Als im November 1992 vor dem Reichstag in Berlin eine halbe Million Menschen gegen Fremdenhass demonstrierten und einige Rechtsradikale die Kundgebung mit Stein- und Tomatenwürfen störten, lief Ignatz Bubis aus dem Publikum auf die Rednertribüne zu Richard von Weizsäcker und rief den gewalttätigen Randalierern aufgebracht zu: "Ich schäme mich für euch!" Man bedenke es gründlich: Ein Deutscher jüdischen Glaubens, dessen Familie zu großen Teilen von den Nationalsozialisten ermordet wurde und selbst nur durch Zufall den Holocaust überlebte, schämt sich fünf Jahrzehnte später für jene seiner Landsleute, die sich stupide geistlos oder perfide wissend in die Nachfolge der nationalistischen Gewalttäter stellen. Da weiß man schon viel darüber, wer dieser Ignatz Bubis war, der am Freitag im Alter von 72 Jahren gestorben ist, und was wir mit diesem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland verloren haben. Er gehörte zu den nur noch wenigen, die aus unmittelbar eigener Erfahrung von dem kapitalen Jahrhundertverbrechen reden konnten. Alles, was diesen Charakter ausmachte, seine beschämende Großherzigkeit, sein rastloses Aufklärerdasein, wie auch seine mitunter wenig einfühlsam anmutende Schroffheit gegenüber Befindlichkeiten und Fragen selbst nicht schuldiger Nachgeborener war davon geprägt.Auf seiner Haut haben die Striemen des Konzentrationslagers Deblin gebrannt. Dort hatte der Sohn eines Breslauer Schifffahrtsbeamten zusehen müssen, wie man draußen den Vater vorbeitrieb, den er nie wieder sah. Doch die Unbedingtheit, mit der Ignatz Bubis bei seinen Mitbürgern das Bekenntnis zum "Nie wieder" einforderte, war indes alles andere als selbstgerecht: Je älter er wurde, umso mehr quälte es ihn, dass er sich damals als Halbwüchsiger von Umstehenden davon hatte abhalten lassen, zum Vater zu stürzen und mit ihm zu gehen.Sein Leben lang ist er damit nie fertig geworden, wie er es auch in den Titel seiner Autobiografie schrieb. Und auch den Schutzmechanismus des Verdrängens erfuhr er an sich selbst: Nach dem Krieg und seiner Befreiung aus dem KZ auf sich allein gestellt, bleibt der junge Bubis warum eigentlich? hat er sich später immer öfter gefragt in Deutschland. Er beginnt zuerst in der sowjetischen Besatzungszone, später in den Westzonen mit Edelmetallen und Juwelen Geschäfte zu machen, wird als Frankfurter Immobilienhändler reich, gerät in Kollision mit der linken Hausbesetzerszene, gelangt als liberaler Demokrat über die FDP zu lokal- und landespolitischem Einfluss. Die Schatten der unheilvollen Vergangenheit lässt er lange Zeit einfach hinter sich zurück, in seiner neuen Familie, bei Frau und Tochter, bleibt das Thema Holocaust weitgehend tabu. Bubis wähnt die Nazis in den Gefängnissen, bis er sich in einem Staat begreift, in dem ein Hans Globke, Kommentator der Nürnberger Rassengesetze, lange Zeit in Regierungsverantwortung sein durfte. "Was muss ich für Nerven gehabt haben", sinnierte er rückschauend dazu. Erst im Jahr 1978, nach der Ausstrahlung der amerikanischen Fernseh-Serie über den Holocaust, beginnt er auch über die eigenen Erlebnisse zu reden. Spät, im Jahre 1989, begibt er sich auf die letzten Wege, die der Vater gegangen sein muss, nach Treblinka. Dorthin, wo vermutlich auch der Bruder, die Schwester, die Schwägerin umgebracht wurden. Er sagte, dass er daran fast zerbrochen wäre.Immer drastischer ergreift ihn die Vergangenheit wieder. Sie droht ihn zu erdrücken, als man ihm bei einem Verwandtenbesuch in Südamerika das Foto der ermordeten kleinen Nichte übergibt. "Das war ein Schock für mich denn ich hatte sie vergessen", berichtete er uns in einem Gespräch. Fortan trug er dieses Bild immer bei sich. "Mein Mahnmal an meinem Herzen."Anders als Heinz Galinski, dessen Nachfolge im Amt des Vorsitzenden, später Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland er 1992 antrat, hatte Bubis sich nicht ausschließlich in der Rolle eines Warners und Mahners vor dem historisch Bösen bewegen wollen. So unversöhnlich er gegen jeden Versuch auftrat, dem Vergessen und Wegschauen das Wort zu reden, so betont räumte er auch für sich ein: "Nur mit der Erinnerung an den Holocaust könnte ich nicht leben." Das Leben für die Gegenwart war ihm primär. Als Missionar eines toleranten Zusammenlebens von jüdischen und nichtjüdischen Deutschen, von türkischen und kurdischen, albanischen und serbischen Mitbürgern, übte er seine Funktion als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Frankfurt und seine Präsidentschaft im jüdischen Zentralrat aus. Mit einem schier unglaublichen Arbeitspensum eilte er zu Foren, Versammlungen, auf Podien und zu Medientalks, um vor allem jungen Menschen zu erklären, was damals geschah und was heute ihre Verantwortung sei. Sein Wirken als Mann der Aufklärung und des Ausgleichs ging weit über die jüdischen Gemeinden hinaus, deren Mitgliederzahl in der Zeit seiner Präsidentschaft sich von 25 000 auf 50 000 verdoppelte und für die er die absolute Autorität war. Im Urteil des Zentralratsmitglieds Michel Friedman war er "der beste, den wir haben". Wie in Deutschland nur noch wenige Persönlichkeiten außer ihm, galt er als eine "moralische Instanz" des Landes. Nicht uneitel, genoss er es. Entscheidungsscheuenden Opportunismus hassend, argwöhnte er es zugleich: Zu oft sah er sich von Politikern als "jüdischer Oberrichter" angerufen, bei dem man sich moralische Absolution holen wollte. Je mehr sein Leben sich neigte, umso bestürzter zeigte er sich von der Begrenztheit seines Wirkens. Fortlebender Antisemitismus, ob offen oder latent, Ausländerfeindlichkeit und jede andere Form rechten Extremismus registrierte er immer bitterer, betroffener, trauriger.In seiner heftigen, lehrreichen Kontroverse mit dem Schriftsteller Martin Walser über dessen Friedenspreisrede 1998 wurde deutlich, dass die Unmittelbarkeit und Absolutheit von Bubis Schreckenserfahrung und die für jüngere Generationen gebotene Neuvermittlung von historischer Schuld und aktueller Verantwortung verschiedene Perspektiven der Erinnerungskultur darstellen und auch verschiedenes Vokabular benutzen.Die Debatte, die Bubis scharfe Attacke auf den Schriftsteller auslöste, hat Wichtiges bewirkt: Sie hat auf den notwendigen Dialog zwischen alter bitterer Erfahrung und neuen jungen Fragen an die Geschichte verwiesen. Und an das politisch nicht mehr zwergenhafte, wiedervereinigte Deutschland hat sie die unüberhörbare und hoffentlich überflüssige Warnung ausgesprochen, jetzt nicht allzu unbefangen und fesch das böse geschichtliche Erbteil beiseite zu schieben. Dies war eine der Sorgen, die ihn immer heftiger quälte. Bei einem unserer letzten Gespräche, er war schon sehr krank, fragte sich Bubis, warum er bei seinen Begegnungen mit den Landsleuten auf "immer weniger Interesse" für die Lehren der Geschichte stoße. Zwar bereite es ihm Genugtuung, dass der Bundestag nun das Holocaust-Mahnmal beschlossen habe; das Eisenmansche Stelenfeld erinnere ihn an die Steine von Treblinka. Doch werde er das traurige Gefühl nicht los, dass manch einer der Entscheidungsträger das Thema auch einfach nur vom Tisch haben wollte. Viele hätten das "Nie wieder Auschwitz" allzu gebetsmühlenhaft auf den Lippen, um sich umso unbeschwerter in ihr politisches und wirtschaftliches Handwerk zu stürzen. "So aber hatte ich mir das nicht gedacht: Der Bubis hält uns seine 15-minutige Standpauke, und dann gehen wir zur Tagesordnung über. Die so denken, haben nichts von dem begriffen, was ich für das Zusammenleben in Deutschland wollte." Auch bedrücke ihn, so fügte er an, dass manche jüdischen Deutschen und Juden in Deutschland ihr Fremdsein pflegten, sich selbst ausgrenzten und nicht verstünden, warum sich ihr Präsident auch um andere Minderheiten kümmere, vor Ort sei, wenn in Rostock oder Mölln der unselige Fremdenhass neue Rauchzeichen setzt. Dennoch: Resignieren werde ich nicht, sagte er uns noch vor vierzehn Tagen. In vier Wochen, so meinte der von schwerer Krankheit gezeichnete, gehe er wieder "auf Tour", und wir sollten ihn dabei für ein größeres Porträt begleiten dürfen. Im Januar wollte er sich noch einmal zur Kandidatur als Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland stellen. Am Sonntag wird der deutsche Jude Ignatz Bubis, so wie es sein Wunsch war, in Israel begraben werden. Jeder anständige Deutsche trägt seine Botschaften im Herzen."Nur mit der Erinnerung an den Holocaust könnte ich nicht leben" Ignatz Bubis "Mit Ignatz Bubis verliert Deutschland eine große Persönlichkeit" Bundeskanzler Gerhard Schröder