MADRID, im Juli. Am 12. Dezember 1972 überschreitet ein junger Mann bei Portbou die Grenze von Frankreich nach Spanien. Er trägt einen deutschen Pass bei sich, der nicht sein eigener ist, er wurde auf Sizilien als gestohlen gemeldet. Am 19. Dezember gegen 16 Uhr betritt der junge Mann die Bar eines Campingplatzes in der Mittelmeerprovinz Tarragona und bestellt einen Kaffee. Er hat ein Jagdgewehr dabei. Wenig später erscheint der 26-jährige Polizist Antonio Torralbo Moral in der Bar. Als der Mann mit dem deutschen Pass den uniformierten Polizisten sieht, feuert er zwei Schüsse auf ihn ab. Torralbo ist sofort tot. Alles geht sehr schnell. Der Schütze fordert die Barfrau auf, ihm beim Wegschleppen des Leichnams zu helfen. Die Frau läuft davon. Nervös, ergreift auch der Mann die Flucht, lässt noch den Inhalt der Kasse mitgehen, rund viertausend Peseten. Am nächsten Morgen gegen 7 Uhr stellen ihn Polizisten auf einem nahen Bahnhof. Der Täter lässt sich widerstandslos festnehmen. Er gibt sich als Heinz Ches aus, 33 Jahre alt, ledig, polnischer Staatsbürger. Ein Dreivierteljahr später, am 6. September 1973, wird er von einem spanischen Militärgericht zum Tode verurteilt. Das Urteil wird am 2. März 1974 vollstreckt. Heinz Ches ist der Letzte, der in Spanien mit dem Würgeeisen hingerichtet wird.Es ist eine rätselhafte Geschichte, die erst dreißig Jahre später an Klarheit gewinnen wird. Es ist eine Geschichte, die nach Deutschland führt. Heinz Ches hieß in Wirklichkeit Georg Michael Welzel, im Moment seiner Festnahme war er 28 Jahre alt, er hatte eine Verlobte und drei Kinder, er war Deutscher, geboren und aufgewachsen in Cottbus. Warum musste Welzel sterben, obwohl eine hohe Freiheitsstrafe auch damals, in den letzten Jahren der Franco-Diktatur, den juristischen Gepflogenheiten in Spanien entsprochen hätte? Drei Jahre nach der Hinrichtung - Franco war inzwischen gestorben - brachte der katalanische Dramaturg Albert Boadella eine Farce über die letzten Tage des "Heinz Ches" auf die Bühne. Die Grundidee des Stückes: "Ches" war das zufällige Opfer politischer Intrigen. Georg Michael Welzel, der seine wahre Identität nie preis gab, hätte wohl trotz des Todesurteils mit einer Begnadigung rechnen können - wenn sich das Franco-Regime nicht zur selben Zeit in seinen Grundfesten bedroht gefühlt hätte. Am 20. Dezember 1973 ermordete die baskische ETA den Regierungschef Luis Carrero Blanco, Francos treuesten Gefolgsmann. Das Regime schwor Rache. Zwei Wochen nach dem Attentat verhängte ein Militärtribunal die Todesstrafe über den Anarchisten Salvador Puig Antich, der sich Ende September seiner Festnahme widersetzt und dabei einen Polizisten erschossen hatte. Puig Antich sollte so schnell wie möglich hingerichtet werden, um den Spaniern die Entschlossenheit der Diktatur im Kampf gegen ihre Feinde zu zeigen. Der falsche Ches war schon einige Monate zuvor zum Tode verurteilt worden. Er kam den Franco-Leuten gerade recht. Wenn sie ihn am selben Tage wie Puig Antich hinrichteten, würden sie so etwas wie die Normalität der Todesstrafe demonstrieren. Am 2. März 1974 wurden Puig Antich und Heinz Ches hingerichtet. In spanischen Zeitungen erschien am nächsten Tag ein entstelltes Bild des "polnischen Vagabunden Heinz Ches" mit wirrem Haar und aufgemaltem Bart. Niemand sollte Mitleid mit dem dubiosen Ausländer haben.In seiner Heimat Cottbus erfuhren Welzels Verlobte Christa Fuchs und die gemeinsamen drei Kinder nichts von der Hinrichtung in Spanien. Sie hatten schon vor einiger Zeit den Kontakt mit Welzel verloren. Sie sollten erst 29 Jahre später wieder etwas über ihn hören.1995 machte sich der spanische Journalist Raúl Riebenbauer daran, den rätselhaften Tod von Heinz Ches zu untersuchen. Nach Jahren der Recherche übernahm dann der Dokumentarfilmer Joan Dolç das Projekt von Riebenbauer. Vor wenigen Tagen ist nun sein Film mit dem Titel "La muerte de nadie" (Der Tod eines Niemand) in die spanischen Kinos gekommen. "Das Rätsel Heinz Ches", wie der Film im Untertitel heißt, ist immer noch ein Rätsel - wenn auch ein halbwegs gelöstes.Christa Fuchs und Georg Michael Welzel lernten sich 1961 kennen. Die damals 19-jährige Christa arbeitete in einem Hotel in Treseburg in Sachsen-Anhalt, der zwei Jahre jüngere Georg machte ganz in der Nähe eine Ausbildung. Die beiden wurden ein Paar. Sie zogen nach Cottbus, zu Georgs Mutter, und bekamen ein Kind. Doch Georg hatte einen großes Plan: Er wollte raus aus der DDR. Christa war zum zweiten Mal schwanger, als Georg wegen versuchter Republikflucht ins Gefängnis kam. Kaum war Georg aus der Haft entlassen, versuchte er wieder in den Westen zu flüchten. 1967 wurde er erneut festgenommen, da war er schon dreifacher Vater. 1970 musste er ein drittes Mal wegen eines Fluchtversuches ins Gefängnis. Schließlich kaufte ihn die Bundesrepublik frei. Am 16. Mai 1972 überschritt er endlich die Grenze nach Westdeutschland. Georg Welzel war 28 Jahre alt.In den folgenden vier Monaten schickte er seiner Mutter und seiner Verlobten insgesamt achtzehn Postkarten und vier Briefe, auch ein Paket mit Waschmittel, in dem er Geldscheine versteckte. Die letzte Postkarte datiert vom 5. September 1972, dann verschwand Georg Welzel für immer aus dem Leben seiner Familie. Die lang ersehnte Freiheit brachte ihm kein Glück, er kam nicht klar im Westen. Am 10. September wird er in Bonn wegen unsittlichen Verhaltens festgenommen, dann verliert sich seine Spur. Bis zum Grenzübertritt nach Spanien am 12. Dezember. Christa Fuchs baute sich in Cottbus mit ihren drei Kindern ein Leben ohne ihn auf. Einmal bat sie noch bei den DDR-Behörden darum, nachzuforschen, was aus ihrem Verlobten geworden ist, doch ohne Ergebnis. Den Kindern wird erzählt, der Vater sei bei einem Fluchtversuch erschossen worden. Was bleibt, ist eine weiße Stelle in der Familiengeschichte, eine weiße Stelle, die irgendwann niemand mehr wahrnimmt, weil sie schon so lange da ist. Bis die spanischen Dokumentarfilmer kommen, im August 2003. Die weiße Stelle füllt sich rot. Der Geliebte ein Mörder, der Geliebte qualvoll hingerichtet. Christa Fuchs schaut ins Leere. "So viele schlaflose Nächte", sagt sie. Der Regisseur Joan Dolç und sein Team waren im schriftlichen Todesurteil gegen "Heinz Ches" auf dessen wahre Identität gestoßen. Denn die spanischen Ermittler hatten über Interpol auch in Deutschland nach Erkenntnissen über den angeblichen polnischen Vagabunden gefragt. Das Bundeskriminalamt in Wiesbaden wurde fündig.Die Fingerabdrücke stimmten mit jenen überein, die die Polizei Georg Michael Welzel einige Monate zuvor in Bonn abgenommen hatte. Damals hatte er auch die Namen seiner Eltern zu Protokoll gegeben: Karl Heinz Welzel und Ursula Welzel, geborene Ches. Die spanische Justiz wusste also, dass sie keinen Polen, sondern einen Deutschen hinrichtete. Aber sie verheimlichten es, weil sie keine Proteste in Deutschland provozieren wollten. Mit Polen bestanden damals noch nicht einmal diplomatische Beziehungen.Die Dokumentarfilmer fanden heraus, dass Christa Fuchs und ihre drei Kinder alle noch in Cottbus oder der Umgebung leben. Sie nahmen Kontakt auf, sie überzeugten die Familie nach Spanien zu kommen. Mutter und Kinder sprachen mit dem Verteidiger, der das Todesurteil nicht verhindern konnte. Sie redeten mit dem Pfarrer, der in der Nacht vor der Hinrichtung Mensch-ärgere-dich-nicht mit Welzel spielte und keine Furcht oder Verzweiflung in seinen Augen sah. Sie besuchten das Gefängnis, und sie besuchten den Ort, an dem Welzel beerdigt liegen soll. Die genaue Stelle kennt keiner so genau. Christa Fuchs brach in Tränen aus, der Film zeigt neben dem Abspann klein diese Bilder, diskret. Nun erleben Christa Fuchs, ihre älteste Tochter Christiane und ihr Sohn Michael diese Reise in die eigene Familiengeschichte immer wieder neu. Die spanische Produktionsgesellschaft organisiert Pressevorführungen des Dokumentarfilms in einigen spanischen Städten und hat Welzels Angehörige aus Deutschland dazu eingeladen. Wenn Christa Fuchs, die heute 62 ist, von ihren Jahren mit Welzel erzählt, sagt sie: "Es war die schönste Zeit meines Lebens." Dann sagt sie: "Dass er sich ein Gewehr besorgt und einen abknallt. Das tut doch kein normaler Mensch."Die letzten Lebensminuten Georg Welzels waren eine kaum vorstellbare Tortur. Der Tod durch das Würgeeisen wurde unter Franco neben der Erschießung als eine Hinrichtungsmethode praktiziert. Der Gefangene wurde sitzend an einen Pfosten gebunden, das Würgeeisen gleichzeitig um den Hals und den Pfahl gelegt und dann mit einer schnellen Handbewegung zugedreht. Im besten Fall starb das Opfer schnell. Welzels Henker hatte noch nie eine Hinrichtung durchgeführt. Er legte dem Deutschen das Eisen ohne den Gegendruck eines Pfostens um den Hals. Es dauerte wahrscheinlich 25 Minuten, bis Welzel endlich starb. Christiane, der 41-jährigen Tochter, ist anzumerken, wie sehr ihr die Grausamkeit dieses Todes zu schaffen macht. Trotzdem sagt sie: "Man ist froh, dass sich alles aufgeklärt hat. Auch wenn es schwer fällt". Besonders schwer fällt es Christiane, das Versteckspiel ihres Vaters zu akzeptieren. Den falschen Namen, die falsche Lebensgeschichte. Die Verleugnung der eigenen Familie. Selbst dem Pfarrer hatte er nicht erzählt, dass er drei Kinder hat. Vielleicht wollte er seine Angehörigen schützen, wollte nicht, dass die Stasi zu ihnen kommt. "Trotzdem denkst du doch einmal daran, dass du Familie hast", sagt Christiane. Georg Welzel starb als Niemand, weil er es so wollte. Er war zufällig eine Figur im Spiel der großen Politik geworden. Als ihn die Polizei nach dem Mord auf dem Campingplatz schnappte, wollte er sich nicht mehr helfen lassen. Nicht von seinen Verwandten, nicht von deutschen Behörden. Er hatte einen Menschen erschossen. Warum, das hat er nie jemandem zu erklären versucht.------------------------------Foto(2): Georg Michael Welzel war der Letzte, der in Spanien mit dem Würgeeisen hingerichtet wurde.Ein Foto und eine Retusche: Die Behörden wollten Welzel gefährlich aussehen lassen - mit Bart und wirrem Haar.