Zum Glück hat Carlos Martins so gar nichts von einem vergeistigten Künstler. Der Portugiese ist eher der hemdsärmelige Typ. Hose und Sweatshirt mit Farbklecksen verschmiert, so hockt er in der Dezemberkälte draußen auf dem Boden, den Pinsel in der Hand. Letzter Schliff für das Mauerbild vom Paradies. Er hat es nicht allein gemalt. Die Kinder und Jugendlichen aus dem Rollberg-Viertel haben an der 90 Meter langen Hausfassade mitgemacht: hier eine Schlange, dort ein Fisch und Raketen, die ins All starten. Carlos Martins hat das Drumherum geschaffen und gelegentlich die künstlerischen Eskapaden der Kids geglättet. Drei Monate Arbeit stecken in der bunten Fassade der Morusstraße 14, die gestern offiziell "enthüllt" worden ist.Die Idee, sich dem Paradies zu widmen, kam von Carlos Martins. Die Morusstraße ist nach dem englischen Philosophen Thomas Moore (lateinisch: Morus) benannt, dessen Hauptwerk die "Utopia" ist. Die ultimative Utopie ist das Paradies, fand Martins. So kam der Portugiese, der seit 14 Jahren in Berlin lebt, auf die Frage: "Was ist paradiesisch?" Die erste Antwort der Jugendlichen war ein Schulterzucken, aber dabei blieb es nicht. Allmählich sprudelten die Ideen: unberührte Natur, ewiger Rummel, eine Begegnung mit Außerirdischen draußen im All. Okay, sagte Martins, legen wir los.Als die Kids merkten, dass der Künstler ihre Ideen und Skizzen ernst nahm, war der Bann gebrochen. Martins ist ja auch nicht wirklich ein Außenseiter: Er wohnt ganz in der Nähe. Der Maler beobachtete "fasziniert, wie bullige Jugendliche gemeinsam mit kleinen Kindern an der Wand malten - hoch konzentriert, völlig weg getreten". Weil die Jugendlichen selbst Hand angelegt haben, erwartet Martins keine Graffiti-Schmierereien am neuen Wandgemälde. Nur der gemalte Judenstern hat keine Chance: "Der ist ständig übersprüht."Die Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land und der Beschäftigungsträger Bequit zeigen sich überrascht, wie gut das von ihnen angeschobene 80 000 Mark teure Projekt angekommen ist. Stadt-und-Land-Sozialmanager Peter Boltz sagt: "Auf einmal stecken die Mieter ihre Köpfe aus dem Fenster und diskutieren über Kunst."BERLINER ZEITUNG/MARCUS SCHUBERT Künstler Carlos Martins hat mit Jugendlichen ein Wandbild geschaffen.