Als der Komponist Günter Kochan im Jahr 2009 fast achtzigjährig starb, konnte man ihn einen Vergessenen nennen, zwei Jahrzehnte Nachwendezeit hatten sein Werk ins Abseits gerückt. Dabei galt der mehrfache Nationalpreisträger seit den 60er-Jahren bis zum Mauerfall mit seiner Musik als Leitfigur der musikalischen Versöhnung von Arbeiterklasse und klassischem Erbe: überschaubar geformt, immer verständlich, mit einigem spielerischen Freiraum zwischen den Pathosformeln der sinfonischen Tradition und leicht onkelhaftem Wohlwollen gegenüber der musikalischen Alltagskultur.Innerhalb der seit den frühen 80er Jahren erstaunlich offenen DDR-Szene für Neue Musik wirkte Kochan als stabilisierender, legitimierender Faktor. Die Wende brachte im Musikleben vor allem eine Befreiung der Komponisten von dieser Verpflichtung zur Repräsentationskultur, und damit war Kochans Zeit vorbei. Sein "Triptychon" für Rosa Luxemburg und das Orchesterpoem "Herbstblätter" markieren im selben Entstehungsjahr 1991 noch einmal beide Seiten seines bürgerlichen Kunstverständnisses. Kochan schrieb weiter, abseits des Musikbetriebes, aufgeführt wurde wenig.Ist ein neuer Blick auf die Musik des einst Erfolgreichen möglich? Dieser Frage stellte sich jetzt das Konzerthausorchester, das unter seinem ursprünglichen Namen als Berliner Sinfonie-Orchester fast Kochans Hausorchester war. Nach mehr als zwei Jahrzehnten und postum gab es jetzt also noch einmal eine Kochan-Uraufführung im Konzerthaus, seine Sinfonie Nr. 6, vollendet 2006. Sechs Sätze, durchkomponiert mit einem Einschnitt in der Mitte, fünfundzwanzig Minuten, die den Hörer mit den herben Bläserchorälen und der Solopauke unvermittelt in die Jahre der 5. Sinfonie von 1985 zurückkatapultieren, und weiter zurück, in die spielerische Abstraktion einer sachlichen Formenstrenge. Es ist eine Musik der feinen Lineaturen, die, auch wenn sie einmal kräftig hinlangt, niemals sentimental oder pathetisch wirkt, auch durch die konstruktiv, um nicht zu sagen einfach angelegten Ausdruckswechsel. An Schostakowitsch, eines der einstmals oft beschworenen Vorbilder für Kochans sinfonischen Stil, erinnert hier (wie schon in der 5.) eigentlich wenig, einiges dagegen an Boris Blacher, Kochans Kompositionslehrer, bevor er 1950 zu Hanns Eisler ging. Das Stück ist gut gemacht, ernst und nicht langweilig, wirkt in seinen kulturellen und musikgeschichtlichen Referenzen aber letztlich belanglos. Und man sollte nicht vergessen, mit welchem pädagogischen und musikpolitischen Anspruch ein solch repräsentativ gediegener Stil verknüpft war, in der Bundesrepublik, obwohl an den Rand gedrängt, übrigens kaum weniger als in der DDR.Auch die Kombination mit einer Beethoven-Sinfonie wirkte wie ein Dramaturgie-Zitat vergangener Zeiten aus einer überschaubaren Musikwelt. Lothar Zagrossek brachte das Konzerthausorchester in der "Pastorale" zu einem entspannten, durchsichtigen und rhythmisch präzisen Spiel, Ergebnis ebenso der sorgfältigen und liebevollen Phrasierungen, wie auch der reduzierten Streicher-Besetzung, die klanglich aufgebrochen wurde von den in der Mitte platzierten Kontrabässen und Celli. "Mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei" - Beethovens berühmte Selbsteinschätzung des Werkes wurde hier einmal ohne Effekthascherei Wirklichkeit.------------------------------Foto: Günter Kochan zu Ruhmeszeiten