzlich ohne Misstrauen, zwei Schmuckstücke hervor, die ihm an einem Kettchen um den Hals hängen - Mussolini im Profil unterm Stahlhelm sowie das namensstiftende Symbol von dessen Bewegung, das Rutenbündel mit Beil (lateinisch: fasces). Beide Anhänger sind aus Gold. "Schöne Arbeit!", sage ich. Und so beginnt diese Geschichte etwas voreilig, sozusagen Hals(kette) über Kopf, faschistisch.Lunardelli empfängt mich am nächsten Morgen in seinem Büro. Er hat grüne Augen, ist vierzig Jahre alt, sieht jünger aus und trägt das edle Hemd lässig aufgeknöpft. "Worüber wollen wir sprechen?", fragt er höflich. Im Regal hinter ihm stehen, dicht an dicht wie aufmunitioniert, die abstrus verzierten Weinflaschen seiner "historischen Linie". In den ersten Minuten erkundige ich mich nach Dingen, die ich schon weiß und lasse den gläsernen Aufmarsch wirken. Von diversen Etiketten schaut Adolf Hitler auf mich herab. Insgesamt zähle ich zwölf Variationen. Der Braunauer als Feldherr im Ledermantel mit dem zum Trinkspruch aufgewerteten "Ein Volk. Ein Reich. Ein Führer" oder als grimmig posierender Jüngling, schwer tragend an seinem Eisernen Kreuz, über einem signalroten "Sieg Heil", bis hin zum schlichten Konterfei in Schwarz-Weiß und dem Schriftzug "Führerwein"."Aus Kontrastgründen verwenden wir für unsere historische Linie fast ausschließlich Rotwein", sagt Lunardelli. Während mein Blick schweift, über "General Göring"- und "Heinrich Himmler"-Merlots, aber auch "Lenin"-, "Franz Joseph"- "El Che" und "Stalin"-Cabernets, entdecke ich die Ausnahmen: Eva Braun und Sissi auf Weißweinflaschen. Genauer gesagt ist es Pinot Grigio. Ich möchte wissen, warum das so ist. Haben Frauen kein Recht auf Kontrast? Angesichts all der verklebten Vergangenheit aber geht mir die Frage wieder verloren. Überdies ist Lunardelli ein aufmerksamer Gastgeber. Ich bilde mir ein, er spürt, wie zusammengewürfelt und pubertär mir diese Briefmarkensammlung in Flaschenform trotz ihres ausgesuchten Designs vorkommt. Er verlegt sich darauf zu erläutern, was die "historische Weinkollektion" im Innersten zusammenhält und ihren Erfinder offenbar zuallererst kennzeichnet: Geschäftssinn.Begonnen hat alles 1995. Für ein privates Fest bestellten italienische Neofaschisten bei ihm hundert Flaschen Merlot mit dem Bildnis Mussolinis. "Einige Flaschen blieben übrig und fanden hinterher so reißenden Absatz, dass ich das Etikett nachdrucken ließ". Eine Idee war geboren und der sie aufgriff und perfektionierte, lächelt zufrieden. Unter die Fans des Duce-Weins mischten sich bald auch deutsche Touristen. Ihnen einen "Hitler-Wein" zu kredenzen schien opportun. Zwar war Lunardellis Vater, der die Geschicke des Familienbetriebes bis dahin leitete, dagegen und verwickelte seinen Sohn in harte Diskussionen. "Aber der Verkaufserfolg hat ihn schließlich besänftigt."Für einen Moment wirkt Lunardelli junior abwesend, als würde der Generationskonflikt ihn erneut einholen, um den Aussetzer dann mit Begeisterung über die steigenden Absatzzahlen wieder wegzuwischen: "Im letzten Jahr konnten wir 140 000 Flaschen verkaufen. Inzwischen erzielen wir mehr als die Hälfte unseres Gewinns mit der historischen Linie."Ich lasse die Bilanz kommentarlos verklingen und nach langen Sekunden - auf etwas in dieser Richtung hatte mein Schweigen spekuliert - schiebt Lunardelli nach: "Dabei, müssen Sie wissen, bin ich vollkommen unpolitisch. Das ist eine Geschäftsidee und wirklich keine Propaganda!" Das sehen viele anders.Seit Jahren versucht man sowohl in Italien als auch in Deutschland, dem Etikettenprofiteur mit juristischen Mitteln das Handwerk zu legen. Mit bemerkenswert geringem Erfolg. So wurde er vor einem Gericht im südtirolischen Bozen wegen "Verharmlosung des Faschismus" angeklagt und freigesprochen, da "Etikettierung keine Verherrlichung darstellt". Bundesjustizministerin Zypries verurteilte die Wein-PR als "verwerflich und geschmacklos", schickte ihrem italienischen Amtskollegen einen Brief mit der Bitte um Intervention, drängte in diesem Zusammenhang gar auf ein europaweites Verbot von NS-Symbolen und erzielte damit ebenso wenig Wirkung wie die deutsche Botschaft in Rom, die seit 1997 gegen die Aktion protestiert. Der vorerst letzte Versuch, Lunardelli gesetzlich zu stoppen, scheiterte vor zwei Jahren in München. Das nach einem Fernsehbericht angestrengte Verfahren gegen den Händler, dessen "Hitler-Weine" sich zum beliebten Souvenir deutscher Italientouristen entwickelten, wurde eingestellt. Staatsanwalt Michael Müller begründete das folgendermaßen: "Nur die Einfuhr zur öffentlichen Verwendung ist strafbar, nicht die Einfuhr, um die Flasche ins Weinregal zu stellen und im stillen Kämmerlein zu trinken. Es wäre der Nachweis nötig, dass eingeführt wird zum Zwecke der öffentlichen Verwendung oder Verbreitung und das ist im Einzelfall schwierig bis unmöglich."Vom Dauerangeklagten in Colloredo di Prato scheinen die Vorwürfe abzuperlen. Entspannt sitzt er in seinem Drehstuhl, raucht Marlboro light und wundert sich: "Es ist schon merkwürdig. Beim Stalin-Wein - der Mann ließ Millionen Menschen ermorden - gibt es keinerlei Aufhebens, aber für Mussolini und Hitler muss ich vor Gericht."Eine Konsequenz hatte der juristische Wirbel und die damit einhergehende Medienschelte allerdings doch: Große Tankstellenketten entlang der norditalienischen Autobahnen nahmen Lunardellis Bestseller-Weine inzwischen aus dem Angebot. "Agip? Total?" frage ich. "Vorbei!", bestätigt er, deutet aber an, dass die finanziellen Einbußen unbedeutend sind. Sein eng geknüpftes Vertriebsnetz hinein bis in kleine Supermärkte an der Adria und in andere Urlauberzentren verkraftet das. Er berichtet, dass Deutsche ihren "Hitler-Wein" bevorzugt sehr früh am Morgen oder nach Einbruch der Dunkelheit, jedoch meist kistenweise kaufen und rasch in ihre Autos laden. "Die Herrschaften schämen sich wohl", mutmaßt er spöttisch.Seltsamer Spott. Am Ende des Buches "Deutsche Kriegsverbrechen in Italien - Täter, Opfer, Strafverfolgung" (Verlag C. H. Beck 1996) konstatiert der Militärhistoriker Gerhard Schreiber: "Insgesamt starben zwischen dem 8. September 1943 und dem 8. Mai 1945 auf direkte oder indirekte Weise durch deutsche Hand ca. 46 000 Militärinternierte, 37 000 politisch Deportierte und 16 600 zivile italienische Staatsbürger, darunter rund 7 400 Juden. Das bedeutet, dass im statistischen Mittel - ohne die gefallenen Partisanen und regulären Soldaten - täglich 165 Kinder, Frauen und Männer jeden Alters ihr Leben verloren."Das Telefon klingelt. Lunardelli erhebt sich und verdeckt nun vor der Wand in seinem Büro die Lücke zwischen einem dekorativen halben Weinfass und einer Trachtenjacke am Garderobenhaken. Wir sind beinahe gleich alt, denke ich. Auch die übertrieben gestenreiche Art zu telefonieren, kommt mir bekannt vor. Der Anflug von Verbundenheit muss eine verzweifelte Reaktion darauf sein, dass ich das Gefühl habe, diesen Sunnyboy nicht zu enträtseln. Ist er hier mit dem ahistorischen Fallschirm gelandet? Selbst am Rathaus um die Ecke erinnert eine Gedenktafel an die "Leistungen" seiner Wein-Ikonen. Ich frage, ob ihm sein Flaschen-Business angesichts der Opfer nicht peinlich ist und wie eigentlich Zeitzeugen im Dorf darauf reagieren. Er schaut mich groß an und tritt routiniert beiseite "Es gab Proteste. Aber ich verstehe das alles nicht. Der Krieg ist seit sechzig Jahren vorbei. Das wird nie wieder kommen."Apathisch lasse ich mich zur Weinverkostung führen. So geschmacklos die Neugier ist, aber schmeckt "Hitler-Merlot"? Lunardellis aktueller Firmenprospekt schwärmt von einem "herben Wein mit harmonischem Körper, leicht grasartigem Geschmack und einem zarten Duft nach Himbeere". Ich koste, stimme allem zu und entscheide mich für eine neue Interview-Strategie.Zehn Uhr und vierzig Minuten. Lunardelli entkorkt Rote und Weiße und spricht bitte nur noch über Weinlagerung, Weinbouquets, Weinfarben und die dreißig ihn beliefernden Weinbauern. In Folge entkrampft sich der Vormittag maßgeblich. Sozusagen plumpst er vom Obersalzberg ins feine friulische Weinglas. Es ist nicht so, dass ich den umtriebigen Mundschenk danach begreife.Irgendwann muss Lunardelli dann doch den Drang verspüren, sich zu rechtfertigen. Im Brustton des Moralisten bemerkt er: "Auf meinen Etiketten wurden niemals das Hakenkreuz und niemals SS-Runen verwendet!" Überrascht greife ich nach einer "Sieg-Heil"- und dann nach einer "Heinrich Himmler"-Flasche. Tatsächlich. Auch wenn das Fehlen der Symbole vorrangig juristische Ursachen haben dürfte.Am Ende zeigt er mir Geschenke langjähriger Kunden, unter anderem ein Album mit akkurat eingefassten Fotografien des "Führers". Schweigend betrachten wir die bekannten Bilder von Reichsparteitagen, Truppenbesuchen und Spaziergängen mit Schäferhund. Irgendwann seufzt Lunardelli: "Schade, Hitler trank keinen Alkohol."------------------------------Foto: Lunardelli in seinem Weinkeller.Auf die Abbildung seiner "historischen Linie" verzichten wir aus Gründen des guten Geschmacks.