Vor 27 Jahren hat das Bundesverfassungsgericht entschieden: "Zu den Voraussetzungen eines menschenwürdigen Strafvollzugs gehört es, dass dem zu lebenslanger Freiheitsstrafe Verurteilten grundsätzlich eine Chance verbleibt, je wieder der Freiheit teilhaftig zu werden." Als das Urteil erging, saß der zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilte vierfache Frauenmörder Heinrich P. bereits seit 17 Jahren hinter den Mauern der Justizvollzugsanstalt Bruchsal. Heute, 27 Jahre später, sitzt die "Bestie", als die Heinrich P. in den 50er Jahren in die Annalen der deutschen Presse eingegangen ist, noch immer dort. Kaum ein Verbrecher der deutschen Nachkriegszeit hat mit seinen Taten derartiges Aufsehen erregt, kein Verbrecher hat eine längere Haftzeit hinter sich als Heinrich P. Und wohl an keinem anderen Verbrecher exekutiert die Justiz so unbarmherzig die grausamste Strafe, die ein Rechtssystem verhängen kann, das die Todesstrafe für inhuman erklärt: Das Vergessen bis zum Tode.Sollte der Film auch sonst nichts bewirken, so ist es allein schon ein Verdienst Michael Busses, mit seiner Dokumentation den Lebenslänglichen Heinrich P. zumindest für eine Dreiviertelstunde dem Vergessen entrissen zu haben. Es ist weder Absicht noch Zufall, dass Heinrich P. dem Zuschauer nicht als Subjekt begegnet - er kommt weder selbst zu Wort noch wird er gezeigt. Die baden-württembergische Justiz hat Busse die Erlaubnis zum Fernsehinterview mit dem Gefangenen verweigert und damit Heinrich P. auch im Film die Rolle zugewiesen, zu der sie ihn seit 44 Jahren verurteilt: als Objekt des Strafvollzugs. Die Leistung Busses besteht darin, Heinrich P. allein durch die Zeugen, die zu Wort kommen - Anstaltspfarrer, der ehemalige Anstaltsleiter, Gefangenenbetreuer - das Gesicht zurück zu geben.Das macht den Film interessant. Aber wie es Busse gelingt, das Geschäft einer Justiz zu zeigen, die sich im Fall des Heinrich P. von der gesetzlichen Verpflichtung zur Resozialisierung längst gelöst hat und nurmehr stumm und unbeirrbar dem Gesetz der Vergeltung folgt, das macht ihn zum Skandal. Ende der 90er Jahre hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, der Gefangene P. habe die Strafe verbüßt - aber nichts ist geschehen. Ein Rechtsanwalt hatte mit Untätigkeitsklagen Erfolg, wonach Heinrich P. zu begutachten und zu therapieren sei - nichts ist geschehen. Keiner der von Busse befragten Gefangenenbetreuer, kein Anwalt, kein Anstaltspfarrer fordert die Freilassung von Heinrich P. - nach 44 Jahren hinter Gittern würde er sie kaum überstehen. Aber jeder von ihnen verweist zu Recht darauf, dass es zwischen Freiheit und Zelle einen Zwischenraum gibt, einen geschützten Raum in der Anstalt, der ein Leben unter Aufsicht, aber ohne Gefangenschaft ermöglicht. Der Film ist kein Appell, doch eine Erinnerung daran, dass die Güte einer Justiz sich nur in der Humanität erweist, die sie noch dem Geringsten - dem Mörder - zeigt.Vor Ihnen sitzt der Teufel, 23 Uhr, ARD------------------------------Foto: Der damals 23-jährige Heinrich P. 1960 im Schwurgerichtssaal