BERLIN, im Mai. "Mutti, ich habe eine Arbeit gefunden", sagte Michael Beck am Abend, bevor er verschwand. Es war noch Winter, als er frühmorgens ein paar Sachen aus seinem Schrank nahm, sich anzog und ging. Eine Nachricht hinterließ er nicht. Er rief auch nicht mehr an. "Als wir aufstanden, war er weg", sagt Michaels Mutter Gabriele, "ich habe mir solche Sorgen gemacht. " Die 42 Jahre alte Erzieherin wohnt mit ihrem Mann Uwe und den zwei jüngeren Söhnen in einem Haus am östlichen Rand Berlins. Michaels Vater will nicht, dass ihre wahren Namen bekannt werden. "Das muss ja nicht jeder erfahren", sagt er.Uwe Beck führt den Besucher in Michaels Zimmer. Es ist ein kleines Zimmer, darin ein Bett, ein Tisch, ein Schrank. Ein paar Kassetten von den "Toten Hosen" und Videospiele. Durch das Fenster sieht man auf den penibel gemähten Rasen. Es war kurz vor Weihnachten 1999, als der Junge zum zweiten Mal durch die Gesellenprüfung fiel. "Da habe ich zu ihm gesagt: Sieh zu, dass du eine Arbeit findest", sagt der Vater. Es klingt, als habe er es mit Nachdruck gesagt. Drei Wochen später war Michael verschwunden. Da war er 21 Jahre alt. "Und noch ein bisschen naiv", sagt Uwe Beck.Als Michael auch abends nicht nach Hause kam, durchsuchten die Eltern sein Zimmer. Dabei entdeckten sie eine Zeitungsannonce, die ihr Sohn angestrichen hatte. "Beifahrer gesucht - Verdienstmöglichkeiten ca. 800 Mark wöchentlich. " Daneben hatte Michael eine Adresse im Bezirk Charlottenburg notiert sowie den Namen Klenk. Als der Vater die Telefonnummer anrief, die auf der Annonce stand, wurde wieder aufgelegt. Und als er nach Charlottenburg fuhr, fand er nur einen Briefkasten und ein Schild. "Buch- und Zeitschriftenverlag Klenk".Ungeklärte Todesfälle Für den Vater war es ein Schock herauszufinden, dass sein Sohn Michael in einer so genannten Drückerfirma gelandet war, wo junge Menschen Zeitschriften-Abonnements an Haustüren verkaufen. Noch besorgter war der Vater, als er erfuhr, wer Wolfgang Klenk ist. Der Unternehmer aus Meudt im Westerwald gilt als "König der Drücker" mit Verbindungen zur organisierten Kriminalität. Klenk ist nicht nur der Größte in Deutschlands Abonnentenwerbung, sondern mit seinem "Deutschen Video-Ring" auch ein Großer im Videogeschäft. Zwei Monate, nachdem Michael verschwand, wurde Wolfgang Klenk verhaftet. Er soll 1996 den Befehl erteilt haben, einem abtrünnigen Geschäftspartner die Ohren abzuschneiden. In Klenks Umfeld gibt es mehrere ungeklärte Todesfälle."Mehr als hundertmal" rief Uwe Beck die Nummer von der Annonce an, er tobte und brüllte, um seinen Sohn zu sprechen. Vergeblich. Da endlich, einen Monat nach seinem Verschwinden, meldete sich Michael telefonisch zu Hause. "Er sagte, ihm geht s gut, wir sollen ihn nicht belästigen", erinnert sich die Mutter. Als sie trotzdem noch mal anrief, hieß es: "Michael will nicht mit Ihnen reden. Der ist froh, von zu Hause weg zu sein. " Da beauftragten die Eltern einen Privatdetektiv mit der Suche nach ihrem Sohn. Der Detektiv verfolgte Michaels Spur bis zu einer Drückerfirma in Limburg an der Lahn. Es gelang ihm sogar, sich mit ihm zu verabreden. Doch kurz vor dem Termin geschah etwas Seltsames. "Michael rief mich an und brüllte: Lassen Sie mich in Ruhe!" berichtet der Detektiv. Das war im vergangenen Herbst. Danach brach der Kontakt völlig ab. "Wir wussten nicht einmal, ob er überhaupt noch lebt", sagt die Mutter. Eine Anzeige verlief im Sande. Gabriele und Uwe Beck sagen, dass sie sie damals fühlten, als stünden sie vor einer unbezwingbaren Mauer.Roland Knüppel hat mehrmals hinter diese Mauer blicken können, er kennt sich aus im Drückergeschäft. "Wenn Michael in einer Firma von Klenk gelandet ist, wird er brutal behandelt oder selber brutal", sagt er. Knüppel, ein kleiner, agiler Mann, ist Leiter der Bahnhofsmission Mannheim, er bezeichnet sich ironisch als den "einzigen Drücker-Experten Deutschlands". Knüppel weiß um die Nöte der Eltern. "Viele rufen verzweifelt bei mir an und wissen nicht, wie sie ihre Kinder finden können. " Vor zehn Jahren ist Knüppel zum ersten Mal aufgefallen, dass immer wieder "völlig verängstigte Männer" in sein Büro kamen. Sie kamen aus Werberkolonnen. "Wenn einer abhaut, geht er zum Bahnhof, und wenn er ohne Geld nach Hause will, dann schickt man ihn zur Bahnhofsmission", sagt Knüppel. Er begann, sich für die Welt der Drücker zu interessieren. "Eine Welt der Sklaverei", nennt er sie, er spricht von Psychoterror, von Angst und Gewalt. Wer keine fünf Abo-Bestellungen pro Tag werbe, werde oft mit Schlägen und Essensentzug bestraft. "Ich habe mal einen Drücker gesehen, der war von oben bis unten blau, nur sein Kopf war noch in Ordnung. " Statt wie versprochen viel Geld zu verdienen, summierten sich die Kosten für Unterkunft, Essen und Benzin zu hohen Schulden, sagt Knüppel. "Es ist dann fast unmöglich auszusteigen, weil der Kolonnenführer sagt: Arbeite erst deine Schulden ab. " Viele Drücker blieben entweder aus Angst oder weil sie nicht mehr wüssten wohin. Der Seelsorger vom Mannheimer Bahnhof beschloss, "dass irgendjemand etwas tun muss, denn die Drücker haben keine Lobby". So wurde Roland Knüppel für Hunderte junger Werber zum Fluchthelfer.An diesem Tag hat er einen früheren Werber aus Jena zu Besuch, dem er vor zwei Jahren beim Ausstieg half. Der junge Mann war ein Jahr lang in der Kolonne. Er hat das durchgemacht, was Michael Beck jetzt wahrscheinlich erlebt. "In meiner Firma war es hart", sagt er, "aber bei den Kolonnen von Klenk ist es härter. Mein Kolonnenführer hatte für Klenk gearbeitet. Er hat erzählt, dass sie erfolglose Drücker auf der Autobahn kopfüber aus dem Auto halten, knapp über den Asphalt. " Wolfgang Klenk steht seit Januar dieses Jahres vor Gericht. Es ist das erste Mal, dass ein Boss aus der Drückerbranche angeklagt ist. Erstmals haben Zeugen den Mut auszusagen. Und die Szenerie vor dem Landgericht Limburg erinnert an Terroristenprozesse: doppelte Eingangskontrollen, zwei Dutzend Polizisten im Saal, Panzerglas. Nur wenige Verfahren in Deutschland erfordern diesen Sicherheitsaufwand. Das soll eine Flucht verhindern, und es soll Zeugen, Richter und Staatsanwälte schützen.Neben dem "Drückerkönig" sind sechs Männer aus seinem mafiaartigen Imperium angeklagt, die als extrem gewalttätig und gefährlich gelten. Sie sollen Ohren abgeschnitten, Häuser angezündet und Geschäftspartner bei so genannten Strafaktionen krankenhausreif geprügelt haben. Wolfgang Klenk, der selbst als kleiner Drücker begann und jetzt steinreich ist, wird versuchter Mord, räuberische Erpressung und gefährliche Körperverletzung vorgeworfen.An diesem Tag im Mai erscheint Klenk wie immer als Letzter der Angeklagten im Saal. Er nimmt Platz neben seinen drei Verteidigern. Klenk ist 58 Jahre alt und hoch gewachsen. Er hat einen Blick, den man nicht vergisst. Der Mann, der sich selbst "Gott von Meudt" nennt, erzeugt auch im Gericht noch eine Aura von Macht und Gefahr. Ehemalige Klenk-Werber haben inzwischen öffentlich erklärt, ihr Chef habe ein "perfides System der Disziplinierung" in seinem Imperium errichtet, ein System der Angst bis in die letzte Drückerkolonne.Obwohl Klenk schon seit 15 Monaten in Einzelhaft sitzt, werden weiter Drücker angeworben, junge Leute wie Michael Beck. Nicht weit vom Landgericht hat jene Drückerfirma in Limburg ihr Büro, an die der Berliner damals weitergereicht wurde. Mittags ist dort nur eine junge Frau, die sich als Sekretärin vorstellt. Einen Michael Beck kenne sie nicht, sagt sie. "Gehört diese Firma Herrn Klenk?" - "Keine Ahnung. Fragen Sie den Geschäftsführer. " Der Mann heißt Egon Haeger und ist in der Drückerszene kein Unbekannter. Haeger habe "lange Jahre" für Klenk gearbeitet, sagt ein Drückerboss, der noch immer für Klenk tätig ist. Es erfordert einen gewissen Aufwand, Haegers Handy-Nummer zu erfahren. Schließlich meldet sich der Mann am Telefon. "Wir hatten früher mit Klenk zu tun, aber jetzt distanziere ich mich von ihm", behauptet er.Und Michael Beck? Haeger lacht und gibt sich jovial. "Dem Michael geht s gut, der wird hier nicht irgendwie abgeschottet. Bei uns geht es locker zu, da gibt s keine abgeschnittenen Ohren. " Haeger erklärt sich sogar bereit, ein Gespräch mit dem Jungen zu vermitteln - als ob es nie ein Problem damit gegeben hätte. Er sagt: "Ich kann die Eltern verstehen, ich habe selber Kinder. " Tatsächlich ruft Michael Beck wenig später an. Er sei mit einem Treffen einverstanden - in Kassel auf dem Bahnhof, noch an diesem Tag, abends um acht Uhr.Als Michael eintrifft, erwartet ihn statt des Reporters zunächst seine Mutter. "Es war bewegend", sagt Gabriele Beck später, "ich war so froh, ihn lebend wiederzusehen. " Sie gehen ins Bahnhofsrestaurant, die Mutter fragt ihren Sohn: "Bekommst du genug zu essen? Wie seid ihr untergebracht? Was ist, wenn du krank wirst?"Der große, schlanke Junge ist braun gebrannt, trägt die blonden Haare kurz. Er raucht viel. Er antwortet kurz. Warum hat er sich nicht gemeldet? "Ich wollte meine Ruhe haben. " Wieso kommt er dann zu diesem Treffen? "Um zu zeigen, dass es mir gut geht. " Dann spricht er über seine Arbeit. Ein freies Leben sei das, sagt er, "du kommst viel herum, lernst neue Leute kennen". Er habe zwar einen "Einstellungsvertrag" bei Klenk unterschrieben, aber einen "Arbeitsvertrag" bei der Limburger Firma - was letztlich egal sei. "Im Endeffekt arbeiten ja alle irgendwie mit Klenk zusammen. " Zwischen Gasthof und Haustür Doch was Michael Beck vom Leben in seiner Kolonne erzählt, klingt nicht nach großer Freiheit. Es klingt eigentlich ganz ähnlich wie die Geschichten von Roland Knüppel. Kein Tag ohne die Kolonne, ein Dasein zwischen Gasthof und Haustür, als Belohnung mal ein Ausflug in die Disco. Michael Beck findet das "normal". Er redet wie aufgezogen. "Wie einstudiert", meint seine Mutter. Was möchte er im Leben erreichen? Einen ordentlichen Beruf lernen oder lieber Kolonnenführer der Drücker werden? Die Antwort kommt schnell: "Kolonnenführer. " Nur einmal gerät der junge Mann ins Stocken. Er gibt zu, dass er den Kunden Lügengeschichten erzählt und anfangs nie von Zeitschriftenabos redet. "Natürlich. Sonst würden sie uns ja nie reinlassen. " Die Mutter schüttelt den Kopf. "Michael!", sagt sie nur. "Es ist gesetzlich nicht verboten", sagt er.Nach zwei Stunden versucht Gabriele Beck, ihren Sohn in die Arme zu nehmen. Er windet sich und geht. Die Mutter versucht, nicht zu weinen. Vielleicht habe er bei den Werbern erstmals "ein Gefühl von Anerkennung im Beruf" gefunden, sagt sie nachdenklich. Doch ist er glücklich? "Wir können unseren Jungen ja nicht festbinden", sagt sie, "aber er wirkte so kalt. "Die Welt der Drücker ist eine Welt der Sklaverei. Abtrünnigen sollen die Ohren abgeschnitten worden sein.JOACHIM KUPHAL Ein Treppenhaus als Arbeitsplatz. Wer es nicht schafft, jeden Tag fünf Zeitschriften-Abonnements zu verkaufen, dem drohen Schläge und Essensentzug.

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