Manchmal haben sich die Leute gefreut", sagt Flake, "manchmal aber auch nicht. Oder es kam niemand. Die meisten dachten, das sei eine Mädchenband und Magdelene ist die Sängerin. Die Leute waren dolle enttäuscht, als wir Trottel auf die Bühne stampften und gar kein Mädchen dabei war."Magdalene Keibel Combo - so hieß nur eine von den vielen Bands, mit denen Christian "Flake" Lorenz in den 80er-Jahren in Ost-Berlin musizierte; die anderen trugen Namen wie Frigitte Hodenhorst Mundschenk, Die Drei von der Tankstelle oder Happy Straps. In den verschiedensten personellen Konstellationen verfolgten sie doch ein gemeinsames musikalisches Konzept: "Wir haben einfach die Instrumente genommen, die zur Verfügung standen. Ich spielte, was rum lag: Keyboard, Mandoline, Bass, Klanghölzer, Tröten oder Flöten. Wir benutzten einen luftgefüllten Gummi, der interessante Töne hervorgebracht hat." Was dabei an Musik herauskam und an schlichtem Krach, wurde auf Cassette aufgenommen, von Cassette zu Cassette kopiert und unter Freunden und anderen Musikern verteilt."Magnetbanduntergrund" haben Alexander Pehlemann und Ronald Galenza diese Szene genannt, der sie jetzt einen hoch lesenswerten, liebevoll herausgegebenen Sammelband widmen. Entstanden ist sie Ende der Siebzigerjahre, vor allem in Berlin: ermöglicht durch die wachsende Verfügbarkeit von Audio-Cassetten, der ersten Computer und elektronischen Musikinstrumente; beherrscht von Bastlern und Tüftlern, von Experimentierern und Expressionisten.Auf einer dem Buch beigelegten Doppel-CD kann man sich einen Eindruck von den Ergebnissen verschaffen: Die "anderen Bands", wie sie sich selber nannten, klingen zwanzig Jahre später so aktuell und modern wie nichts sonst, was in der DDR an Popmusik produziert wurde. Bei allem erzwungenen und programmatischen Dilettantismus experimentierten sie einfallsreich und reflexiv mit Sounds und mit Rhythmen, Klangkörpern und Lyrik - diametral entgegengesetzt dem staatlich geförderten, handwerklich kompetenten, aber musikalisch einfallslosen Allerweltsrock von Gruppen wie Silly oder Karat; aber auch in bewusster Distanz zu dem Ende der Siebzigerjahre kurz erblühenden DDR-Punk mit Bands wie Schleim-Keim, Namenlos oder Wutanfall.Wie diese traten die Magnetbandleute ohne Genehmigung in Wohnzimmern, Hinterhöfen und Schrebergärten auf. Doch war ihnen die Punk-typische Beschränkung auf Gitarre, Bass und Schlagzeug zu eng; lieber lötete man sich neuartige Instrumente im Hobbykeller zusammen. In vielem ähnelte dies den zeitgleich entstehenden Post-Punk-Szenen im Westen: dem Industrial, der New Wave, den "Genialen Dilletanten", die sich Anfang der 80er in West-Berlin formierten. Ähnlich wie dort Die Tödliche Doris und die Einstürzenden Neubauten, bewegten sich die DDR-Bands im Bereich zwischen Pop und Bildender Kunst. In der Band Zwitschermaschine spielte die Malerin Cornelia Schleime mit dem Dichter Sascha Anderson; bei "Etzel in Mecklenburg" verlas Bert Papenfuß seine Gedichte zu uferlosen ProgRock-Improvisationen."Wir nannten unsere Musik Gedämpel", so Flake Lorenz - eine treffende Beschreibung auch für das kurze Solokonzert, das er am Freitag in der Volksbühne gab. Hier wurde das Erscheinen des Buches mit einem großen Veteranen- und Familientreffen gefeiert, bei dem man zum Beispiel auch Frank "Trötsch" Tröger wiederhören konnte, den ehemaligen Sänger von Die Firma, oder die aus Karl Marx Stadt stammende Knut Baltz Formation um den Künstler Florian Merkel. Die Band Die Gehirne spielte eine Art Free-Jazz-Space-Improvisation, zu der eine Sängerin namens Mimi konzepthysterisch extemporierte. Ornament & Verbrechen, die erste Band der Gebrüder Ronald und Robert Lippok, bot mit Schlagzeug, Theremin und diversen Saiteninstrumenten eine Art analogen Trance Techno dar.Keine von den Gruppen, die sich für diesen Abend versammelten, ist noch in ihrer ursprünglichen Form existent; aber während der alte Mainstream im selbstgewählten Ostrock-Ghetto verwest, ist die Strahlkraft der Cassettenszene in die Gegenwart enorm. Die Lippoks avancierten mit To Rococo Rot und Tarwater ebenso zu wichtigen Protagonisten des elektronischen Pop wie Frank Bretschneider von der Band AG. Geige, der heute mit Carsten Nicolai das Label Raster-Noton betreibt. Flake Lorenz schließlich wurde mit der Band Rammstein weltberühmt: Mit ihr schuf der heitere Typ von der Magdalene Keibel Combo in den 90ern den brutaldeutschen Klang der Neuen Zeit, Soundtrack für No-Go-Areas und brennende Flüchtlingsheime. Davon ist in dem Buch von Pehlemann und Galenza nicht die Rede, war es auch in der Volksbühne nicht. Ist es eine andere Geschichte?------------------------------Magnetbanduntergrund 1979 - 1990"Spannung. Leistung. Widerstand. Magnetbanduntergrund DDR 1979 - 1990" heißt das von Alexander Pehlemann und Ronald Galenza herausgegebene, im Berliner Verbrecher Verlag erschienene Buch, das mit Porträts, Erinnerungs-Essays und Interviews die Berliner Cassettenszene rekonstruiert (192 Seiten, 29,90 Euro).Zu den Gesprächspartnern gehören Christian "Flake" Lorenz, Sascha Anderson, Bo Kondren, Ronald und Robert Lippok und Alfred Hilsberg.Dem Buch beigelegt sind 2 CDs mit größtenteils unveröffentlichten Musikbeispielen, die von Bert Papenfuß, Ronald Lippok, Bo Kundren und Bernd Jestram zusammengestellt wurden.Zu hören sind u.a. Der Schwarze Kanal, Magdalene Keibel Combo, Erweiterte Orgasmus Gruppe, Stoffwechsel, Ihr Arschlöcher, Ornament & Verbrechen, Frigitte Hodenhorst Mundschenk, Aufruhr zur Liebe, Herbst in Peking, Die Gehirne und Zwitschermaschine.------------------------------Foto : Christian "Flake" Lorenz - damals: Magdalene Keibel Combo, heute: Rammstein - in der Nacht zum Sonnabend im Roten Salon der Volksbühne.

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