Ein kleines Kind verhungert und verdurstet, weil seine Mutter einfach weggeht und nicht zurückkommt. Es wird ein Urteil geben, eine Erklärung nicht: Das Vergessen der Veronika W.

BERLIN, im Februar. "Haben Sie Ihren Sohn geliebt?""Ja, sehr." "Warum sind Sie nicht in Ihre Wohnung zurückgekehrt?""Ich weiß es nicht. Ich grübele immer noch darüber nach." "Sie haben Ihr Kind vergessen?""In dem Moment ja.""Da ist ein Mensch verhungert.""Das ist mir erst bei der Festnahme durch den Kopf gegangen." "Haben Sie mal darüber nachgedacht, wie qualvoll er gestorben ist?" "Nein."Es kann sein, dass Veronika W. ihren Sohn am 19. November verließ. An jenem Tag, an dem sie ihn zwei Jahre zuvor zur Welt gebracht hatte. Es kann auch etwas später im November gewesen sein, als sie ihre Handtasche nahm und ging, man weiß das nicht genau. Als Alisan-Turan gefunden wurde im Januar 2002 war die kleine Leiche stark verwest. Der Junge ist verdurstet. Sein Todeskampf, erst Bauch- und Kopfschmerzen, dann Krämpfe und Erbrechen, dauerte drei Tage, eher vier, wie der medizinische Sachverständige Pietrzak Tadeusz sagt. Seine Mutter zog in diesen Tagen durch Diskotheken und Cafés und schlief sich bei Freundinnen aus, bis die Polizei sie fand. "So brutal es klingt", sagt sie später vor Gericht, "ich habe vergessen, dass es Alisan gibt." Seit September wird Veronika W. wegen Mordes vor der 35. Großen Strafkammer des Berliner Landgerichts der Prozess gemacht, am kommenden Montag wollen die Richter ihr Urteil verkünden. Fünf Monate sprach der Vorsitzende Richter Ralph Ehestädt nur vom "Verlassen", wenn er von dem Tag im November sprach. Denn "Verlassen" klingt neutral, wenn man noch nicht weiß, warum eine Mutter ihr Kind verdursten ließ. Eine Mutter, die ihr Kind zwei Jahre lang aufzog, die es stets liebevoll anblickte, wie eine Zeugin berichtet. Eine Mutter, die ihr Kind jeden Abend zu sich in Bett holte. Veronika W. selbst kann nicht erklären, was sie tat. "Ich konnte noch nie über Gefühle sprechen", hat sie vor Gericht gesagt. So ist anderen überlassen geblieben, sie zu erforschen, vielleicht einen Grund zu finden. Nichts ist auffällig an der jungen Frau, die sich im Saal 500 hinter die Holzbrüstung duckt, die versucht, sich zu verstecken vor Kameras und Blicken. Nichts ist auffällig, nicht die Kleidung, die Jeans und die weiten Rollkragenpullover. Nicht das Gesicht, ungeschminkt mit schmalen Lippen. In den bunten Blättern wird die junge Frau eiskalt genannt, weil sie nicht weint und weil ihre Stimme nicht zittert, wenn sie spricht. Sie redet nicht viel. Und wenn, dann ist ihr Deutsch so akzentfrei, dass man annimmt, sie sei in Deutschland geboren. Veronika W. wuchs in der Nähe von Tschaikowski auf, einer russischen Kleinstadt im Ural, die an der Erdgastrasse nach Westeuropa liegt. Die Trasse hat auch Veronika W. nach Deutschland gebracht, da war sie zehn. Zusammen mit der Mutter und deren neuem Mann, einem Deutschen, der als Schweißer an der Trasse war. Der Schweißer ist ein großer, derber Mann mit lauter Stimme. Er klingt so, als dulde er keinen Widerspruch. Der Mann sagt nicht viel über das Wesen der Veronika W. Er kann es nicht, denn er hat sich nie dafür interessiert. "Weil zwischen mir und ihr nicht so ein Verhältnis wie zwischen Vater und Tochter war." Er weiß nicht mal, wann sie Geburtstag hat, als ihn der Richter danach fragt. Er sagt: "Ich hab die Frau gern gehabt und nicht die Tochter." Er sagt, dass er Veronika nie schlug. Das habe er der Frau überlassen, weil er sich die Hände nicht schmutzig machen wollte. Die Frau, Krankenschwester von Beruf, ist klein, leise und macht den Eindruck, dass sie dem Mann ergeben ist. Das Wort "vernünftig" kommt oft in den Sätzen der Frau vor. Etwa dann, wenn sie erzählt, wie sie sich wünschte, dass die Tochter vernünftig gekleidet ging und vernünftige Möbel besitzt. Auch sie kann nicht viel über ihre Tochter sagen. "Sie war uns gegenüber immer sehr verschlossen und unwahrscheinlich stur." "Meine Mutter hat mich nie geliebt", hat Veronika W. einmal in einem Brief an einen Freund geschrieben. Seit sie vierzehn war, hat sie die Nächte lieber bei den Punks auf der Straße verbracht als bei den Eltern zu Hause. Sie bettelt, stiehlt, nimmt Drogen, geht auf den Strich. Verliebt sich mit sechzehn und wird schwanger. Der Mann wird abgeschoben aus Deutschland, noch bevor das Baby geboren ist. Weil sie nicht weiß wohin, steht sie, im siebten Monat schwanger, wieder zu Hause vor der Tür. Das Kind, einen Jungen, gibt sie auf Drängen der Eltern zur Adoption frei. "Wir hätten darunter gelitten", sagt der Stiefvater. "Ich arbeitete drei Schichten, meine Frau auch." "Ich habe meine Eltern dafür gehasst", sagt Veronika W. Sie bekommt eine Lehrstelle als Raumausstatterin, zwei Tage vor Beginn treibt es sie wieder hinaus auf die Straße. Weg von den Eltern. Mal kellnert Veronika W. in Restaurants, mal geht sie auf den Strich. Männer sind wichtig in ihrem Leben. Aufmerksamkeit auch. "Sie hat immer gestrahlt, wenn sie mir von einem Mann erzählte, der sie bewundernd ansah", sagt eine Sozialarbeiterin, die sie betreute. Bülent C., ein 27 Jahre alter arbeitsloser Mechaniker, lernt sie auf dem Strich in der Berliner Kurfürstenstraße kennen und verliebt sich in sie. "Sie war anders als die anderen Prostituierten", sagt er. Sie verliebt sich auch in ihn. Veronika W. sagt, Bülent C. sei der Vater von Alisan-Turan. Und dass sie sich von ihm getrennt hat, weil er es nicht glaubte. Bülent C. ist der einzige, der der Angeklagten im Gerichtssaal freundlich zunickt, er mag sie noch immer. Besser als alle anderen kann er ihr Wesen beschreiben, weil er ihr nahe kam. Er sagt, dass Veronika W. "viel, viel geredet hat und dann wieder lange Schweigephasen hatte". Dass sie dominant sei und immer das letzte Wort haben wollte. Und dass er ihr oft angemerkt habe, wenn sie Geschichten erzählte, die nicht stimmten. "Es kam mir oft so vor", sagt er, "dass sie mir zeigen wollte, wie stark sie ist, obwohl sie gar nicht stark war." Nach der Geburt von Alisan-Turan versucht Veronika W. sesshaft zu werden. Sie zieht mit dem Kind in eine kleine Wohnung in der Wetzlarer Straße in Berlin-Wilmersdorf, die ihr das Jugendaufbauwerk besorgt hat. Sie kann stundenlang bei heruntergezogenen Jalousien in einem überheizten Zimmer auf dem Sofa liegen, während Alisan-Turan neben ihr mit Zeitungen spielt. Aber die Wohnung sei sauber gewesen, das Kind immer gut gekleidet und gut genährt, erzählt die Sozialarbeiterin. "Ich hatte immer ein gutes Gefühl, wenn ich sah, wie sie mit dem Sohn umging." Die Betreuung endet am 30. März 2001. Weil die Sozialarbeiter davon überzeugt sind, dass Veronika W. alles in den Griff bekommen hat. Sie denkt das auch. Sie will keine Fremden mehr in ihrem Leben. Sie trifft sich wieder mit Bülent C., beide reden darüber, mit dem Kind ins Umland zu ziehen, um Drogen und Prostitution zu vergessen. Sie zieht für ein paar Tage mit Alisan-Turan zu ihm. "Es war ganz super", sagt er. Bis er, selbst unter dem Einfluss von Drogen, sie plötzlich mitten in der Nacht mit dem Kind vor die Tür setzt, sie verscheucht, wie er es nennt. Es muss zu Beginn des Sommers 2001 geschehen sein, der Bruch, diese abrupte Veränderung, die niemand erklären kann. Die, die sie kannten, nicht. Und sie selbst auch nicht, weil sie es noch nie geschafft hat, über ihre Gefühle zu sprechen. Veronika W. geht immer seltener aus dem Haus, nimmt abwechselnd Haschisch, "um runterzukommen", und Kokain, um sich wieder aufzubauen. Sie räumt nicht mehr auf, bringt den Müll nicht mehr weg. Niemand merkt es, weil niemand sie besucht. Sie hat nichts mehr in Griff. Als Polizisten am 5. Januar 2002 die Wohnungstür in der Wetzlarer Straße aufbrechen, weil es im Treppenhaus so unerträglich stinkt, liegt drinnen knöchelhoch der Unrat. Zwei Kubikmeter Müll werden später abgefahren. 250 gebrauchte Windeln, verdorbenes Essen, Unmengen von Erdnussschalen. Dazwischen Kartons mit Versandhausware, auf dem Tisch offene Handy-Rechnungen, Mahnungen von Inkasso-Büros und ein Schreiben des Vermieters, dass ihr wegen ausstehender Mietzahlungen die Wohnung zum 30. 11. 2001 gekündigt wird. Im Schlafzimmer zwischen Sessel und Bett liegt das tote Kind. Der psychiatrische Gutachter Steffen Lau hält Veronika W. für voll schuldfähig, er nennt sie eine unreife Person, ich-bezogen und verantwortungslos. Ist er zu ihrem Wesen vorgedrungen? Man hätte sich ein zweites Gutachten gewünscht. Aber das hat die Kammer abgelehnt. Der Anwalt von Veronika W. sagt, ihr Zustand vor der Tat müsse strafmildernd bewertet werden. Weil in dem Verlassen des Kindes eine "lange Jahre andauernde Verwundung eskalierte", wie Verteidiger Gerd Jungfer es formuliert. Der Staatsanwalt hat in seinem Plädoyer bereits die schwerste Strafe gefordert, lebenslange Haft wegen Mordes aus Grausamkeit."Es tut mir Leid, was ich getan habe, oh mein Gott", schrieb Veronika W. einmal aus dem Gefängnis an einen Freund. "Ich habe gedacht, dass Bülent mich lieben würde. Dann war ich wieder allein. Ich habe mich immer einsamer und schlechter gefühlt. Ich musste weg und alles zurücklassen. Ich bin einfach von innen explodiert.""Ich habe mich immer einsamer und schlechter gefühlt. Ich bin einfach von innen explodiert. " Veronika W.BERLINER ZEITUNG/MAX LAUTENSCHLÄGER Seit September wird Veronika W. wegen Mordes vor dem Berliner Landgericht der Prozess gemacht, am kommenden Montag wollen die Richter urteilen.