Schnell vergisst man in der Kleingartenidylle am Gleisdreieck die hektische, laute Metropole rundherum: die U1, U2, den Potsdamer Platz, die Trassen der Deutschen Bahn. Der Blick fällt auf hinter üppigem Grün aufragende Stahlbrücken und Fassaden. Es ist ein Ort, den sich Natur und Mensch seit der Zerstörung 1945 in denkwürdigem Einklang zurückerobert haben.Zwanzig Künstler, darunter viele ausländische, die in Berlin leben, haben das Refugium zum Kunstprojekt namens "Stay hungry" gemacht. Die Schrebergarten-Lauben haben es ihnen angetan. Draußen wuchert wilder Wein, drinnen ploppen Wassertropfen von der niedrigen Decke. Im Sekundentakt füllen sie Aluschüsseln auf dem Hüttenboden. Wieder draußen kommt man weiter durch die grünen, labyrinthischen Gänge in einen Garten, der keine Laube mehr hat. Sie ist vor Jahren abgebrannt. Nun bedeckt weißer Staub die zerfallenden Balkenreste, formt sie im Abenddämmerlicht zum Relief. Ein dünnes Alufolienband knistert im Wind.Doch weder tropft das Wasser durch ein wirklich leckes Dach, noch hat der Wind den Staub auf die Brandstelle getragen. Harald Hofmann machte aus dem Wasser eine Soundinstallation und die "Staubskulptur" hat sich Bettina Khano ausgedacht. Es ist Absicht, dass der Besucher nicht weiß, was vorher schon da war. Und so wechselt moribunde Poesie mit vitaler Gärtnerleidenschaft hinter akkuraten Zäunen und Toren mit Hausnummern. Der gute alte Schrebergarten stand einst für eine soziale Utopie. Leider - und völlig zu Unrecht - hängt ihm heute der Ruf städtischen Spießertums an. Das Projekt, kuratiert von der Studentin Anna Redeker und dem Künstler Theo Ligthart, will kritisch fragen, inwieweit der moderne Kunstbetrieb selbst eher eine "eskapistische Schrebergartenbewegung" ist. Und so loten hier am Gleisdreieck Künstler - zusammen mit den Kleingärtnern, von denen 16 ihre Gärten öffneten - die Grenzen des öffentlichen und privaten Raums aus. Unterstützung kam von Klaus Trappmann, dem Vereinsleiter der Kolonie. Ihm liegt der Erhalt der Anlage am Herzen: Die sinnvolle Integration in die gerade entstehenden neuen Großgärten im Areal.Die aus Finnland stammende Pia Lindmann betreibt ihr "poison and play"-Spiel zur Entgiftung von Mensch und Natur "als ökologischen wie ästhetischen Kunstansatz" im Schrebergarten Nr. 13. Sie massiert, lässt ihre "Patienten" auf Bäume klettern, bietet frische Atemluft an in einem Verschlag, dessen Wände aus Bierkisten bestehen, innen mit Humus, außen mit Rügenkreide gefüllt. So wird das Regenwasser gefiltert. Agathe de Bailliencourts wählte eine Brache und lässt uns optisch über eine rote Linie stolpern, die sich wie mit dem Lineal gezogen über den Sand im Winkel zur U-Bahn Linie 2. zieht. Bis unter den Brückenpfeiler, wo die Schrebergärten nahtlos in die Großgarten-Baustelle übergehen. Kleingartenkolonie am Gleisdreieck, Ecke Bülowstr./Dennewitzstr (Schöneberg). Bis Sonntag, immer ab 20 Uhr.------------------------------Foto: Verheißungsvoll leuchtende Pop-Laube "Yes Manifesto" von David Levine

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