Niemand kann im Nachhinein beweisen, wer sich diesen schönen Spitznamen ausgedacht hat. Mit großer Wahrscheinlichkeit aber war es Stephan Müller, der spitzzüngige Secundus inter pares in der Direktion des Zürcher Neumarkt-Theaters, welcher Volker Hesse den Titel anhängte. Jedenfalls war unter Insidern von einem Tag auf den andern plötzlich nur noch vom "Kanzler" die Rede. Und so schließt sich ein schöner Kreis, wenn auch er seinen Sitz aus der Provinz nach Berlin verlegen wird: Volker Hesse, der 54-Jährige aus dem Moselgebiet, soll ab dem Jahr 2001 die Leitung des Maxim Gorki Theaters übernehmen.Tatsächlich hat Volker Hesse in seinen sechs Jahren als Theaterkanzler in der Schweiz jede Menge Qualitäten bewiesen oder entwickelt, die jeder Spitzenpolitiker dringend braucht: Er war anpassungsfähig und doch resolut; er war in der Regel konsensbildend und doch häufig genug polarisierend; er stellte sich schützend vor sein Team, hielt aber intern mit Kritik nicht zurück. Als er 1993 zusammen mit dem Schweizer Stephan Müller zum Direktor des Theaters am Neumarkt gewählt wurde, waren zunächst einmal tatsächlich vor allem politische Qualitäten gefragt. Kaum im Amt, wurde im Zürcher Stadtparlament sogleich die Schließung der traditionsreichen Bühne beantragt. Während Volker Hesse seine Eröffnungspremiere vorbereitete, war er plötzlich gezwungen, dem Neumarkt-Theater eine Lobby zu verschaffen. Nach Jahren künstlerischen Krebsgangs war das leicht gesagt. Doch mit diplomatischem Geschick und viel Hartnäckigkeit schuf er sich in Rekordzeit Freunde quer durch die maßgebliche Zürcher Gesellschaft.Das Geschick, Vertrauen zu er-(Fortsetzung Seite 2)Hesse, Fortsetzung von Seite 1 ---wecken, kommt ihm nun auch in Berlin zugute. Kulturstaatssekretär Lutz von Pufendorf suchte hier seit mehr als einem Jahr ein Amt für Hesse, erst dachte man an das Theater der Freien Volksbühne, zwischenzeitlich sogar ans Deutsche Theater, aber es musste erst Pufendorfs liebster Gegner befördert werden Bernd Wilms nämlich vom Gorki-Theater ans DT damit das passende Umfeld gefunden war. Kultursenator Peter Radunski lässt es sich dabei nicht nehmen, mit Hesse, der auch der Wunschkandidat des kleinen Gorki-Ensembles mit seiner großen realistischen Tradition war, noch bis zum Ende seiner Amtszeit handelseinig zu sein. Vorfreude ist da, und obwohl die Verhandlungen zwischen Hesse und dem Berliner Senat noch nicht abgeschlossen sind, rechnet keiner damit, dass sie noch scheitern könnten schließlich hat Hesse selbst, der sich im Moment als Gastregisseur in Köln aufhält, sein Interesse an einer leitenden Aufgabe am Theater, insbesondere in Berlin, oft genug gekundet.Am Neumarkt-Theater demonstrierte Hesse seine wichtigsten Vorzüge als Regisseur: In einer Zeit, da manche Leute das Ende des Ensembletheaters proklamierten, setzte er als exzellenter Motivator voll auf Gruppendynamik. Dessen ungeachtet bewies er einen Sinn für die erzählerische Linie, für den Spannungsbogen eines Theaterabends, wofür er auch vor einer gewissen Plakativität nicht zurückschreckte.Diese Elemente zogen sich seither wie ein roter Faden durch Hesses Bühnenarbeit, speziell durch die "Projekte", auf die man sich am Neumarkt bald zukunftsweisend spezialisierte. Exemplarisch gelang das mit "Top Dogs", womit es Hesse zum zweiten Mal nach "In Sekten" (1995) ans Berliner Theatertreffen schaffte: ein szenischer Abgesang auf ausrangierte Wirtschaftshaie, den er in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Dramatiker Urs Widmer entwickelte.Immer wieder gelang es ihm, unter seinem Theaterdach Leute und Namen zu versammeln, die man sonst in einem Haus mit Minimalbudget von umgerechnet fünf Millionen Mark kaum erwartet hätte. Als freier Regisseur hat Volker Hesse weder vor noch nach seiner Neumarkt-Zeit besonderes Aufsehen erregt. Ein Mann wie er braucht wahrlich kanzlerhafte Befugnisse, um Bedeutendes zu leisten. Er muss kraft seines Amtes Schauspieler, Dramatiker, Agenten, Sponsoren und das Publikum von seinen Ideen überzeugen können. Und er muss die passenden Leute in sein Kabinett holen können, welche seine Ideen mittragen und gegebenenfalls seine Defizite ausgleichen. Leute wie Stephan Müller eben, momentan Dramaturg am Burgtheater Wien, der aller Voraussicht nach im Sommer 2001 als Vizekanzler nach Berlin kommen wird.