Es sollte das Comeback nach dem Comeback nach dem Comeback werden. Es sollte der Auftakt zur letzten Chance für einen der bemerkenswertesten Boxer aller Zeiten werden, der sein Leben immer wieder selbst weggeworfen hatte. Es musste einfach ein neuer Anfang für Mike Tyson werden. Er hatte sechs Monate trainiert, zum ersten Mal in seiner Karriere umgeben von seriösen Managern und Trainern. Er hatte gesagt, er wolle von nun an alles richtig machen. Und der Gegner war ein sympathischer Leisetreter ohne Punch und Meriten. Orlin Norris. Orlin wer? Die Prognose war klar: Ein schneller K. o., verbunden mit Tysons Rückkehr ins Licht.Doch dann passierte am Sonnabend in Las Vegas erneut etwas, das nur Tyson passieren kann. Ein Desaster ohne Beispiel. Die erste Runde näherte sich ihrem Ende, die Kontrahenten hieben ein bisschen aufeinander ein. Der Gong. Sekundenbruchteile später schnellte Tysons linker Haken noch einmal an Norris Kopf, er knickte ein, fiel und erhob sich taumelnd. Tyson hatte im Eifer des Gefechts das Signal überhört. Ein Fauxpas, okay, aber nichts Besonderes. Der Ringrichter wollte Tyson erst zwei Punkte abziehen, da kam schon das Kommando aus Norris Ecke, dass er nicht mehr weitermachen könne. Der Fight war zu Ende. 9 000 Zuschauer pfiffen und buhten. Das Kampfgericht entschied: kein Entscheid.Was für ein Drama. Ferdie Pacheco, früher Ringarzt an der Seite von Muhammad Ali, sagte: "Ich habe noch nie erlebt, dass einem nach einem Kopftreffer das Knie wehtut." Norris saß in seiner Ecke, mit einem Eisbeutel am Oberschenkel, an-(Fortsetzung Seite 2)Tyson, Fortsetzung von Seite 1 ---sonsten im Vollbesitz seiner Kräfte, und verhedderte sich in Widersprüche. Ja, er habe schon früher Probleme mit dem Knie gehabt. Nein, sein Knie sei eigentlich okay. Sein Manager Mike Marley schrie: "Wir wollen eine Disqualifikation!" Gleich darauf schrie er: "Wir wollen ein Rematch!" Tyson stand da wie vom Blitz erschlagen und murmelte: "Lasst mich gegen ihn boxen, sofort, morgen, wann er will. " Tyson konnte einem Leid tun. Der Mann hat zwei Mal im Gefängnis gesessen, und es gibt nicht wenige, die glauben, zwei Mal zu Unrecht. Er hat sich, getrieben von der geldgierigen Bande um seinen früheren Promoter Don King, zur kannibalischen Attacke ins Ohr von Evander Holyfield hinreißen lassen. Er hat beinahe mehr Fehltritte produziert als Niederschläge, weil das Gettokind in ihm nie erwachsen werden konnte. Aber er hat für all das bitter bezahlt bis hin zur öffentlichen Analyse seiner Psyche.Und nun das. Nur diesmal konnte er wirklich nichts dafür. Der Fernsehkommentator Bobby Czyz, selber einst Schwergewichtler, sagte: "So was passiert im Ring jeden Tag, für mich sieht es danach aus, als wollten Marley und Norris nur einen zweiten Zahltag herausschinden. " Als Norris nach dem Knockdown aufstand, humpelt er nicht. Nachdem der Kampf abgebrochen war, schleppte er sich, gestützt von zwei Helfern, in die Kabine.Was soll man sagen? Jeder weiß, dass Preisboxen eine Mischung aus Show und billiger Kirmes ist. Jeder weiß, dass Norris 800 000 Dollar bekam, um zu verlieren, eine Wiederholung des Fights wäre für ihn ein Geschenk des Himmels. Niemand bezweifelt, dass Tyson vermutlich nicht mehr boxen würde, wenn er nicht dem Kabelkanal "Showtime" 13 Millionen Dollar schuldete, und wenn er seine Steuern und Hypotheken bezahlt hätte. So aber versucht er weiter, sein Image als Monster des Rings zu vermarkten.Die Nevada Athletic Commission will am Montag die Aufzeichnung des Kampfes studieren und entscheiden, ob Tyson seine neun Millionen Dollar Börse erhält oder eventuell wieder gesperrt wird. Es könnte aber auch sein, dass Tyson für den Boxzirkus nun endgültig zur Persona non grata verkommen ist. Noch ein Comeback nimmt man ihm vermutlich nicht mehr ab. Sollte Tyson das Geld verweigert werden, wäre es ein Skandal. Sollte er gesperrt werden, wäre es ein Witz zum Abschluss einer bizarren Karriere, die ihresgleichen sucht.