BERLIN, im Dezember. Was kann man tun, wenn in einem Land 85 Prozent aller Frauen und Mädchen Opfer einer blutigen, äußerst schmerzhaften und lebenslange Beschwerden verursachenden Verstümmelung werden und eben jene Frauen dies als kulturellen Wert verteidigen? Nicht eben viel, denn die Front der Bewahrerinnen der vor allem im arabisch-afrikanischen Raum verbreiteten Mädchenbeschneidung steht wie ein Bollwerk gegen einen befürchteten Zerfall der Gesellschaft.Im westafrikanischen Kleinstaat Guinea-Bissau, am südlichen Rand der Sahel-Zone gelegen, haben 440 000 Mädchen und Frauen eine Genitalverstümmelung erlitten. Nun ruft eine kleine Gruppe zum Tabu- und Traditionsbruch auf. Maria Augusta Baldé, hauptamtlich Sozialarbeiterin im Gesundheitsministerium, hat die Nichtregierungsorganisation Sinim Mira Nassigue ("Wir denken an die Zukunft") gegründet, neun Frauen und fünf Männer machen bislang mit. Nicht eben viele.Höllische SchmerzenSich gegen die eigene Gesellschaft zu stellen bedarf neben Mut auch eines starken Motivs. Frau Baldé bezieht es aus dem Leid ihrer Geschlechtsgenossinnen: "Den Mädchen werden Schamlippen und Klitoris abgeschnitten, ohne jede Betäubung, mit einem Messer oder einer Rasierklinge, oft findet die Prozedur auf der Latrine statt." Die wunden Stellen wachsen zusammen; dann ist die Vagina nahezu verschlossen, die Öffnung zum Wasserlassen und für das Menstruationsblut bleibt winzig. Und das 15 Jahre lang, bis zur Hochzeit. Dann wird die Braut erneut der Beschneiderin ausgeliefert. Sie vergrößert die Öffnung; in der Hochzeitsnacht erleidet das Mädchen höllische Schmerzen. Trotzdem sorgen die meisten Frauen dafür, dass ihre Töchter beschnitten werden. "Sie glauben, dass sie sonst nicht zu verheiraten sind", sagt Baldé. Tatsächlich lehrt die Tradition, unbeschnittene Frauen seien selbst zum Essen kochen nicht rein genug. Oft wird der Islam beschuldigt, diese schreckliche Sitte eingeführt zu haben. "Doch der Koran sagt kein Wort über die Beschneidung, das erzählen wir den Frauen immer wieder, wenn wir in den Dörfern Aufklärungsveranstaltungen organisieren", so die Sozialarbeiterin. Wenn weder der Verweis auf den Koran, noch auf das Leid oder die gesundheitlichen Gefahren überzeugen, versuchen es die Frauen mit einer List: "Wir berichten dass Männer, die einmal Sex mit einer Nichtbeschnittenen hatten, daran Gefallen finden."Doch die überzeugendste Idee der Gruppe ist das Angebot einer alternativen Zeremonie, die das Kind in die Welt der Erwachsenen einführt. "Wir laden je 35 Mädchen, sowie Beschneiderinnen und Trommler ein. Dann geschieht all das, was zu den überkommenen Initiationsriten gehört, doch der Körper bleibt unangetastet. Messer und Klingen sind verbannt." Man bewahre das Kulturelle und verwerfe das Brutale, sagt Baldé, die vor allem in den Städten auf Akzeptanz hofft.Doch die Gruppe hat fast keine Mittel. Unterstützung erhält sie von der deutschen Organisation Weltfriedensdienst, 5 000 Mark konnten zur Verfügung gestellt werden. Recht wenig für eine Initiative, die gegen ein Übel angeht, das international als gravierende Menschenrechtsverletzung verurteilt wird.VERSTÜMMELUNG Millionen betroffen // Jährlich zwei Millionen Mädchen werden laut Angaben der Vereinten Nationen mit traditionellen Beschneidungsritualen an ihren Genitalien verstümmelt. Sie sind meist zwischen vier und acht Jahren alt.Die brutalen Rituale sind in 28 Ländern Afrikas, Asiens und des Mittleren Ostens gängige Praxis. 130 Millionen Frauen in aller Welt sind betroffen.