Rudi Dutschke ließ keinen Zweifel daran, wie er über den Einsatz von Gewalt dachte. "Seien wir uns darüber klar, die geschichtlich 'Zweite Front' für Vietnam ist nicht primär Bolivien ..., die wirkliche 2. Front ist der aktive Kampf in den Metropolen", schrieb er am 17. Juni 1967 in einer privaten Notiz. Doch bekannte sich der Pflasterstrandrevolutionär auch öffentlich zu solchen Parolen. "Natürlich bin ich bereit, mit der Waffe in der Hand zu kämpfen", sagte er im März 1968 einem Reporter. Da war die Studentenrevolte auf ihrem Höhepunkt. Dass die Entstehung und Radikalisierung der RAF-Gruppe nur vor dem Hintergrund der wilden Monate zwischen Juni 1967 und Spätsommer 1969 zu verstehen ist, weiß heute jeder, der sich für Baader, Meinhof, Ensslin und ihre Terrorzellen interessiert. Im Rückblick erscheint die RAF als Verirrung und Pervertierung einer kleinen Randgruppe in der großen Bewegung der Linken, die Gewalt ablehnte und später in die Friedens- und Ökologiebewegung mündete.In einem sehr lesenswerten kleinen Sammelband des Hamburger Instituts für Sozialforschung rückt Wolfgang Kraushaar dieses Bild zurecht. Er zeigt, dass das Konzept der Stadtguerilla, das die RAF mit blutiger Realität erfüllte, nicht von der Peripherie der antiautoritären Bewegung stammte, wie es in altlinken und grünen Kreisen gern heißt, sondern aus deren Zentrum. Dutschke als wichtigster Anführer spekulierte schon im Januar 1966 - lange bevor sich die Ereignisse nach dem Tod Benno Ohnesorgs überstürzten - in einem Brief an Dieter Kunzelmann über "härtere koordiniertere Aktionen". SDS-Mitglieder, die damals sogar noch nächtliche Plakataktionen gegen die Amerikaner ablehnten, brachte Dutschke mit Hinweis auf den Vietcong auf Linie. Auf einer Landesvollversammlung im Februar verteidigte er "prinzipiell illegale Demonstrationen und Aktionen". Kraushaar enttarnt ihn mit Quellenfunden, aber auch einer neuen Lesart bekannter Äußerungen als Vordenker des Gewalteinsatzes, obgleich er später die RAF politisch als Mörder und irregeleitete Sekte ablehnte.Warum Dutschke und andere 68er-Protagonisten wie Kunzelmann, der schon im Herbst 1969 in den Untergrund ging, erst jetzt als Stichwortgeber für die tödliche Radikalisierung der RAF zu Tage treten, lernt man aus Jan Philipp Reemtsmas Beitrag. Er rechnet mit einer "idealisierenden Phantasie des Verständnisvollen" gegenüber der RAF ab, die den wahren Charakter der Terroristen verkenne. Viele Sympathisanten verweisen auf die politischen Hintergründe und die Ziele der RAF - tatsächlich ging die Faszination von der Lebensform der Terroristen aus, ihrem offensiven Narzissmus gegenüber der Öffentlichkeit, dem Desperado-Gehabe bis hin zu den triumphalen Machtgesten, die sie bei der Schleyer-Entführung auskosteten. Man spürt, hier schreibt einer, der selbst Verbrechern ausgeliefert war. Für Mythen-Bildung, für "schauderndes Mitgenießen" des Terrorspektakels hat Reemtsma kein Verständnis. Gerade die Figur Andreas Baaders hat zur Faszination der RAF beigetragen. Mitreißend beschreibt Karin Wieland seine Rüpeleien und Grenzübertretungen, seine Selbststilisierung als Dandy, der selbst im Wüstencamp auf engen Samthosen bestand - ein eitler Gockel und Macho, der sich nahm, was er wollte. Sein oberstes Ziel war nicht die Weltrevolution, sondern der Kult um sein Ego, die bedingungslose Macht über seine Umgebung. Kraushaar war ursprünglich an der Vorbereitung der Berliner RAF-Ausstellung beteiligt. In der überhitzten Debatte distanzierten er und das Hamburger Institut sich dann davon. Der Aufsatzband gibt einen Eindruck, was dem Unternehmen dadurch entgangen ist.------------------------------Wolfgang Kraushaar, Jan Philipp Reemtsma, Katrin Wieland: Rudi Dutschke, Andreas Baader und die RAF. Hamburger Edition, Hamburg 2005. 143 S., 12 Euro.------------------------------Foto: Rudi Dutschke im November 1967