TIFLIS. 2002 Häuser zählt das Flüchtlingslager Tserovani im Norden der georgischen Hauptstadt Tiflis. Jeden Tag kommen neue hinzu. Fabriken werden gebaut, Infrastruktur entsteht. Jeder Stein, der auf den anderen gesetzt wird, verfestigt den Schwebezustand, in dem die Menschen leben. Eigentlich sollen sie wieder zurück in ihr Heimatdorf. Der Krieg zwischen Südossetien und Georgien und das Eingreifen der Russen vor einem Jahr hatten sie vertrieben. Doch nun haben sie sich eingerichtet in einer absurden Situation.----Es ist das achte Haus auf der linken Seite in der dritten Straße. Vielleicht ist es auch das neunte. Man verzählt sich leicht. 2002 kleine, rosa Bungalows mit roten Dächern. Der Abstand dazwischen beträgt immer sieben Meter. Vor manchen Häuschen flattert Wäsche auf einer Leine, vor manchen parkt ein Auto, nicht vor vielen.Tamaz' Haus fällt auf. Ein Geländewagen steht auf dem schmalen Rasenstreifen davor. Es ist der einzige Wertgegenstand, den Tamaz sein Eigen nennen kann. Tamaz ist 41, seit Dezember lebt er hier in Tserovani. Eigentlich kommt er aus Akhalgori, einem Dorf, von dem ihn jetzt 22 Kilometer Landstraße trennen. 22 Kilometer, die in eine Welt führen, die nicht mehr seine ist. Offiziell gilt er als Binnenvertriebener. Das klingt weniger dramatisch als Flüchtling. Sie seien hier fast alle aus Akhalgori, sagt er. Alles Georgier, die auf der südossetischen Seite nicht mehr erwünscht waren. Tamaz wählt seine Worte sorgsam, spricht leise und langsam, fast schleppend. Manchmal hört er mitten im Satz auf, starrt abwesend in die Ferne, verschränkt die Arme und denkt nach. Dann setzt er wieder an und führt seinen Gedanken zu Ende. Vermutlich könnte er auch schneller sprechen, doch so ist wenigstens ein bisschen Zeit vergangen.Viel zu tun gibt es nicht. Was er den ganzen Tag mache? Warten. Worauf? Das weiß er nicht so richtig. Darauf, dass die georgische und die südossetische Seite Frieden schließen? Darauf, dass Russland Südossetien annektiert und den jahrzehntelangen Streit auf seine Weise beendet? Darauf, dass das kleine Haus in seinen Besitz übergeht und er mit seiner Familie in Tserovani bleiben kann? Eigentlich kommt keine dieser Varianten in Frage. Weder für ihn, noch für die georgische Regierung.Ein Jahr ist es her, seit der Streit um das kleine georgische Gebiet Südossetien zum offenen Konflikt eskalierte und russische Panzer georgischen gegenüberstanden. Er ging als Fünf-Tage-Krieg in die Geschichte ein und bildete den traurigen Höhepunkt einer langen Kette von Provokationen, die beide Seiten einander lieferten.Im Moment ist die Lage, von einigen Schusswechseln abgesehen, ruhig, aber gespannt. Die Gespräche laufen. Eine willkürliche Grenze wurde gezogen. Sie verläuft durch das Akhalgori-Tal, etwa eine Stunde nördlich von Tiflis. Auf der georgischen Seite patrouillieren täglich Beobachter der Europäischen Union. Ihr Mandat wurde kürzlich um ein Jahr verlängert. Tamaz' Dorf liegt jenseits der Grenze, wo die Europäer nicht hin dürfen. Dort herrschen jetzt die Russen.Tamaz passiert die Grenze fast jeden Tag, es sei leichter geworden. Er müsse nur noch seine Papiere zeigen und meistens lassen die Russen ihn durch. Seine Eltern sind geblieben. Tamaz hatte keine Wahl. "Dort gibt es doch nichts. Keine Schule für die Kinder, keine Zukunft." Hatte er Angst vor den Russen? Nein, mit den Russen hatte er keine Probleme. Trotzdem sind sie an allem schuld. Daran, dass er sein Dorf verlassen musste - daran, dass seine beiden Söhne jetzt neben der Autobahn spielen müssen, daran, dass Georgien gezwungen war, Krieg zu führen. So sieht er es.Ihnen blieb doch keine andere Wahl. Schließlich musste Georgien seine Bürger schützen. Die Südosseten im Dorf haben die Georgier geschlagen, sie beschimpft, ihnen das Leben zur Hölle gemacht. Dabei hatten sie doch alle friedlich nebeneinander gewohnt, waren gute Nachbarn, man half sich gegenseitig - bis die Russen kamen. Tamaz lächelt verlegen, hätte sich beinahe in Rage geredet, legt nun aber wieder eine lange Pause ein. Die Zeit muss vergehen.Eine Nachbarin hat sich unauffällig genähert. Sie hält ein Tuch vor den Mund wenn sie redet, um die großen Lücken zwischen ihren Zähnen zu verbergen. Es ist ihr unangenehm, so vor westlichen Journalisten aufzutreten. Auch Tamaz zeigt immer wieder unsicher auf seine verbeulte Trainingshose. Er hatte nicht mit hohem Besuch gerechnet. Er hätte sich doch etwas Passenderes angezogen.Es passiert nicht viel in Tserovani. Der Besuch Außenstehender gerät zur Sensation. Immerhin hat Tamaz eine Aufgabe im Camp. Er montiert Satellitenschüsseln an die kleinen, rosa Bungalows. Das bringt Geld genug, um die Familie zu ernähren. Ein Fernseher gilt für die meisten als der größte Luxus. Früher war Tamaz Hausmann. Seine Frau hat das Geld verdient. Hausmann ist eine schöne Umschreibung. Es klingt eleganter. Er will nicht den Eindruck erwecken, als hätte er nichts getan. Tamaz spricht leise. Man versteht nur jedes dritte Wort. Baustellenlärm übertönt ihn.Ziel der georgischen Regierung ist, dass jeder Einzelne der 6 145 Bewohner wieder nach Akhalgori zurückkehrt, wieder sein eigenes Leben führt und Geld verdient. Doch neben dem Lager entstehen gerade eine Schokoladenfabrik und eine Bäckerei. Sie sollen den Menschen eine Beschäftigung geben, sie vom Warten ablenken, vom Warten auf die Rückkehr. Doch mit jedem Stein, der auf den anderen gesetzt wird, verfestigt sich die Situation ein bisschen mehr. Die Stagnation wird umso spürbarer, je mehr Fortschritte das Camp macht. Langsam erhält Tserovani einen Charakter, ein Gesicht. Innerhalb von sechs Wochen hat die Regierung das Camp errichtet. Für Details blieb keine Zeit. Es gibt eine Medizinstation, ein Gemeindezentrum und 28 Lari für jeden im Monat. Von den zwölf Euro können die Menschen Schokolade kaufen, Bier, Seife, wenn nötig. Mehl, Nudeln und Butter erhalten sie zugeteilt. Gemüse baut Tamaz lieber neben seinem Haus an.Immer ist der andere schuldDer Sommer ist erfahrungsgemäß keine gute Zeit für Georgien. Die meisten Kriege haben in diesen Monaten begonnen. Die Medien schüren Panik, dass der Konflikt wieder ausbrechen könnte. Er ist nicht gelöst. Beide Seiten beharren auf ihren Positionen und begründen sie mit der Geschichte. Südossetien habe schon immer zu Georgien gehört, führt die eine Seite an. Südossetien sei von den Georgiern annektiert worden, hält die andere dagegen. Beweise zu finden ist schwer. Genauso schwer, wie die Antwort auf die Frage, wer den Krieg in der Nacht zum 8. August 2008 begonnen hat - die Nacht, in der die ganze Welt nach Peking geschaut hat, zur Eröffnung von schwierigen Olympischen Spielen. in der niemand damit gerechnet hat, dass der georgische Präsident Michail Saakaschwili den Schritt geht und Südossetien angreift. Oder verteidigt, wie es Tamaz lieber nennt.Ein Bericht der Europäischen Union soll Klarheit bringen. Doch schon jetzt dämpft die Verantwortliche, die Schweizer Diplomatin Heidi Tagliavini, die Erwartungen. Vermutlich wird danach nichts klarer sein als vor einem Jahr. Die Emotionen im Südkaukasus behindern die Wahrheitsfindung.Die Situation stabil halten - das ist das oberste Ziel. Die Konflikte sollen wieder "eingefroren" werden, wie es heißt. Einfrieren ist nicht lösen. Davon ist Georgien weit entfernt. Erst einmal wieder den Schwebezustand herstellen. Der ist immerhin besser als Krieg. Man gibt sich mit kleinen Schritten zufrieden im Kaukasus.Und wie sieht Tamaz sein Leben in Tserovani? "Leben?" Verböte es die Anwesenheit von Fremden nicht, wäre Tamaz' in Gelächter ausgebrochen. "Das ist doch kein Leben hier!" Schließlich ist er Flüchtling. Und was hat er vor? Keine Ahnung. Vielleicht gehört das Haus bald ihm. Dann könnte die Familie bleiben. Mal abwarten.------------------------------Spannungen vor dem JahrestagRegierungskrise: Kurz vor dem Jahrestag des Südkaukasuskrieges hat der Präsident der von Georgien abtrünnigen Region Südossetien gestern die Regierung entlassen. Eduard Kokojty nannte gesundheitliche Gründe für den Rücktritt von Regierungschef Aslanbek Bulazew. Laut Medien ist der Grund für den Regierungswechsel die wachsende Unzufriedenheit in der Bevölkerung, die nach dem Krieg zwischen Russland und Georgien im August 2008 weiter in großer Armut lebt.Stockender Aufbau: Nach der Anerkennung ihrer Unabhängigkeit durch Russland beklagen die Menschen in Südossetien mangelnde Fortschritte beim Wiederaufbau. Die südossetische Opposition wirft Kokojtys Behörden Korruption sowie Veruntreuung von russischen Hilfsgeldern vor.Scharmützel: Fast täglich kommt es nach Angaben beider Seiten zu Schusswechseln in der Region. Die EU und die USA haben die Konfliktparteien zur Zurückhaltung aufgefordert.------------------------------Karte: Georgien, Nordossetien------------------------------Foto: Dieses Haus in der südossetischen Hauptstadt Zchinwali wurde während eines georgischen Angriffs zerstört.