Eine Verfilmung des Lebens Dietrich Bonhoeffers kommt nie zum falschen Zeitpunkt. Sein in aller Konsequenz praktiziertes Christentum, das Bonhoeffer in den Widerstand gegen den Nationalsozialismus und schließlich ins Martyrium führte, macht ihn zum antifaschistischen Vorbild. Weil es von diesen Vorbildern nicht allzu viele gibt, war Bonhoeffer immer mehr als ein protestantischer Heiliger. Eher noch als die evangelische Kirche, die sich lange mit ihm schwer tat, wollte sich der bundesrepublikanische Staat auf Bonhoeffer berufen. Im Westen lieferte die von Bonhoeffer gelebte Individualisierung des Gewissens einen Grundstein des Republikverständnisses. Im Osten wurde der Christ, der sich als "nicht religiös" bezeichnete, wegen seines Blicks "von unten" studiert.Vor diesem Hintergrund gewinnt das Filmprojekt eine nationale Dimension. Ein Eindruck, der durch die Besetzung der Hauptrolle mit Ulrich Tukur verstärkt wird. Der Vorzeigeschauspieler mit Hauptfach Biografie, der offenbar jeder deutschen Größe ähnlich sieht, war schon ein hervorragender Herbert Wehner. Jetzt ist er ein glaubwürdiger Bonhoeffer, und, die Bemerkung sei erlaubt, er hätte auch einen prima Thälmann abgegeben. Vermutungen lassen sich anstellen, warum Bonhoeffer erst und gerade jetzt solche Ehre zuteil wird. Um die zurzeit viel beschworene Zivilcourage sollte es eigentlich gehen - Bonhoeffer gehörte zu den ersten, die das Wort überhaupt verwendeten. Es war seine theologische Definition von "Diesseitigkeit", die ihn seit 1933 für die von Hitler Verfolgten eintreten ließ. Letzter Auslöser war die Einführung des "Arierparagraphen" ins Kirchenrecht. Mit einer Ansprache im Radio und im innerkirchlichen Kampf mit den "deutschen Christen" bewies der junge Pfarrer Weitblick und Mut. Die ganzen zwölf Jahre der Diktatur mühte er sich, seine Gesinnungsgenossen von der "bekennenden Kirche" vor den Verlockungen einer "Legalisierung" zu warnen. Sicher kein glamouröses Thema, und offensichtlich scheut der Film "Bonhoeffer - Die letzte Stufe" selbst den kleinsten Streit um die Rolle der evangelischen Kirche. Die Handlung setzt 1939 ein - mit dem todesmutigen Entschluss Bonhoeffers, seine Gastgeber in den USA zu verlassen und zurückzukehren in ein Land, in dem mit offener Zivilcourage nichts mehr zu gewinnen ist. Die "bekennende Kirche" befindet sich längst in der "inneren Emigration". Bonhoeffer begibt sich in die Illegalität: die Konspiration mit dem militärischen Widerstand. Für Canaris Abwehr versucht er, mehr schlecht als recht, seine Auslandskontakte zu nutzen, um den Regierungen geheime Friedensabkommen zu unterbreiten. Es ist eine Geschichte der Vergeblichkeit, und es verwundert kaum, dass der Theologe die Folge seiner Bemühungen, die Haft, zunächst als "geschenktes Freisemester" begrüßte. Bei den Verhören durch die Gestapo muss sich der Intellektuelle, seinen Mitstreitern und erst recht seinen Peinigern haushoch überlegen, dumm stellen, um andere nicht zu gefährden. Er tut das mit kühlem Kopf; der Film schildert auch das komplizierte Mitteilungssystem, durch das Bonhoeffer mit der Außenwelt Kontakt und Absprache hielt. Er gehorcht nicht mehr den eigenen Gesetzen. In Zwiesprache mit seinem Gott muss er sich in sein Schicksal fügen, kann gerade noch einem Mitgefangenem Trost spenden. Und auf einen Schlag des Militärs hoffen. Das erinnert doch sehr an die offiziösen Formeln, mit der der christliche deutsche Widerstand interpretiert wird, auch an die bekannte Konzentration auf den militärischen Apparat, die gerade im Fall Bonhoeffer absurd erscheint. Ganz so als ob er ansonsten nichts getan hätte, als in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Hakenkreuzfahnen vom Altar zu nehmen. Mit "Die Weiße Rose" und "Georg Elser" war man längst weiter. Trotz allem löst der Film seinen Anspruch ein, Zeitgeschichte fassbar zu machen. Auf überflüssigen Bombast wurde verzichtet. Durchgehend wohl tut die durch eine großartige Besetzung gewährleistete Ernsthaftigkeit. Wahrheitsgetreu kommt die Hinrichtung Bonhoeffers als Schock - just als die Befreiung greifbar nahe scheint. Es ist eine von vielen Szenen, die bewegen. Allerdings bietet "Bonhoeffer - Die letzte Stufe" dem leidlich informierten Betrachter nichts Neues. Stattdessen verstimmen die Dialoge im Kreise der Familie, etwa über das Für und Wider des Exils, durch pädagogische Ausführlichkeit. Ähnlich korrekt wird Geschichte abgehakt: "Es ist Krieg, ich hab s gerade im Radio gehört. Kennen Sie meine Enkelin Maria?" Aha, Bonhoeffers baldige Braut, erstes Treffen in schwerer Stunde. Angesichts der Knappheit solcher Szenen wäre man mit einem TV-Format deutlich besser beraten gewesen. Bezeichnenderweise gelangt der auf deutsche Innerlichkeit geschrumpfte Bonhoeffer erst in der Zelle zu wirklicher Geltung. Es spricht für den Film, dass man hier die Zeit für eines seiner Gedichte aufbringt. "Wer bin ich?" fragt er sich. "Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler / und vor mir selbst ein wehleidiger Schwächling?"Bonhoeffer - Die letzte Stufe // Deutschland/USA/Kanada 1999.Regie: Eric Till Drehbuch: Gareth Jones & Eric Till Produktion: Gabriela Pfändner & Kurt Rittig Darsteller: Ulrich Tukur, Johanna Klante, Ulrich Noethen, Robert Joy, Dominique Horwitz, Tatjana Blacher, Susanne Lothar, Lenka Jelinkova, Rosemarie Fendel, Ulli Philipp, Kurt Cramer, Justus von Dohnanyi, Christian Doermer u. a.87 Minuten, Farbe. Der Film läuft ab heute im Kino Kosmos und im Ufa-Europa Studio.CINETEXT Ulrich Tukur, der Darsteller des Dietrich Bonhoeffer, bei den Dreharbeiten im Gespräch mit einer Zeitzeugin.