Es war ein seltsamer Brief, den die Stasi Anfang März 1979 aus einem Postsack in Döbeln holte. Absender war ein Heinz Schuster aus der Ebersdorfer Straße in Westberlin. Er schrieb: "Hochverehrter! Anbei eine Lektion (Mitglied der Goethegesellschaft und Schriftsteller). Folgendes: Russisch ist deutsch gesprochen mit 'i'. D.h., deutsches Wort wird gleichzeitig gehaucht mit dem Vokal 'i'. Sehr leise allerdings, gerade noch hörbar für sich selbst, z.B. Herr : 'i' = Towarisch. Sehe Ihrer Beistimmung entgegen. Nicht sofort, aber doch möglichst bald. Dann verbreiten Sie bitte. Mit Hochachtung grüßt Ihr Heinz Schuster."Empfänger des Schreibens war Dr. Gottfried Reimer in der Grimmaischen Straße in Döbeln. Ein Mann, der zurückgezogen in einer heruntergekommenen Villa in der sächsischen Kreisstadt wohnte, der mit seinem ehemaligen Kindermädchen verheiratet war und bei den Leuten im Ort als Sonderling galt. Sonst war nicht viel über ihn bekannt. Es gab immer mal wieder Gerüchte, er soll ein Nazi gewesen sein. Aber fast niemand außer der Stasi wusste, dass Reimer im Nationalsozialismus am Kunstraub beteiligt war, dass er für Hitler in Linz ein eigenes Museum der Weltkunst mit aufbauen sollte, vor Kriegsende Gemälde verschwinden ließ und womöglich sogar geholfen hatte, das Bernsteinzimmer zu verstecken.Der kryptische Brief, so vermutete der Staatssicherheitsdienst, könnte irgendwie mit all diesen Sachen zu tun haben, eine versteckte Drohung vielleicht, eine Warnung, keine Geheimnisse auszuplaudern. Der Überwachungsvorgang "Robinson" wurde eingeleitet und vier Inoffizielle Mitarbeiter auf Reimer angesetzt, um seine Lebensumstände, seine Wohnung und Besucher auszuforschen. Sie sollten herausfinden, wer Gottfried Reimer wirklich war.Gottfried Reimer wurde 1911 in Döbeln geboren als einziges Kind einer bildungsbürgerlichen Familie, die im Ort sehr geschätzt war. Sein Vater war Anwalt und besessener Kunstsammler, ein aufgeschlossener Mann, der mit seiner Familie in die Berge wandern ging, nach Heidelberg oder Wien fuhr und seinen Sohn auf die Universität in Würzburg und Dresden schickte, um dort Kunstgeschichte zu studieren. Auf Fotos aus dieser Zeit - um 1930 - sieht man Gottfried Reimer mit Weste, Krawatte, Anzug, Taschenuhr und Siegelring neben seinem Vater stehen. Ein blasser, junger, weich wirkender Mann. Er lächelt stolz.Reimer muss ein guter Student gewesen sein und ein Kunstkenner wie sein Vater. 1939 beschäftigte Professor Dr. Hans Posse, Leiter der Dresdner Gemäldegalerie, Reimer als wissenschaftlichen Assistenten. Posse schätzte ihn und setzte sich bei Hitlers Parteikanzleichef Martin Bormann dafür ein, Reimer für eine Mitarbeit im "Sonderauftrag Linz" zu verpflichten. Dahinter verbarg sich das geplante "Führermuseum der Weltkunst".Im März 1938, kurz nach dem "Anschluss" seines Heimatlandes Österreich an Nazi-Deutschland, hatte der Diktator die Stadt Linz besucht, wo ihn die Bevölkerung jubelnd empfing. Im Überschwang seiner Gefühle entschloss sich Hitler, der oberösterreichischen Landeshauptstadt ein Museum zu schenken, wie es seinesgleichen in der Welt suchte. Ein monumentaler Museumsbau, eine gewaltige Hängebrücke und ein riesiges Versammlungshaus mit Glockenturm, in dessen Krypta Hitler seine letzte Ruhe finden wollte. Der Diktator war von der Idee "seines" Museums so besessen, dass er noch im April 1945, als der Endkampf um Berlin tobte, im Bunker der Reichskanzlei mit seinem Lieblingsarchitekten Albert Speer über den Linzer Bauplänen brütete.Um den Plan umzusetzen, wurde am 18. Juni 1938 der sogenannte "Führervorbehalt" erlassen. Er erlaubte Hitler den ersten, ausschließlichen und unmittelbaren Zugriff auf jene Werke, die in den von Deutschland besetzten Gebieten und bei jüdischen Sammlern beschlagnahmt oder geraubt wurden. Auch jene Sammlungen, die jüdische Flüchtlinge meist unter Wert verkaufen mussten, um Hitlerdeutschland verlassen zu können, wurden zuerst Hitler angeboten. Tausende wertvoller Gemälde gelangten so in das Depot des Museums, darunter mehr als ein Dutzend Rembrandt-Gemälde, zwei Vermeers, Werke von Rubens, Breughel, Canaletto, Spitzweg und vielen anderen berühmten Malern.Am 1. Juni 1941 wurde Gottfried Reimer "Linz"-Referent und bezog seinen Amtssitz auf Schloss Weesenstein bei Dresden. Reimers Aufgabe war, die Arbeit des "Sonderauftrages" zu organisieren, die Schriftwechsel mit der Parteikanzlei zu führen und die Finanzplanung für den Ankauf von Kunstschätzen durch das künftige "Führermuseum" zu leiten. Reimer hielt den Kontakt zum Ostministerium, das für die Ausplünderung der besetzten osteuropäischen Länder zuständig war, sowie zum "Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg", der größten Kunstrauborganisation der Nazis. In Einzelfällen ging er auch selbst in Depots, um geraubte Bilder für das Museum auszusuchen.In den ersten Jahren lief der "Sonderauftrag Linz" weitgehend im Verborgenen ab. Erst 1943 ließ Hitler den Deutschen sein Projekt eines "Führermuseums" offiziell mitteilen. Im Geleitwort der Aprilausgabe der Zeitschrift "Kunst dem Volk" hieß es dazu: "Die Galerie in Linz wird (.) nur auf eine verhältnismäßig kurze Entwicklungszeit zurückblicken können, aber was bei anderen Sammlungen erst in Jahrhunderten entstehen konnte, wird hier in wenigen Jahren von einem Mann vollbracht, dessen leidenschaftliche Liebe zur Kunst jede Schwierigkeit zu überbrücken weiß."Zu jener Zeit hatte Hitler bereits entschieden, dass in seinem Museum nicht nur Gemälde und Zeichnungen ausgestellt werden sollen. Die Exposition wurde erweitert um eine Bibliothek mit wertvollen Büchern und seltenen Handschriften, um eine Waffenhalle, eine Skulpturensammlung und ein Münzkabinett.Bis heute haben Historiker keinen kompletten Überblick über die Kunstwerke, die für das "Führermuseum" beschafft wurden. Im vergangenen August stellten daher das Deutsche Historische Museum und das Bundesamt für offene Vermögensfragen eine Datenbank zur "Sammlung des Sonderauftrages Linz" ins Internet. Das Projekt soll helfen, frühere Besitzer von Kunstwerken zu identifizieren und Zwangsverkäufen auf die Spur zu kommen. In der Datenbank sind Tausende Werke dokumentiert, darunter Bilder, Skulpturen, Möbel, Porzellan und Tapisserien.Das Museum in Linz ist nie fertig geworden. 1943, als die Alliierten ihre Bombenangriffe intensivierten, bekam Reimer den Auftrag, die Kunstschätze Stück für Stück in ein eigens dafür ausgebautes Salzbergwerk in Alt-Aussee im österreichischen Alpengebiet schaffen zu lassen. Reimer ließ sich in Alt-Aussee zwei Wohnungen herrichten, überwachte die SS-Transporte und genoss dabei alle Freiheiten. Kraftstoffeinschränkungen für Autos galten für ihn nicht. Sein Gehalt wurde innerhalb von zwei Jahren verdoppelt.Im April 1945, als die US-Armee sich Alt-Aussee näherte, sollten Nazi-Einheiten die Zugänge zum Kunstdepot im Salzbergwerk sprengen. Eine österreichische Widerstandsgruppe konnte dies im letzten Moment verhindern, und so fanden die Amerikaner, die den Stollen inspizierten, einen geradezu unermesslichen Kunstschatz vor: 5 350 Gemälde alter Meister, 220 Zeichnungen und Aquarelle, 1 039 Stiche, 95 Gobelins, 68 Skulpturen, 32 Kisten mit Münzen, 128 Waffen und Rüstungen, 64 Möbelstücke, 79 Körbe und 43 Kisten mit Kunstgegenständen, 237 Bücherkisten sowie das Gordon-Craig-Theater-Archiv, das aus Frankreich geraubt worden war. Weitere Teile des für Linz bestimmten Kunstbesitzes lagerten in noch weiteren Geheimdepots.Zu dieser Zeit war Reimer bereits in seine Heimatstadt Döbeln zurückgekehrt, die zum sowjetisch besetzten Teil Deutschlands gehörte. Seine Eltern lebten immer noch in ihrer Villa in der Grimmaischen Straße, und Gottfried, mittlerweile 34 Jahre alt, zog wieder zu Hause ein. Er bekam schnell Arbeit: Ende 1945 wurde er von der Landesverwaltung Sachsen damit beauftragt, die Schlösser und Rittergüter des Landratsbezirkes Döbeln nach verborgenen Kunst- und Kulturschätzen zu durchsuchen. Es gab keine Verkehrsmittel, und so lief Reimer zu Fuß - eine Angewohnheit, die er lange beibehalten sollte.Im Februar 1946 stellten ihn die Staatlichen Sammlungen für Kunst und Wissenschaft in Dresden als wissenschaftlichen Hilfsarbeiter ein und übertrugen ihm die Betreuung des Sächsischen Kupferstichkabinetts. Reimer war inzwischen Mitglied der CDU geworden und dabei, ein neues Leben zu beginnen. Aber schon fünf Monate später war er wieder arbeitslos. Die Sowjetische Militäradministration hatte eine Liste von Mitarbeitern erstellt, die nicht bei den Staatlichen Sammlungen angestellt sein dürfen. Auch Reimers Name fand sich darauf. Er wurde von den Russen verhaftet und verhört, aber offenbar gelang es ihm, seine Rolle im "Sonderauftrag Linz" herunterzuspielen, vielleicht hat er aber auch ein Geschäft mit ihnen gemacht. Das ist heute nicht mehr festzustellen. In den Akten steht, er habe seinen Vernehmern weisgemacht, dass sie ihn mit einer anderen Person verwechselten. Der tatsächlich gesuchte Reimer sei ein SS-Standartenführer gewesen, was er nie gewesen sei. Nach wenigen Tagen kam Reimer auf freien Fuß und kehrte in die elterliche Villa in Döbeln zurück.In den folgenden Jahren arbeitete Gottfried Reimer als Denkmalpfleger im Kreis Döbeln. Zuständig war er dabei unter anderem für die Kirche im nahen Knobelsdorf und das Rittergut Gebersbach. Er lief zu Fuß, kilometerweit, ein schweigsamer Mann, der sich immer mehr von der Außenwelt abkapselte und in seiner eigenen Welt lebte.Seine Eltern starben in den 60ern. Reimer heiratete sein ehemaliges Kindermädchen Frieda und lebte mit ihr in der Villa in der Grimmaischen Straße. Dort bewohnte er die erste Etage, eine Zimmerflucht von zweihundert Quadratmetern. In das Erdgeschoss hatte die Stadt einen Kindergarten einquartiert.Einer der wenigen Menschen, die Gottfried Reimer in seiner Döbelner Villa von Zeit zu Zeit besuchten, war sein Neffe Ivo aus Bochum. Von seinem Vater hatte Ivo erfahren, dass es da einen seltsamen Onkel in Döbeln gebe, zu dem die Familie aber keinen Kontakt halte. Im Dezember 1982 klingelte Ivo auf der Rückfahrt von einem Besuch bei Ostverwandten das erste Mal bei seinem Onkel. "Seine Frau machte auf, sie sagte, Gottfried sei nicht da", erinnert sich Ivo Reimer. "Ich glaube das aber nicht, wahrscheinlich hatte er sich in der Wohnung versteckt."Rudolf Schneider, ein alter Jugendfreund Gottfrieds, kannte solche Geschichten. In einem Gespräch vor einigen Jahren schilderte er, wie Reimer sich häufig hinter Schränken oder in Nachbarzimmern versteckte, wenn ein Besucher kam. Von seinem Versteck aus habe Reimer den Gesprächen gelauscht, erzählte sein Jugendfreund. Manchmal sei es auch vorgekommen, dass er sich lautstark aus dem Hintergrund in das Gespräch einmischte, wenn ihm etwas an den geäußerten Meinungen nicht passte. Es blieb dann aber bei dem Zwischenruf, zeigen mochte sich der alte Mann nie.Ivo Reimer gab sich mit der Abfuhr bei seinem ersten Besuch nicht zufrieden. Er schrieb seinem Onkel und bat, ihn bei nächster Gelegenheit treffen zu dürfen. "Er antwortete mir sehr höflich und schrieb, dass er sich sehr über meinen Besuch freuen würde", erzählt Ivo Reimer.Sechs, sieben Mal besuchte ihn der Neffe in den folgenden Jahren. Mal brachte er eine Flasche Kognak mit, dann Wein oder Blumensamen, den es in der DDR nicht gab. "Meine Ankunft in seiner Wohnung lief immer gleich ab", erinnert sich Ivo Reimer. "Nachdem ich geklingelt hatte, passierte erst einmal gar nichts. Nach einigen Minuten hörte man ein Schlurfen näher kommen, und dann öffnete Onkel Gottfried die Tür. Er trug ein schmutziges Nachthemd und darüber ein Jackett. Die Füße steckten in Wollsocken, die vorn Löcher hatten, aus denen schwarze Zehennägel vorlugten."Mitte der 70er Jahre hatte Gottfried Reimer aufgehört zu arbeiten. Seitdem tauchte er gar nicht mehr auf der Straße auf, einkaufen ging nur noch seine Frau. "Der Gottfried ist immer mehr verlottert", sagte sein Jugendfreund Rudolf Schneider. "Der hatte einen ganz langen Bart, die Haare ließ er auch nicht mehr schneiden, und er trug nur noch schmutzige Kleidung. Die ganze Wohnung hat gestunken."Mitte der 80er Jahre starb Reimers Frau. Schneider kümmerte sich um ihn, ging für ihn einkaufen oder hielt mal ein Schwätzchen mit dem sonderbaren Freund. Manchmal war nur die Tür angelehnt, dann musste Schneider die Lebensmittel auf einen Puppenwagen im Flur legen. Es war Gottfrieds alter Puppenwagen, mit dem er schon als Kind gespielt hatte."Es war die Welt seiner Kindheit, in der Gottfried dort lebte", sagt Ivo Reimer. Die ganze Villenetage war voll gestellt mit den alten Möbeln seiner Eltern und den Zeugnissen der bibliophilen Sammlerwut des Vaters. Riesige Schränke mit Glastüren, in denen alte Bücher aufgereiht waren, standen kreuz und quer in den Räumen, dazwischen stapelten sich auf gewaltigen Tischen, abgedeckt mit zentimeterdick verstaubten Laken, zahllose weitere Folianten. In jedem Zimmer tickten ein oder zwei kostbare Standuhren, auf Anrichten und Regalen staubten Kristallgläser und fein ziselierte Zinnkrüge ein. In den verborgenen Fächern anderer Schränke lagerten wertvolle Münzsammlungen und kostbares Porzellan. "Das war ein Museum", sagt Ivo Reimer. "Man hätte daraus ein riesiges Antiquitätengeschäft machen können."In der Döbelner Kreisdienststelle der Stasi war Gottfried Reimer mittlerweile zur Chefsache erklärt worden. Seit der seltsame Brief aus Westberlin an Reimer abgefangen worden war, kümmerte sich Dienststellenleiter Oberstleutnant Schmidt persönlich um die Operative Personenkontrolle "OPK Robinson". Schmidt hatte recherchiert und herausgefunden, dass nach dem Krieg 500 Gegenstände aus dem Besitz der Dresdner Kunstsammlungen unauffindbar geblieben waren. Auch eine 200 Stück umfassende Kunstsammlung, die für das Führermuseum Linz aussortiert worden war, sei seit Kriegsende verschollen, hieß es. Schmidt glaubte, einem Geheimnis auf die Spur gekommen zu sein. Versteckte Reimer Beute aus diesem Kunstraub in seinem Haus? Lebte er deswegen so zurückgezogen?Der Döbelner Stasi-Chef setzte vier Spitzel auf "Robinson" an: IM "Maler" sollte sich das Vertrauen des alten Mannes erschleichen, IMB "Arno" mit einem Dresdener Professor, den Reimer kannte, in dessen Wohnung gelangen; "Karl" und "Manfred" waren damit beauftragt, die Lebensgewohnheiten des Ehepaares und deren Wohnung auszuspionieren. "Die minimalsten Möglichkeiten (sind) zu nutzen, um Bildbeschreibungen abzugeben, so dass anhand der Gemälde (.) festgestellt werden kann, ob diese zum Kunstbesitz der DDR gehören", wies der Oberstleutnant in einem Operativplan an. Unter Vortäuschung von Bauarbeiten für die Kinderkrippe sollten zudem als Handwerker getarnte Kunstsachverständige in Reimers Wohnung geschleust werden, plante Oberstleutnant Schmidt. Auch eine Brandschutzkontrolle sei geeignet, sich ein genaues Bild von der Wohnung zu machen.Die Besuche des Neffen aus Bochum blieben der Stasi laut Aktenlage verborgen. Offenbar unbelauscht konnten sich die beiden bei Ivos Besuchen unterhalten. "Wobei in unseren Gesprächen eigentlich immer nur einer redete: Mein Onkel", sagt Ivo Reimer.Die Gespräche drehten sich stets um die Vergangenheit. "Er war ein lebhafter und sehr amüsanter Plauderer", sagt Ivo Reimer. "Köstliche Anekdoten konnte er erzählen, und immer wieder neue Geschichten aus seiner Familie. Da blühte er auf, seine blauen Augen blitzten dann ganz jugendlich. Die Vergangenheit, das war seine Welt." Vor allem über die Mutter habe der Onkel viel erzählt, er hatte sie sehr geliebt. "Gottfried war ein typisches Muttersöhnchen, ein Nesthocker", sagt Ivo Reimer. "Deshalb ist er auch zurück nach Döbeln gegangen und hat sich in der Villa seiner Eltern verkrochen."Wenn er den Onkel besuchte, saßen sie im alten Arbeitszimmer von Gottfrieds Vater, der ein erfolgreicher Anwalt war und den sein Sohn sehr bewundert hatte. "Auf dem Schreibtisch lagen zum Teil noch Schriftstücke, die sein Vater verfasst hatte. Dazwischen Papiere und Kunstgutachten, die aus Gottfrieds Feder stammten."Von seiner Mitarbeit am "Führermuseum" sprach Gottfried Reimer nie. Und sein Neffe fragte nicht nach, woher die Unmengen wertvoller Bücher stammten und die monströsen Ölgemälde, die Alpenlandschaften und Bauernmotive zeigten und im Musikzimmer der Reimerschen Villa hingen. "Manchmal setzte sich mein Onkel an seine alte elektrische Heimorgel und spielte", erzählt Ivo Reimer. "Einmal war sie kaputt, der Motor war hin. Als ich das nächste Mal kam, funktionierte die Orgel aber wieder. Seine Freunde aus Berlin hätten ihm geholfen, sagte Onkel Gottfried nur kurz. Ich fragte nicht nach, aber ich habe mir schon gedacht, dass diese Freunde von der Stasi waren."Tatsächlich hatte inzwischen die Berliner MfS-Zentrale das Zielobjekt "Robinson" übernommen und die Aktivitäten des Döbelner Kreisdienststellenleiters gestoppt. Besaßen die Genossen aus der Normannenstraße doch ein ganz besonderes Interesse daran, Gottfried Reimer nicht vor den Kopf zu stoßen."Mir fiel fast die Kaffeetasse aus der Hand, als ich davon hörte, was die Döbelner vorhatten", erinnerte sich Hans Seufert in einem Gespräch vor mehreren Jahren. Seufert war direkt dem Mielke-Stellvertreter Gerhard Neiber unterstellt und leitete eine kleine Sondergruppe der Stasi, die allen Spuren des Bernsteinzimmers nachgehen und Zeitzeugen aufspüren sollte.Ganz oben auf Seuferts Liste stand Gottfried Reimer. Der Grund dafür waren einzelne Zeugenaussagen, wonach Reimer zu Kriegsende für die sichere Aufbewahrung des Bernsteinzimmers verantwortlich gewesen sein soll. Auch gab es die - später allerdings verworfene - These, das Bernsteinzimmer habe unter "Führervorbehalt" gestanden und sei für das Linzer Museum vorgesehen gewesen.Auch der Bericht eines Dresdner Stasi-Spitzels, der sich an einen Besuch in Reimers Wohnung erinnerte, klang vielversprechend. Danach sollten sich in der Villa neben diversen Kunstschätzen auch noch Unmengen von Dokumenten aus der NS-Zeit befinden. Offenbar habe Reimer, so vermutete der IM, "von allen Sachen noch einen Durchschlag für sich privat angefertigt". Aus diesen Papieren könne man vielleicht noch Rückschlüsse auf Verstecke von Kunstschätzen ziehen.All dies nährte bei Seufert und seinen Leuten die Vermutung, dass der ehemalige "Linz"-Referent eine wertvolle Quelle für Informationen über den Verbleib des Bernsteinzimmers und anderer Kunstschätze, sowie weiterer, in den NS-Kunstraub verwickelter Personen sein könnte. Den Schatzjägern von der Stasi war aber auch klar, dass Reimer, hätte ihn die Stasi erst einmal festgenommen und seine Kunstschätze abtransportiert, zu keinem Gespräch mehr bereit gewesen wäre. Behutsamkeit war angebracht.Im August 1981 kam es zu ersten Gesprächen der Stasi mit Reimer. Viel Wert hatte Seufert auf die Atmosphäre der Befragung gelegt. Reimer dürfe nicht das Gefühl bekommen, er sei zu einem Verhör vorgeladen, erklärte Seufert dem Mitarbeiter, der das Gespräch führen sollte und schrieb ihm genau auf, wie er Reimer versichern könne, ausschließlich an dessen Expertenwissen interessiert zu sein und keine Ermittlungen gegen ihn plane.Ein kleiner Imbiss solle gereicht werden, empfahl Seufert, auch Erfrischungen dürften nicht fehlen. Man könne sich nach persönlichen Sorgen und Problemen erkundigen und dem alten Herrn bei deren Lösung vielleicht behilflich sein.Ausdrücklich unterstrichen ist in Seuferts Anweisungen die Bemerkung: "Keine konspirative Hausdurchsuchung." Und in der Tat findet sich in den Stasi-Akten kein Hinweis darauf, dass die von den Döbelner Genossen vorbereitete Durchsuchung der Wohnung stattgefunden hat.Reimer wurde fünf Tage lang befragt, jeweils von 10 bis 15.30 Uhr, mit Mittags- und Kaffeepause. Detailliert schilderte er die Arbeiten am "Sonderauftrag Linz", war aber bemüht, seinen eigenen Anteil daran so gering wie möglich darzustellen. So bekamen die Stasi-Offiziere zwar einen recht konkreten Einblick in viele Bereiche der Kunstraub-Politik der Nazis; auf die Frage, die sie am meisten interessierte, der Verbleib des Bernsteinzimmers, erhielten sie keine Antwort. "Der Reimer hatte damit nichts zu tun", war Seufert auch viele Jahre später noch überzeugt.Sicherheitshalber aber wurde der Kontakt zu Reimer aufrecht erhalten. Paul Enke, der Bernsteinzimmer-Experte im MfS, kam bis zu Reimers Tod 1987 mehrmals nach Döbeln. Aus den Akten geht hervor, dass Enke es auch war, der den Elektromotor von Reimers Heimorgel reparieren ließ und dem Mann eine Mindestrente verschaffte. "Der hatte nie einen Rentenantrag gestellt, weil er in seinen Nachweisen als letzten Arbeitgeber vor Mai 1945 die Parteikanzlei der NSDAP stehen hatte", sagte Seufert. "Reimer fürchtete wohl, dass die Ermittlungen gegen ihn wieder von vorne losgehen."Um welche Fragen es in Enkes Gesprächen mit Reimer ging, wollte Seufert nicht so recht offen legen. Auf keinen Fall sei es dem MfS um Reimers Kunstsammlung gegangen. "Das wirklich Wertvolle bei ihm war nur die Büchersammlung, die ja wohl von seinem Vater stammte. Wir hatten keine Hinweise darauf, dass er sich Teile davon während des Krieges unrechtmäßig angeeignet hatte. Deswegen rieten wir ihm auch, die Übergabe der Bibliothek nach seinem Tod an die Dresdner Kunstsammlungen testamentarisch zu verfügen."Der Kontakt zur Stasi hat Reimer vermutlich vor der Beschlagnahme seines Kunstbesitzes bewahrt. Sein Jugendfreund Rudolf Schneider bestätigte, dass Reimers Sammlung bis zu seinem Tod 1992 unangetastet blieb.Und wo sind Gottfried Reimers Kunstwerke geblieben?Fast alles sei auf Auktionen verkauft worden, sagt Ivo Reimer. Der Erlös sei erheblich gewesen. Zwei Luther-Bibeln gingen allein für über eine Million D-Mark weg. Weitere 300 Einzelstücke erbrachten auf einer Buch- und Grafikauktion eine weitere Million. Dann war da noch eine Buchreihe mit den Werken des Kupferstechers Merian, die für fast 200 000 DM verkauft wurde. Und die Münzsammlung erbrachte 170 000 Mark. Die Gesamtsumme sei unter der Erbengemeinschaft aufgeteilt worden, sagt Ivo Reimer. Manche haben ein Viertel oder Sechstel, andere ein Zwölftel oder nur ein Zweiunddreißigstel bekommen. Streit habe es gegeben, wie so oft bei Erbschaften, manche Verwandte reden heute noch nicht wieder miteinander.Wer von den Erben Geld hatte, konnte vor der Versteigerung Einzelstücke aus dem Nachlass erwerben. Ivo Reimer etwa kaufte den Blüthner-Flügel aus dem Musikzimmer seines Onkels. Nichts zu bezahlen brauchte er dagegen für vier Umzugskartons voller Erinnerungsstücke. "Die standen beim Anwalt, der den Nachlass verwaltete. Der sagte, er schmeißt das Zeug weg, wenn es keiner haben will."Ivo Reimer hat die Kisten in sein Auto gepackt und mit nach Hause genommen. "Zwei Tage lang habe ich da gesessen und alles durchgeschaut, gelesen, sortiert", erzählt er. Anwaltsbriefe von Gottfrieds Vater seien darunter gewesen, Ansichtskarten aus dem Urlaub, Abrechnungen aus der Fabrik des Großvaters, Quittungen, Glückwunschkarten zum Geburtstag, zur Hochzeit, zur Taufe und Fotos, Fotos, Fotos. "Der hat alles von seiner Familie aufgehoben, unglaublich."Ivo Reimer hat viel aussortiert und weggeworfen. Im Keller seines Hauses steht jetzt nur noch eine Kiste mit Erinnerungsstücken seines Onkels. "Ein paar Mal war ich drauf und dran, die auch wegzuschmeißen, eigentlich braucht das Zeug ja niemand mehr." Aber dann habe er es doch nicht übers Herz gebracht. Das Grab von Gottfried Reimer in Döbeln ist nicht mehr da, die Liegezeit ist abgelaufen. "Wenn jetzt noch die Kiste verschwindet", sagt Ivo Reimer, "dann ist gar nichts mehr da von ihm."------------------------------Foto: Gottfried Reimer 1984 mit seiner Frau, die einst sein Kindermädchen war. Zwischen Luther-Bibeln und wertvollen Gemälden versteckte er sich vor der Außenwelt.------------------------------Foto: Gottfried Reimer mit seinem Vater, einem besessenen Kunstsammler, Ende der 30er-Jahre------------------------------Foto: Ein Modell des "Führermuseums" in Linz. Noch kurz vor seinem Tod hat Hitler mit Albert Speer über den Plänen gebrütet.