Die Szene hatte Theaterreife: Gerade hatte sich die rote, die "obere" Kammer des Parlamentes von Westminster außergewöhnlich gut gefüllt, gerade hatte "the Leader of the House", also die Labour-Fraktionsführerin Baroness Jay das Wort ergriffen, um das historische "House of Lords-Gesetz" im britischen Oberhaus einzubringen, da hub der Earl of Burford zum Spektakel an. Herrisch sprang der blondbärtige Herzogssohn auf von den Stufen vor dem königlichen Throne, nahm nach zwei, drei kurzen Sprüngen Beschlag von jenem Platz auf dem Wollsack, der den Vorstehern des Oberhauses vorbehalten ist, und reckte die Faust in die Luft."Verrat!" schrie der Earl und wippte breitbeinig auf dem Wollsack. "Dieses in Brüssel diktierte Gesetz ist Verrat!" Unter den alten Lords und Ladys, die mit zerknirschten Gesichtern der Selbstamputation des britischen Erbadels ihr entschlossenes "Ich enthalte mich" entgegenwerfen wollten, wirkte der 34-Jährige wie ein revolutionärer Schülersprecher. So etwas wollten die Senioren nicht. Die Verbal-Attacke des Revoluzzers versank in empörtem Gemurmel ("Hinaus mit Ihm!", "Höre Er auf!"). "Steht auf für die Königin und das Vaterland", hörte man es noch durch die Kammer hallen, bevor ein Offizieller mit dem schönen Titel "Black Rod" (Schwarzer Stab) dieser wohl zauberhaftesten Minute in der fast 734-jährigen Geschichte des Oberhauses ein Ende machte. Die Selbstamputation konnte vonstatten gehen. Der Earl, unter Freunden Charles Francis Topham de Vere Beauclerk genannt und ältester Sohn des Herzogs von St. Albans, trat indes, noch schwer atmend von seinem Ausflug auf den Wollsack, vor die Tür des Parlaments, der Presse entgegen und (Fortsetzung Seite 2)Earl Burford, Fortsetzung von S. 1 ---wiederholte, was in der Aufregung drinnen untergegangen war: "Vor uns liegt eine Ödnis, keine Königin, keine Kultur, keine Souveränität, keine Freiheit. " Tony Blair sei des Hochverrats schuldig, weil er das Land unter Brüsseler Vorherrschaft knechte, sprach der Earl, bevor er in Richtung seines Clubs entschwand, um sich zu erholen.Earl Burford mag nicht ahnen, was für ein politischer Unsinn das ist, aber er weiß durchaus, dass er die "Würde des Hauses" ein wenig überstrapaziert hat, vom Wollsack, jenem Symbol für die Quelle des englischen Wohlstands, einmal ganz abgesehen. "Es war Hooligan-Verhalten für einen guten Zweck", sagt er ein Verhalten, das sein Herr Vater sicher nicht gutheißen wird. William Shakespeare hingegen, den der Earl gern zitiert, Shakespeare also "hätte das gemocht", meint Burford, der seine Linie zurückzuverfolgen weiß auf jenen Edward de Vere, den ein kleiner Kreis von Historikern für den wahren Autoren der Shakespeare schen Werke hält.Shakespeare hätte, gewiss.Dies war der Abend, an dem das Oberhaus jenen Erbadligen, die es über Jahrhunderte bevölkert hatten, per Abstimmung die Tür wies, weil "am anderen Ort", wie die Lords das (demokratisch legitimierte und daher stets ausschlaggebende) Unterhaus zu nennen pflegen, eine entsprechende Vorlage beschlossen worden war. 92 der augenblicklich 646 Erbadligen, so hatten die Lordschaften es sich mühsam erkämpft, dürfen zum Dank für die brave Enthaltung noch bleiben, bis klar ist, wie künftige Lordschaften auf Lebenszeit bestimmt werden.Aber eigentlich ist eben Schluss mit den Privilegien der alten Aristokratie im Königreich, mit den angeborenen Mitspracherechten für Leute wie John David Clotworthy Whythe-Melville Foster Skeffington (Viscount Massarene und Ferrand) oder Lord Strathclyde, alias Thomas Galloway Dunlop Du Roy de Bliquy Galbraith, und was es da sonst noch an schönen Namen gibt. Zu Recht, wie die demokratie-erfahrenen Briten wissen, die den Anachronismus des Amtserbes auf die Monarchie beschränken wollen. Zu Recht, wie ein Labour-Sprecher sich noch an jenem Abend entrüstete: Man habe doch wieder gesehen, zu was die Erbadligen fähig seien.Doch dem einen oder andern dämmert im Schmunzeln über den Earl, dass dem Königreich mit dem Herauswurf des Erbadels aus dem politischen System auch etwas verloren geht. Dass durch die Hochanständigkeit der New-Labour-Puritaner womöglich ein Oberhaus entsteht, das es im Unterhaltungswert mit dem Deutschen Bundesrat wird aufnehmen können. Dass die Zukunft also demokratischer, aber auch langweiliger wird. Weil es Theaterrowdys wie den Earl von Burford im neuen House of Lords kaum geben wird.Earl of Burford protestierte als einziger gegen die Entmachtung des Oberhauses