Ein Musikfilm aus Berlin irritiert durch Songfragmente: "Märzmelodie": Das passt ja!

Die Lehrerin Anna hat Probleme mit der 5b. Als eine Kollegin sie fragt, wie es ihr ginge, bricht die Antwort mit der Stimme der Liedermacherin Bettina Wegner aus ihr heraus, untermalt vom vollen Bandsound. Nach wenigen Sekunden ist es schon wieder vorbei. Die Kollegin spricht weiter, als wäre nichts passiert. Wenig später sehen wir Thilo, den erfolglosen Schauspieler, bei seinen erfolglosen Versuchen, per Telefon Wein zu verkaufen. Nachdem er frustriert den Hörer auflegt, hören wir aus seinem Mund für Sekunden die Stimme Rio Reisers: "Ich brauch Geld...". Die Kollegen im Callcenter drehen sich nicht einmal nach ihm um. Wir aber sitzen im Kino und fragen uns: Was war das denn?Die Produzentin des Films "Märzmelodie", Manuela Stehr, hat gesagt, dass sie mal einen Musikfilm drehen wollte, ihr aber in den gängigen Musikfilmen die Lieder oft zu lang vorgekommen wären. Der Eindruck ist nachvollziehbar, wenn auch schwer zu erklären. Entsteht da eine Konkurrenz zwischen den Kunstformen, stellt sich die emotionale Statik des Liedes dem Bewegungsdrang der Bilder entgegen? Oder konkurriert der Naturalismus der Darstellung mit dem Unnatürlichen des Gesangs? Sollte es sich so verhalten, dann wäre es die Aufgabe des Regisseurs, diese Konkurrenz zu gestalten, die unterschiedlichen Formen präzis gegeneinander zu setzen, aus ihrer Unvereinbarkeit Spannung zu gewinnen.Die Lieder zu verkürzen, wie es in "Märzmelodien" geschieht, ist keine Lösung. Lediglich kurz aufblitzend wirken sie nur wie eine absonderliche Verlängerung der Filmmusik in die Stimmen der Darsteller hinein. Die Lieder brechen affekt- und situationsabhängig aus den Personen heraus, als kurze musikalische Überhöhung der Situation. Die Liedfragmente setzen so stichwortgenau ein, dass man den Stolz der Filmemacher, etwas derart Passendes gefunden zu haben, herauszuhören glaubt. Die Wirkung ist jedoch um so kurioser, je passender der Ausschnitt ist. Irgendwann nur noch das Passen an sich zu bestaunen, ist öde."Märzmelodie", geschrieben und inszeniert von Martin Walz, ist ein Liebesfilm, der drei Paare, beim Sich-Finden, Trennen und Wiederfinden beobachtet; zwei der Paare haben zudem nicht geringe berufliche Probleme, die der Lösung harren. Das ist nun das deutsche Komödienschema seit mehr als zehn Jahren. Man möchte dann schon sehen, wie sich die Dinge, die Beziehungen, die Beschäftigungslage entwickeln. Walz zeigt es uns nicht. Die Figuren und ihre Schicksale scheinen nur Aufhänger für die Anwendung der Musik zu sein. Da die jedoch mit wenigen Ausnahmen kurz und klein geraspelt wurde, vermag diese Idee schwerlich den Film zu tragen. Wenn nun auch die Entwicklung vor allem atmosphärisch dargestellt wird, es dem Film also dann, wenn es drauf ankommt, die Sprache verschlägt, ist die Frage, was ihn denn überhaupt trägt? Wir wissen es auch nicht.Die Darsteller sind immerhin angenehm anzusehen. Jan Henrik Stahlberg als Thilo gewinnt seinem lebenskünstlerischen Dauerlächeln erstaunliche Fassetten ab. In dem Maß, in dem Alexandra Neldel an frischem Charisma einbüßt, präzisieren sich ihre Mittel. Von Jana Pallaske hätte man gern mehr gesehen als den traurigen Blick, den sie zweifellos draufhat. Auch Gedeon Burkhard offenbart als abgestürzter Schönling neue Besetzungsperspektiven.Märzmelodie Dtl. 2008. Buch & Regie: Martin Walz, Darsteller: Jan Henrik Stahlberg, Alexandra Neldel, Gode Benedix, Gedeon Burkhard, Inga Busch, Jana Pallaske, Günther Maria Halmer u. a.; 89 Minuten, Farbe.------------------------------Foto: Mehr Reife, weniger Frische: Alexandra Neldel als Anna mit dezentem Kopfschmuck und Jan Henrik Stahlberg als Thilo.------------------------------Foto: Und immer, immer wieder geht die Sonne auf: der Dachterrassenklassiker!