TEHERAN. 150 Millionen Toman sind etwa 127 000 Euro. Für einen solchen Betrag müsste ein Lehrer im Iran 50 Jahre lang arbeiten. Für 150 Millionen Toman kann man rund 1750 mittelgroße Schafe zu erstehen, die an einem Festtag geschlachtet werden können.150 Millionen Toman - das ist der Preis für Sina Paymards Leben. Diesen Betrag muss sein Vater bezahlen, um Sina davor zu bewahren, ein zweites Mal unter dem Galgen im Hof des Ewin Gefängnis zu stehen.------------------------------Sina war ein schwieriger Junge. Er trieb sich herum und gab Widerworte. Als er zwölf war, fiel seinen Eltern auf, dass er Haschisch rauchte. Er hatte schlechten Umgang. Als er 14 war, beschlossen die Eltern nach Babol umzuziehen, einer Kleinstadt am Kaspischen Meer, wo seine Großeltern wohnen. Doch der Vater fand in seinem Beruf als Buchhalter keine Arbeit. So kamen sie ein Jahr später nach Teheran zurück. Sina geriet in die alte Szene, verfiel in die alten Gewohnheiten, wurde verschlossener, aggressiver. Es kam zu Handgreiflichkeiten mit dem Vater.Sina hatte aber eine Leidenschaft, die seine sanfte, sensible Seite zeigt. Seit er vier Jahre alt war, spielte er die Ney, eine Bambus-Flöte. "Es war wie ein Wunder", so Vater Said. "Es ist sehr schwierig, aus dem Instrument auch nur einen Ton heraus zu locken. Sina gelang es sofort." Er erhielt Unterricht, ließ kaum eine Unterrichtsstunde aus. Er träumte von einer Karriere als Musiker.Seine Mutter überredete ihn dennoch, Hilfe bei einem Psychiater zu suchen. Am 30. April 2002 und noch einmal einen Monat später besuchten sie die Praxis von Dr. M. Madjd, einer der führenden Psychoanalytiker im Iran. Madjd diagnostizierte periodische Verhaltensstörungen sowie eine milde Paranoia, verschrieb Medikamente und empfahl eine Therapie. Sina machte nicht mit - mehr als zwei Jahre später saß die Mutter wieder im Wartezimmer und bat weinend um Hilfe. Sina stecke in großen Schwierigkeiten.Was im Park geschahDer Park Behjat Abad liegt im Zentrum Teherans. Die Szene weiß, dass man dort Drogen kaufen kann. Am 17. Juli 2004 traf Sina gemeinsam mit zwei Freunden dort Sirous Farahmand, bei dem er schon gelegentlich Haschisch gekauft hatte. Sirous war mit 34 Jahren mehr als doppelt so alt wie Sina, ohne feste Arbeit und hatte wegen Drogenhandels und sexuellen Missbrauchs Bekanntschaft mit der Justiz gemacht.Sina und seine Freunde hatten 10 000 Toman bei sich, aber Sirous sagte, er könne das Haschisch erst am kommenden Tag besorgen. Sie sollten ihm aber das Geld dalassen. Die drei akzeptierten. Am Morgen darauf wollten sie ihre Ware abholen, aber Sirous machte sich über sie lustig. Von welchen 10 000 Toman die Rede sei? Sie sollten verschwinden. Die drei zogen ab.Sina war wütend. Er fühlte sich erniedrigt, beleidigt, betrogen. Er ging zurück und verlangte von dem Drogenhändler die Herausgabe seines Geldes. Sirous bestellte Sina für den Abend in den Park und versprach, das Haschisch mitzubringen. Sina war pünktlich da, es war dunkel. Er hatte ein Messer mitgebracht - er hatte Angst vor dem stärkeren Sirous, und er wollte sich auf keinen Fall noch einmal demütigen lassen. Nach Sinas Aussagen versuchte Sirous, ihn zu sexuellen Handlungen zu überreden. Es kam zum Handgemenge, am Ende lag Sirous auf dem Boden - aus drei Stichwunden stark blutend. Sina lief davon. Zwei Stunden später fanden Passanten den Körper, Sirous lebte noch. Sie brachten ihn ein Krankenhaus , dort stellte man ihn im Foyer ab, bis geklärt sein würde, wer seine Behandlung bezahlt. 45 Minuten später wurde Sirous Tod festgestellt.Sina war an diesem Tag 16 Jahre, 5 Monate und 14 Tage alt.Zu Hause bemerkte seine Mutter das Blut an seiner Kleidung. Sina erklärte, er sei in eine Prügelei geraten, aber Halimeh Paymard ist Krankenschwester: So viel Blut konnte nicht von einer Schlägerei stammen. Bald hörte der Vater von dem Toten im Park, das Bild setzte sich für ihn zusammen. Sina gestand schließlich ein, er habe auf Sirous eingestochen - aus Notwehr.20 Tage später zeigte der Vater seinen Sohn bei der Polizei an. Heute glaubt er, sowohl das Richtige wie das Falsche getan zu haben. "Ich glaube fest daran, dass man für das, was man tut, einstehen muss. Sina verdiente eine Strafe. Zudem sollte es ihm eine Abschreckung sein, damit so etwas nicht noch einmal geschieht. Hätte ich aber gewusst, wie korrupt dieses Rechtssystem ist und wie wenig Gesetz und Gerechtigkeit beachtet werden, weiß ich nicht, ob ich das Richtige getan habe."Sinas Vater hatte für die Gerichtsverhandlung auf einen Anwalt verzichtet. Er war sicher, der Richter werde Milde walten lassen. Schließlich hatte Sina die Tat gestanden und sich gestellt. Er hatte aus Notwehr gehandelt und: Sina war zum Zeitpunkt der Tat minderjährig.Die Verhandlung am 6. März 2005 im Gebäude des Strafgerichtes dauerte weniger als eine Stunde. Anwesend waren neben Richter Aziz Mohammadi, dem Staatsanwalt und dem Protokollanten die vier Brüder des Getöteten - alle in mehr oder weniger regimenahen Positionen. Das Gericht hatte Sina einen Pflichtverteidiger bestellt, der war aber mit dem Fall nur flüchtig vertraut.Der Richter entschied nach Aktenlage. Es wurden weder Zeugen der Anklage noch der Verteidigung vorgeladen, noch fand eine Beweisaufnahme statt. Gleich zu Beginn entschied der Richter, dass es sich bei dem Getöteten um einen unbescholtenen, ehrenhaften Bürger handele, der nicht mit dem gerichtsnotorischen Sirous Farahmand identisch sei. Ein Gerichtsschreiber hatte einen Schreibfehler begangen, und bis heute ist Sinas Vater davon überzeugt, die Brüder des Getöteten hätten ihren Einfluss geltend gemacht, um das Ansehen des Toten wie der Familie intakt zu halten.Zu Sina nahm der Richter nur zur Kenntnis, dass er drogenabhängig sei und ein Messer bei sich geführt habe. Das Urteil: Todesstrafe. Das iranische Recht erlaubt die Verurteilung Jugendlicher zum Tode; das Urteil soll erst vollstreckt werden, wenn der Verurteilte das 18. Lebensjahr erreicht hat.Am 6. März 2005 reichte der Pflichtverteidiger einen Berufungsantrag beim Obersten Gericht ein, in dem er vor allem auf das jugendliche Alter und die psychologischen Probleme Sinas verwies und eine Stellungnahme von Dr. Madjd beilegte. Ohne mündliche Verhandlung wies das Oberste Gericht den Einspruch ab. Am 18. September 2006 erhielt Said Paymard gegen 14 Uhr einen Anruf von seinem Sohn. Sina war zwei Wochen zuvor 18 geworden. Man hatte ihn am Vormittag von der Stadt Karaj aus in das Ewin Gefängnis in Teheran gebracht um ihn hinzurichten. Normalerweise werden Angehörige erst gegen Mitternacht benachrichtigt, damit sie im Gefängnis vor der Hinrichtung im Morgengrauen Abschied nehmen können.Der ehemalige Chef der Jugendabteilung des Gefängnis in Karaj, Mohammad Kianpour, der inzwischen nach Teheran gewechselt war, hielt sich durch Zufall an diesem Tag in dem Büro auf, in dem die Exekutionen vorbereitet werden. Er sah Sinas Akte und war erschrocken. Kianpour kannte Sina aus dem Jugendstrafvollzug und war von seinem Ney-Spiel sehr angetan. Er appellierte an seine Kollegen, die Hinrichtung zu verschieben, und arrangierte den Anruf.Said Paymard rief eine Anwältin an, die versprach zu tun, was sie konnte und versuchte einige ihrer Kontakte im Justizministerium telefonisch zu erreichen. Es half nichts. Kurz nach Mitternacht saßen Vater, Mutter, Großvater Resa und Sina in einem Zimmer im Ewin Gefängnis, um Abschied zu nehmen. Mit im Raum waren nicht nur die Angehörigen dreier weiterer zum Tode Verurteilter, sondern auch die engsten Verwandten der Opfer.Das islamische Recht sieht vor, dass ein Todesurteil annulliert werden kann, wenn die Eltern des Opfers dem Täter vergeben. Zum Ausgleich muss die Dieh, das Blutgeld, gezahlt werden. Wird der vereinbarte Betrag übergeben, ist der Verurteilte frei. Ein Richter sowie ein Geistlicher gingen durch dem Raum und legten den Angehörigen des Opfers nahe, von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen. Sirous Eltern wurden durch die vier Brüder vertreten. Obwohl Sina unter Tränen beteuerte, dass er bereue, was passiert ist, und er um Vergebung flehte, wandten sie ihm den Rücken zu.Gegen zwei Uhr wurden die Verurteilten und die Verwandten der Opfer in den Innenhof des Gefängnis geführt. Die Familien der Täter blieben zurück. Der Galgen des Ewin Gefängnis steht in einem rechten Winkel zu einer hohen Mauer und wird von zwei Scheinwerfern angestrahlt. Von einem Holzgerüst hängen die Stricke. Eine fahrbare Plattform wird darunter geschoben, auf die die Verurteilten steigen müssen. Sie stehen auf einer Art Rohr, das mit einem Handgriff weggezogen werden kann, so dass die Todeskandidaten nach unten fallen.Vier Todeskandidaten standen da, ganz rechts Sina, die Familien der Opfer keine zwei Meter von der Plattform entfernt. Die Verhandlungen über eine Begnadigung gingen weiter. Der Geistliche ging durch die Reihen, warb bei den Angehörigen um Barmherzigkeit.Unter diesen Angehörigen war auch Mahboubeh Ramezani, eine Frau voller Energie, deren Bruder von einem Freund erstochen worden war. Sie wollte den Mörder ihres Bruders sterben sehen. Als sie Sina sah, wurde ihr Herz weich. "Das war noch ein Junge mit einem ganz unschuldigen Gesicht." Sie bedrängte die vier Brüder Sirous'. Die reagierten unwirsch. Es kam das Zeichen, die Hinrichtung einzuleiten. Den Verurteilten wurden die Schlingen um den Hals gelegt, ein Gefängniswärter begann, laut von zehn rückwärts zu zählen. Sina wurde nach einem letzten Wunsch gefragt: Er bat, die Ney spielen zu dürfen. Man stimmte zu.Die Schlinge um den Hals, begann Sina zu spielen. Fast allen, die hartgesottenen Henker eingeschlossen, liefen die Tränen. "Als Sina spielte, konnte ich spüren, dass Fatimah, die Tochter des Propheten, in diesem Innenhof war und mich anwies, das Leben dieses Jungen zu retten", erinnert sich Mahboubeh Ramezani. "Ich wusste, ich musste ein gutes Beispiel geben, und habe deshalb dem Mörder meines Bruders verziehen."Ramezani bestürmte noch einmal die vier Brüder, das erlösende Mibakhsham, ich vergebe, auszusprechen. Schließlich trat Behnam, der älteste, nach vorne und fragte Sina: "Kann dein Vater 200 Millionen bezahlen?" 200 Millionen Toman Blutgeld ist eine unerhörte Summe. Gewöhnlich beträgt der Preis 50 Millionen. Der Richter mischte sich ein. "Das ist zu hoch!" Die Brüder gingen auf 150 Millionen Toman. "Kann dein Vater das bezahlen?" Sina nickte heftig. Seine Schlinge wurde losgemacht, er durfte heruntersteigen.Sinas Vater kann die 150 Millionen Toman nicht bezahlen. Er konnte ein kleines Grundstück verkaufen. Ein Mitleidiger zahlte ihm 50 Millionen Toman dafür. Bleiben 100 Millionen Toman. Said Paymard bat wohltätige Organisationen wie die Imam Khomeini Stiftung um Hilfe. Erhalten hat er nichts. Er handelte mit den Brüdern. Vergebens. Eine gerichtliche Einigungsrunde fand statt. Ohne Ergebnis. Die Familie von Sirous Farahmand könnte das Gericht jederzeit auffordern, die Hinrichtung durchzuführen, da das Geld nicht gezahlt wurde.Retten könnte Sina noch eine Verfügung des Chefs des Justizapparates, Ayatollah Hashemi Shahroudi, die Hinrichtung außer Kraft zu setzen. Dann bliebe ihm ein zweiter Gang zum Galgen erspart, frei wäre er nicht. Damit sich die Gefängnistüren öffnen, muss das Blutgeld bezahlt werden.------------------------------Immer wieder wird vollstrecktDer Iran ist zwar Unterzeichnerstaat der Konvention zum Schutz des Kindes, die die Todesstrafe für Minderjährige verbietet, aber diese Vorschrift ist in das Landesgesetz noch nicht übertragen worden. Ein Gesetzesentwurf schlummert seit Jahren in den zuständigen Parlamentsausschüssen. Der Chef des Justizapparates, Ayatollah Hashemi Shahroudi, hat zwar öffentlich eine Aussetzung aller Exekutionen von minderjährigen Straftätern angeordnet, aber dennoch werden solche Urteile immer wieder verhängt und gelegentlich auch vollstreckt.Nur noch in wenigen Staaten wird die Todesstrafe für Jugendliche verhängt und auch an ihnen vollstreckt - neben dem Iran auch in China, im Jemen, in der Demokratischen Republik Kongo, in Nigeria, Pakistan und in Saudi-Arabien. In den USA ist die Todesstrafe gegen Jugendliche in einigen Bundesstaaten möglich, andere vollstrecken sie nicht. Im Allgemeinen stellt Amnesty International einen Trend zur Abschaffung der Todesstrafe fest. 2005 beschlossen Mexiko und Liberia, auf Hinrichtungen zu verzichten. Etwa 70 Länder halten an der Todesstrafe fest.------------------------------"Die Schlinge um den Hals, begann Sina Flöte zu spielen. Selbst den hartgesottenen Henkern liefen die Tränen." Augenzeugin aus dem Hinrichtungsraum------------------------------Foto: Sina Paymard (l.), als Kind beim Spielen auf der Ney-Flöte, die ihm später, unter dem Galgen, eine zweite Chance verschaffen sollte. Sein Vater, Said Paymard (r.), kämpft um das Leben des Verurteilten.------------------------------Foto: Ein iranischer Polizeioffizier beaufsichtigt die Vorbereitungen auf die Vollstreckung eines Todesurteils. Nach Angaben von Amnesty International wurden im Iran 2005 acht jugendliche Straftäter hingerichtet, seit 1990 sollen es mindestens 18 Jugendliche gewesen sein. Insgesamt starben in Iran nach der Amnesty-Statistik mindestens 94 Personen auf staatliche Anordnung.