Es ist der rührende, der leidenschaftliche, der befremdliche Kult der Diva, der zur Faszination der Oper gehört. Zugrunde liegt ihm, wie Wayne Koestenbaum in "The Queen s Throat" gezeigt hat, sexuelle Sublimierung. Aber die Sinnlichkeit, die die Diva ausstrahlt, die Erregung, die sie auslöst, geht von der Stimme aus, nicht der Frau. Der Gesang, Sprache der Leidenschaft, öffnet versiegelte Räume der Seele. Richard Wagner, der den eigentlichen "Kunstanteil bei Theateraufführungen" den Darstellern zugesprochen hat, sah deren theatralisches Genie "nicht nur in der besonderen Begabung der Individuen allein, sondern (im) Charakter ihrer Kunst selbst".Von Martha Mödl hat des Komponisten Enkel Wieland gesagt, ihre Darstellungen seien aus einem "divinatorischen Wissen" entbundene Nachbildungen gewesen; ihr "phänomenaler Instinkt" habe sie "vor allen wesenfremden Rollen zurückscheuen" lassen. Thomas Voigt zitiert diese Hommage in seinem mit der Sängerin erarbeiteten Buch: "Martha Mödl. So war mein Weg." Doch mit dem Vorsatz, keine Sänger-Chronik vorzulegen, sondern "ein Buch über den Menschen Martha Mödl zu schreiben", hat er eine problematische Kautel für sein Gesprächs-Buch bemüht. Denn eine Sängerin, die nicht das Pathos der Außenseiterin im Herzen trägt, übt Verrat an der Gattung, deren wundersame Absurdität sie rechtfertigen muß. Bücher über Primadonnen sind enttäuschend, sobald sie eine Diva durch alltägliche Quisquilien zu "vermenschlichen" versuchen.Das gilt auch für die hier unternommenen Abstecher ins Private. Erzählt wird von der belasteten Kindheit, vom Leben in dürftiger Zeit, vom späten beruflichen Beginn (1942) im Altfach, von den ebenso schwierigen wie fruchtbaren Aufbaujahren nach dem Krieg, auch von dem der Bühne geopferten Privatleben.Die Gespräche reisen in das Bayreuth von 1951 unter der Ägide von Wieland Wagner; berichten von Begegnungen mit Wilhelm Furtwängler, der ihre Stimme als "Zauberkasten" rühmte, Hans Knappertsbuch, Clemens Krauss und Herbert von Karajan; über die Beziehung zu Kollegen und Partnern; streifen technische Probleme in schwierigen Rollen; führen zu den weiteren Stationen der Laufbahn in Stuttgart, Wien, Mailand und New York; behandeln den Abschied von hochdramatischen Rollen und den Wechsel in das "Charakterfach" (mit einem Akzent auf die Darstellung der Gräfin in "Pique Dame") Theatergeschichte im Spiegel subjektiv erlebter Episoden.Voigts verfährt weder als objektivierender Chronist noch kritisch distanziert. Daß Frau Mödl in jüngeren Jahren verführerische Frauen wie Marina, Eboli, Carmen und Giulietta dargestellt hat, läßt ihn fragen: "Aber denken Sie nicht, daß es diese Sinnlichkeit im Klang der Stimme wie in der Ausstrahlung ein wesentlicher Anteil Ihrer Kunst war?" Oder: "Wenn man Ihre Isolde hört, verfällt man nicht nur den herrlichen Cello-Tönen." Oder: "Aus dem Lautsprecher tönte einer Ihrer ganz großen, magischen Momente: ,Denn selig aus ihm leuchtet Siegfrieds Liebe ." Dieses Gesprächs-Buch ertönt wie ein leidenschaftliches Liebesduett, in dem der Partner emphatisch von den seelischen Wirkungen ihrer sängerischen Kunst zu schwärmen beginnt. Und doch ist dies, weil kenntnisreich und von Innervation zeugend, sympathischer als die marktgängige PR-Literatur.Bemerkenswert, daß Martha Mödl mit einer stets spürbaren Klugheit den Gegenkurs der Sachlichkeit steuert. Auf die "Sinnlichkeit" ihrer Darstellungen angesprochen, erwidert sie: "Ich hätte gern ein anderes Wort, aber mir fällt keines ein." Sie fügt hinzu: "Ich weiß nur, daß das, was Sie ,Sinnlichkeit nennen, bei mir erst angefangen hat, wenn ich in die Rolle geschlüpft bin." Das ist zwar keine begriffliche Erklärung für die außerordentlichen seelischen Wirkungen, die sie ausgelöst hat, auf jeden Fall aber die instinktive Einsicht in das (gerade von Wagner analysierte) Wesen der mimischen Kunst: der Fähigkeit, die künstlerische Person der Darstellerin ganz aufzuheben, um "einzig das dargestellte Individuum für die Wahrnehmung zurückzulassen", wie der Komponist in seinem Aufsatz "Über Schauspieler und Sänger" geschrieben hat. Dem entspricht ihre Gefühlswahrheit, daß die Leonore ("Fidelio") keine "Partie", sondern ein seelischer "Zustand" sei.Nach der Lektüre habe ich Leonores Schrei gehört: "Töt erst sein Weib." Und "ekstatisches Lachen bis zu krampfhaftem Wehgeschrei" von Kundry. Und Isoldes "Rache, Tod! Tod uns beiden." Warum dürfen nicht auch Kritiker gelegentlich leidenschaftlich bewundern?Martha Mödl: So war mein Weg. Gespräche mit Thomas Voigt. Mit Diskographie, Videographie, Aufführungsliste und Register. Parthas-Verlag, Berlin 1998. 220 S., 60 Abb., 48 Mark.