Die Szene ist jedem geläufig, der die Filmkomödie "Schtonk" gesehen hat: Tagebuchfälscher Dr. Knobel (alias Uwe Ochsenknecht) ringt um die richtigen Führerworte, besinnt sich auf sein Bauchgefühl und vermeldet "Blähungen im Darmbereich". Die skurrile Kinoversion von Schriftimitator Konrad Kujau prägte das Bild, das man sich gemeinhin von den gefälschten Hitler-Tagebüchern macht: eine Sammlung von Banalitäten, die historisch selbst dann unerheblich gewesen wären, hätten sie tatsächlich von Hitler gestammt - umso lächerlicher, dass das Hamburger Wochenmagazin Stern Millionen dafür zahlte.Auch Michael Seufert, der soeben ein Buch über den Presseskandal vorgelegt hat, findet nur langweilig, was Kujau zu Papier brachte und an Stern-Reporter Heidemann verkaufte. Man fragt sich, wie das Magazin es damals eigentlich schaffte, mit lauter Banalitäten zwei ganze Titelgeschichten zu füllen - dazu noch unter der Ankündigung, die NS-Geschichte müsse nun "in großen Teilen neu geschrieben werden".Wer sich die beiden berüchtigten Stern-Ausgaben vom April 1983 im Archiv besorgt, entdeckt Erstaunliches. Schon ein erstes Durchblättern offenbart: Eine Peinlichkeit wäre diese Story selbst dann gewesen, wenn die Tagebücher echt gewesen wären. Das Magazin hatte sich alle Mühe gegeben, um den Führer gut ins Bild zu setzen: Hitler auf dem Berghof, Hitler im Bunker, Hitler in Festungshaft, Hitler im Reichstag, Hitler mit Mussolini, Hitler mit Hess. Man könnte meinen, die Bildredaktion des Stern sei damals von Leni Riefenstahl übernommen worden. Fotos von NS-Opfern finden sich keine.Doch nicht nur das optische Beiwerk könnte den Leser auf die Idee bringen, dass Hitler mit den hässlichen Seiten des Dritten Reiches vielleicht gar nicht so viel zu tun hatte. Das legen auch einzelne Tagebuch-Einträge nahe, die im Faksimile abgedruckt sind. Kujaus Hitler sorgte sich keineswegs nur um seine Verdauung. Am 10. November 1938 etwa, dem Tag nach der "Reichskristallnacht", heißt es: "Die Kundgebungen gegen Juden im Reich nehmen überhand ... mir wird von einigen unschönen Übergriffen einiger Uniformträger gemeldet, an einigen Orten auch von erschlagenen Juden und jüdischen Selbstmorden. Sind diese Leute denn verrückt geworden?"Gewiss - es ging Kujau-Hitler nach dem Pogrom vor allem um den wirtschaftlichen Schaden ("allein schon an Glas") und die Meinung des Auslands. Aber sprach aus seinen Worten nicht auch Mitgefühl? Vier Seiten weiter stößt der Stern-Leser auf die nächste historische Neuigkeit - 11. November 1939: Hitler verdächtigt SS-Chef Himmler, hinter dem Attentat im Bürgerbräukeller zu stecken. Kein Wunder: Zwischen den beiden gibt es ein schweres Zerwürfnis, weil Hitler befohlen hat, dass der Bevölkerung im besetzten Polen kein Haar gekrümmt werden dürfe. Verblüffend? So steht es im Tagebuch.Schließlich der "Fall Hess": Der Führer-Stellvertreter startete seinen geheimnisumwitterten England-Flug 1941 mit vollem Wissen Hitlers. Ihr gemeinsamer Plan: Friedensgespräche mit London. Das enthüllte die Stern-Nummer vom 5. Mai 1983. Weil der Tagebuch-Schwindel bereits am nächsten Tag aufflog, blieb der größte Knüller unveröffentlicht: Hitlers "Plan der Endlösung der Judenfrage". Auch dazu hatte Kujau eine Schrift für Heidemann angefertigt. Ihr Inhalt: Noch 1942, nach der Wannsee-Konferenz, beabsichtigt Hitler, einen Teil Ungarns mit Juden zu besiedeln - von den Gaskammern, die gerade in Betrieb gehen, scheint er nichts zu ahnen.Die britische Historikerin Gitta Sereny recherchierte 1983 für die Sunday Times die Hintergründe der Fälschungsaffäre. Sie entdeckte in den Tagebüchern einen inhaltlichen Grundtenor: "ein unschuldiger Hitler, von anderen verraten". Bis heute ist Sereny überzeugt, dass Kujau nicht allein handelte. Vielmehr habe ihn ein Gruppe von Altnazis (darunter der SS-General Wilhelm Mohnke) zu den Fälschungen angestiftet, um Hitler so von der Schuld am Judenmord reinzuwaschen.Bewiesen ist das nicht. Denkbar auch, dass Kujau aus eigenem Antrieb am Hitler-Image feilte. Immerhin hatte der Stuttgarter NS-Devotionalien-Händler nicht nur beste Kontakte zur braunen Szene, sondern offenbar auch selbst einen Drall nach rechts. Häufig soll er damals in einer alten SS-Uniform durch die Kneipen gezogen sein und gegen Juden gepöbelt haben - so war es jedenfalls 1983, nach Aufdeckung des Skandals, wiederum im Stern zu lesen. Heute dagegen hält man Kujau gemeinhin für ein unpolitisches Schlitzohr, das allein aus Geldgier Hitler-Imitate schuf.Diesen Eindruck vermittelt auch das Buch von Ex-Stern-Redakteur Seufert. Es beleuchtet vor allem das Agieren Heidemanns und die internen Vorgänge beim Stern, kaum aber die Rolle Kujaus im rechtsradikalen Milieu. Was man dabei glatt vergessen könnte: Der Stern hat 1983 nicht nur Falschware als Weltsensation verkauft - er hat sich auch dazu instrumentalisieren lassen, ein aufgehübschtes Hitler-Bild zu verbreiten. Das aber war der eigentliche Skandal.------------------------------Michael Seufert: Der Skandal um die Hitlertagebücher.Scherz, Frankfurt am Main 2008. 319 S., 14,90 Euro.------------------------------Von den Gaskammern, die gerade in Betrieb gehen, scheint Kujaus Hitler nichts zu ahnen.