Bisher mussten werdende Eltern ihre Neugier eine ganze Weile zügeln. Denn erst etwa in der 19. Schwangerschaftswoche können Gynäkologen erkennen, ob ein Mädchen oder ein Junge kommt. Je nach Lage des Kindes zeigen sich dann die männlichen Geschlechtsteile bei Ultraschalluntersuchungen.Das Unternehmen Plasmagen aus Köln bietet nun einen Test an, mit dem sich schon in der achten Schwangerschaftswoche ermitteln lässt, ob eine Frau ein Mädchen oder einen Jungen erwartet. Das unter dem Namen Gender-Test vermarktete Produkt ist nach Firmenangaben zu 99 Prozent zuverlässig. Zwei Milliliter Blut, das der Gynäkologe abnimmt, reichen dafür. Der rezeptfreie Geschlechtstest kostet 149 Euro.Testsets aus dem InternetSeit einigen Monaten ist der Gender-Test in Deutschland erhältlich, seit wenigen Wochen auch in Österreich. Das Unternehmen reagiert auf einen internationalen Trend, denn via Internet werden immer mehr derartige Gentests angeboten. Auf der Homepage www.dna-worldwide.com etwa kann sich unter dem Stichwort "pink or blue" jede Frau ein Testset für die Blutprobe bestellen.Nach einem Stich in die Fingerkuppe drückt sie etwas Blut auf einen Zellulosestreifen und schickt ihn an den Absender zurück. Das Ergebnis erhält sie ein bis zwei Wochen später. Ein schneller Versand weltweit sei garantiert, heißt es auf der Homepage. Nur China und Indien würden nicht beliefert. Denn von diesen Ländern sei bekannt, dass man dort männlichen Nachwuchs bevorzuge, Mädchen aber häufig abgetrieben würden.Das Prinzip des Gender-Tests wurde vor gut zwei Jahren von italienischen Wissenschaftlern um Silvia Galbiati vom Hospitale San Raffaele in Mailand entdeckt. Sie nutzen die genetischen Unterschiede zwischen Mann und Frau: Frauen haben zwei X-Chromosomen, Männer ein X- und ein Y-Chromosom. In Untersuchungen mit 1 837 schwangeren Frauen haben die italienischen Wissenschaftler nachgewiesen, dass Erbgut (DNA) vom Fötus bereits sechs Wochen nach der Empfängnis im Blut der Schwangeren auftaucht. Findet sich im Blut der Frau DNA des Y-Chromosoms, hat die Frau einen oder mehrere Jungen im Bauch. Findet sich keine Y-spezifische DNA, muss es sich um ein oder mehrere Mädchen handeln."Seit der Test in Deutschland auf dem Markt ist, haben wir ihn mehrere hundert Mal verkauft", berichtet Daniel Inderbiethen, Vorstandsmitglied bei Plasmagen.Das Unternehmen preist den Geschlechtstest als Serviceleistung an, weist aber auch auf den medizinischen Nutzen hin. So könne es für Frauen mit Erbkrankheiten, die über die Geschlechtschromosomen weitergegeben werden und nur bei Jungen vorkommen, wichtig sein, das Geschlecht des Kindes frühzeitig zu erfahren. Bei weiblichen Föten könnten sich die Betroffenen weitere Untersuchungen ersparen, bei denen für genetische Analysen Fruchtwasser oder Plazentagewebe entnommen wird. Solche sogenannten X-chromosomal übertragenen Krankheiten sind zum Beispiel die Duchenne-Muskeldystrophie, eine Form des Muskelschwunds, oder die Bluterkrankheit (Hämophilie).Große Studien fehlenPeter Propping, der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Humangenetik (GfH), spricht allerdings dem Gender-Test den medizinischen Nutzen ab. Die Irrtumswahrscheinlichkeit von einem Prozent ist seiner Ansicht nach zu hoch. Bei einem einprozentigen Risiko für ein schwer krankes Kind würden viele Paare auf eine weiterführende genetische Diagnostik nicht verzichten wollen, meint er. Das zeige sich am Beispiel des Down-Syndroms, das mit einer Wahrscheinlichkeit von einem Prozent bei Babys von vierzigjährigen Schwangeren auftrete. Propping: "Sehr viele Paare entscheiden sich in dieser Situation für die vorgeburtliche Diagnostik."Darüber hinaus hält Propping die Studiendaten über die Zuverlässigkeit des Gender-Tests für nicht ausreichend. "Grundlage müssten mehrere größere Untersuchungen sein", fordert Propping. Denn fötale Zellen im Blut der Mutter seien rar. "Schätzungsweise nur eine von zehntausend Zellen im Blut der Mutter stammt vom Kind. Bei Frauen, die zuvor schon schwanger waren, können darüber hinaus Zellen von früheren Kindern jahrelang im Blutkreislauf zirkulieren", gibt er zu bedenken.Die Humangenetiker um Propping sind grundsätzlich gegen den Gender-Test - vor allem, weil sie Missbrauch fürchten. Im Namen der GfH forderte Propping kürzlich im Deutschen Ärzteblatt, solche Tests gesetzlich zu verbieten.Auch von anderer Seite regt sich hierzulande Widerstand gegen die frühe Geschlechtsbestimmung. Der Deutsche Ärztetag lehnte im Mai neue Labortests vor Ablauf der Frist eines straffreien Schwangerschaftsabbruchs ab, wenn keine medizinische Notwendigkeit dazu besteht. Claudia Schumann von der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe hält den Test ebenso für gefährlich. "Damit wird es leichter, nach Geschlecht zu selektieren und ein Kind mit unerwünschtem Geschlecht abtreiben zu lassen", sagt sie.Der Gender-Test ist in Deutschland nur über Gynäkologen erhältlich. Sie sollten aus Respekt vor dem ungeborenen Leben frühestens nach der 12. Schwangerschaftswoche das Testergebnis mitteilen, wünscht sich Plasmagen. Der Grund: Bis zu diesem Zeitraum bleibt ein Schwangerschaftsabbruch straffrei, wenn sich die Frau nicht in der Lage sieht, das Kind zu bekommen.Plasmagen lässt die Frauen zudem unterschreiben, dass die Kenntnis des Geschlechts keinen Einfluss auf die Entscheidung über einen Schwangerschaftsabbruch haben werde. Claudia Schumann zweifelt an dem Nutzen dieser Klauseln: "Wer kontrolliert denn, ob das Testergebnis wirklich erst nach der 12. Schwangerschaftswoche mitgeteilt wird?""Plasmagen sieht durch die vom Unternehmen getroffenen Vorkehrungen jegliches Missbrauchspotenzial weit möglichst ausgeschlossen", meint dagegen Inderbiethen. Ohnehin gebe es, anders als in China oder Indien, wohin man keine Tests liefere, in Deutschland keine generelle Präferenz für ein bestimmtes Geschlecht.Mit dieser Aussage beruft sich Plasmagen auf eine Studie des Bioethikers Edgar Dahl von der Universität Gießen. Das Team um Dahl hatte vor einigen Jahren rund tausend Männer und Frauen zwischen 18 und 45 Jahren befragt, ob sie beim Nachwuchs ein Geschlecht bevorzugen. Ein Drittel der Befragten gab an, sie hätten gern gleich viele Jungen und Mädchen und 58 Prozent antworteten, ihnen sei das Geschlecht der Kinder vollkommen egal.Warten auf den StammhalterAber würden Eltern, die bereits mehrere Kinder desselben Geschlechts haben, nicht doch eine Wahl treffen? Zumal wenn es sich um Paare aus Regionen mit ausgeprägt patriarchalischen Strukturen handelt, etwa aus dem Osten der Türkei, aus Pakistan, Thailand, Kambodscha oder aus afrikanischen Ländern. Arif Ünal, der Leiter des Gesundheitszentrums für Migrantinnen und Migranten in Köln, berät solche Familien. In einigen gibt es sechs Töchter und als jüngstes Kind einen Sohn. "Vielleicht", sagt Ünal, "gäbe es die Mädchen nicht, wenn die Familien von dem Test gewusst hätten."------------------------------Foto: Neugeborene in der Universitätsfrauenklinik Leipzig: Nach der Geburt zeigt sich, ob der Arzt recht hatte bei der Geschlechtsprognose per Ultraschall - oder neuerdings per Bluttest.