Der Fall des David T. bewegte die Menschen in Halle/Seeburg. Der polizeibekannte Kriminelle, dem über ein Dutzend Straftaten von Tankbetrug über Auto- und Ladendiebstahls bis hin zu räuberischer Erpressung zur Last gelegt wurden, offensichtlich ein Wiederholungstäter also, saß nicht etwa hinter Schloss und Riegel, sondern blieb trotz zahlreicher Anzeigen auf freiem Fuß. Das war vor ziemlich genau einem Jahr.Was die Menschen bewegt, bewegt auch die "Bild"-Zeitung. Ein Journalist der Redaktion in Halle nahm sich damals unter der Überschrift "Der Haft-Richter lässt Drogen-Enkel laufen" des Falles an, schilderte die Fakten, zitierte Polizisten. Tenor des Textes: Es sei nicht zu verstehen, warum dieser Mann nicht im Untersuchungsgefängnis sitze. Der Haftrichter habe entschieden, so hieß es in dem Artikel, dass keine Haftgründe vorlägen.Der Beitrag könnte den Journalisten nun teuer zu stehen kommen. In seinem letzten Satz wies er den Haftrichter darauf hin, dass auch Wiederholungsgefahr ein Haftgrund sei. Der Haftrichter fühlte sich von diesem Hinweis beleidigt und erstattete Anzeige. Das Amtsgericht Halle-Saalfeld verurteilte den Journalisten vor wenigen Tagen zu 1 200 Mark Geldstrafe. Es sei der Eindruck entstanden, "dass der Haftrichter sein Handwerkszeug nicht kennt", begründete der Richter den Beschluss zu Gunsten seines Kollegen, mit dem er im Amtsgericht in Halle Tür an Tür arbeitet. Damit sei der Straftatbestand der Beleidigung erfüllt. Der Journalist hat Rechtsmittel eingelegt.Der Journalisten-Verband Sachsen-Anhalt spricht von einem "offenkundigen Fehlurteil" und erwartet, dass es in der nächsten Instanz revidiert wird. Es sei zweifelhaft, ob ein Hinweis auf eine Rechtsbestimmung den Tatbestand einer Beleidigung überhaupt erfülle. "Das ist ein äußerst bedenkliches Urteil", sagt Udo Röbel, Chefredakteur der "Bild"-Zeitung in Hamburg, "Wenn kritische Äußerungen mit Strafe belegt werden, ist die Pressefreiheit in Gefahr." Die "Bild"-Zeitung stehe hinter ihrem Redakteur. Man werde sich nicht scheuen, bis zum Verfassungsgericht zu gehen, wenn die nachgeordneten Instanzen das Urteil nicht aufheben. "Das Urteil ist absurd", sagt der Medienanwalt Christian Schertz. Eine Beleidigung liege vor, wenn eine Person bewusst diffamiert oder einer Schmähkritik ausgesetzt werde. "Das ist in diesem Fall nicht im Mindesten zu erkennen", sagt Schertz. "Bei solchen staatlichen Maßnahmen droht die Gefahr, dass Journalisten künftig mundtot gemacht werden."Der zunächst verschonte Straftäter wurde im Übrigen wenige Tage nach Erscheinen des "Bild"-Beitrags in Haft genommen. Inzwischen ist er verurteilt - zu einer Freiheitsstrafe auf Bewährung. Anders der Journalist: Er muss, falls das Urteil rechtskräftig wird, die Summe ohne Einschränkung bezahlen.