Ein neuer Band des Lyrikers Gellu Naum: "Rede auf dem Bahndamm an die Steine": Mit dem faulenden Wundbrand der Poesie

In einer anderen Zunge reden wir doch mit der gleichen Stimme von hinter den verstörten Schlagbäumen im Stirnbereich hervor", schreibt Gellu Naum in seinem soeben bei Ammann erschienenen Gedichtband "Rede auf dem Bahndamm an die Steine", übersetzt von Oskar Pastior. Naum hat Zeit seines Schreibens die "Sprache der Poeten inkohärent und vage" den Konventionen von Literatur entgegengestellt. Denn "nur sie handelt und verändert". Es ist ein Dichter, der in jedem seiner "Nerven den faulenden Wundbrand der Poesie" spürt, der in einer stürmischen Zahl von Gedichtbänden immer wieder jenen surrealen poesieschaffenden Moment untersucht "weshalb hier eines für das andere redet und dies da sich auflöst während jenes leblos Angehäufte scharf hervortritt". Allein ein rein formales Interesse an der Poesie lehnt er ab. Der inzwischen zweiundachtzigjährige Dichter zählt zu den letzten lebenden Surrealisten. In ihrem 1945 veröffentlichten Manifest ging es den Bukarester Surrealisten wie schon dem Kreis in Paris darum, dem Wort seine "Möglichkeiten" zurückzugeben und somit den menschlichen Ausdruck zu befreien. "Wir zwängen uns in ein Gebiet von grober Zweifelhaftigkeit seit eh und je/ /und können uns nicht rühren während die Wasser steigen und fallen." Deshalb verließ Naum in einer Art "Traum im Traum in welchem ich nicht träumte" die bindenden Strukturen die Gesellschaft wie Sprache bestimmen und lichtete die Anker des Realismus. Bereits 1924 hatte Breton im ersten Manifest des Surrealismus geschrieben: " die logischen Methoden unserer Zeit wenden sich nur noch der Lösung zweitrangiger Probleme zu Die Imagination ist vielleicht im Begriff wieder in ihre alten Rechte einzutreten."Naums poetische Imaginationen lassen das reale Prinzip wie in einem Brennglas zusammenfallen, erglühen und schmelzen. In die mythischen Abgründe des Wortes getaucht, gelingt es ihm, "einen Bogen um die kristallinen Reden, die sie führten", zu ziehen und damit ihren "leergelaufenen Sanduhren" und "kalten Feuerstellen", über die sie "merkwürdige Sonntagskathedralen errichteten", zu entkommen. Seine Gedichte liest man, wie von einem Sog angezogen, auf die nächste fremde Schönheit ihrer Bildhaftigkeit wartend, auf ihre unerwarteten Ausgänge und überraschenden offenbarenden Wendungen. Eine süchtigmachende Poesie, die jenen Suchtprinzipien folgt, denen auch unser Unbewußtes zu eigen scheint. Der Magnet seiner Poesie ist das ihr innewohnende Pulsieren und die Ausdehnung von Sprache über ihre Nutzwiese hinaus. Es ist eine Fähigkeit, die sich aus dem Hören auf das Unbewußte als zweite, sogenannte Metasprache des Menschen speist. Selbst wenn der Begriff Surrealismus inzwischen seine geschichtliche Patina erhalten hat und alle Ismen suspekt erscheinen, vermag er doch noch immer Naums Schreiben zu umreißen, das unter der Oberfläche von deren "Haut bloß die Wellen aus(gehe)" bis in die "Nähe des Fitzelchens Papier das uns ausmacht" dringt, das durch "die brutale Faszination der Wörter" den "Mond vom Sockel" stürzt und in jene "Fläche" den papierenen Untergrund unseres Denkens und Empfindens einschmilzt. So nah Naum dem surrealistischen Prinzip auch steht, fand er doch konsequent seine eigene Definition für diesen Begriff. Seine Gedichte "frappieren durch mobile und unverbrauchte Assoziationen", die seiner Lyrik eine gewisse Ironie und seltenen Artenreichtum geben, die ihm wiederum "Bewegungsfreiheit gegenüber jeder Konventionen selbst gegenüber jener der surrealistischen Ausdrucksweise sichert", wie es im Nachwort zu "Black Box" heißt.Ende der Dreißiger hatte Naum in Bukarest und Paris Philosophie studiert. Während des zweijährigen Aufenthaltes in Paris er schrieb dort seine Doktorarbeit über Abelard lernten er und der ebenfalls aus Rumänien kommende Gherasim Luca den surrealistischen Kreis um Andre Breton kennen. Dem Maler Victor Brauner, der ihn in diesen Kreis einführte und mit dem ihn später eine langjährige Freundschaft verband, war er bereits zuvor in dessen Bukarester Ausstellung begegnet, in die der junge Philosophiestudent mehr oder weniger zufällig geriet. Gefragt, wie ihm die Bilder gefielen antwortete damals Naum: So möchte er schreiben. Das Zusammentreffen mit dem Surrealismus, jenem "reinen psychischen Automatismus, durch den man den wirklichen Ablauf des Denkens auszudrücken sucht", wie im Manifest von 1924 formuliert, blieb prägend für Naums Schaffen. Auch wenn Breton gleichermaßen warnte: "Man muß viel auf sich nehmen, will man sich in jene entfernten Bereiche zurückziehen, wo alles zuerst so schwer zu gehen scheint und noch schwieriger ist es, wenn man jemanden dorthin führen will."Der Kriegsausbruch zwang Naum, 1939 nach Bukarest zurückkehren. Hier gründete er gemeinsam mit Luca, Paul Paun, Dolfi Trost und Virgil Theodorescu eine Gruppe rumänischer Surrealisten, die bis 1947 produktiv war. Der kommunistische Staat verbot ihre Aktivitäten, da ihm alles außer Realismus systemfeindlich erschien. Damit glitt diese Periode rumänischer Literatur ins Vergessen. "In flüssiger Sonne Gelöschte wir fallen/ wie in einen tiefen Spiegel in den Schlaf" ein Zustand der mit wenigen Ausnahmen bis zum Ende der Diktatur 1990 anhielt, das Jahr, aus dem diese Zeilen stammen und das für Rumänien einen Neuanfang bedeutete. Doch dieser bleibt nach all den Jahren der Diktatur schwierig. "Niemand mehr zu sehen den Boden haben die Wörter zerkratzt." Naum hatte sich nach dem Verbot der Gruppe im Gegensatz zu den ausgewanderten Luca, Paun und Trost und dem sich den Verhältnissen anpassenden Theodorescu nach 1947 in ein kleines Dorf zurückgezogen. "Meist gehen wir diesen Gang allein/ mit einem Kopf auf dem Kopf/ durch den Schatten der uns jeden erlebt." In der Abgeschiedenheit schrieb er weiterhin, konnte jedoch lange Jahre nicht und nach einer gewissen kulturpolitischen Lockerung Ende der Sechziger nur unter Zensur veröffentlichen. Oskar Pastior war, kurz bevor auch er Rumänien verließ, der 1968 endlich erschienene Gedichtband "Athanor" in die Hände gefallen. Durch seine Übersetzung entstand der Grundstock für den ersten auf deutsch verlegten Band Naums "Black Box" (1994) dem nach dem Roman "Zenobia" jetzt ein zweiter folgt. "In mir trage ich die Traurigkeit jener Dichter, die ihr ganzes Leben nach Kräften versucht haben, keine Literatur zu machen, und schließlich beim Durchblättern ihrer gut hundert Seiten feststellen mußten, daß sie nichts anderes als Literatur gemacht haben. Eine furchtbare Enttäuschung. Und dennoch: über all diesen vor Schmutz glänzenden Kleidern, hinter all dem grobschlächtigen Faltenwurf einer mit fad literarischem Pomp erdrückenden Dichtung die Überzeugung, Ferment zu sein."Gellu Naum: Rede auf dem Bahndamm an die Steine. Übersetzungen von Oskar Pastior, Nachworte von O. Pastior, Ernest Wichner. Ammann Verlag, Zürich 1998. 232 S. 42 Mark.