Einen Tag nach der Besetzung Dänemarks durch deutsche Truppen im Frühjahr 1940 schrieb Werner Heisenberg einen Brief an den Hamburger Physikochemiker Paul Harteck. Harteck war im Rahmen des geheimen deutschen Atomforschungsprogramms unter anderem für die Gewinnung von Schwerem Wasser in Norwegen zuständig und wohl einer der entschiedensten Förderer des deutschen Kernforschungsprogramms. In dem Brief bittet Heisenberg seinen Hamburger Kollegen, ihn oder seinen Schüler Carl Friedrich von Weizsäcker mit auf Dienstreise nach Norwegen zu nehmen - um auf dem Wege dorthin in Kopenhagen Station zu machen, "wobei v. Weizsäcker (oder ich) Besprechungen erledigen könnte, die wegen des dortigen Institutschefs von Wichtigkeit sind".Das Dokument wirft ein neues Licht auf jene Begegnung Heisenbergs mit seinem Lehrer, dem dänischen Physiker Niels Bohr, die jüngst wieder ins Gerede gekommen ist. Im September 1941 war Heisenberg nach Kopenhagen gereist, um Bohr zu sprechen; das Treffen endete im Zerwürfnis. Die Papiere Bohrs, die das Niels-Bohr-Archiv in diesem Februar dazu veröffentlicht hat, haben an der Lauterkeit von Heisenbergs Auftreten Zweifel geweckt. Wollte er Bohrs Wissen für den Bau einer deutschen Atombombe nutzen?Sorge um Bohrs Wohlergehen Wie der neu aufgetauchte Brief zeigt, plante Heisenberg offenbar schon fast eineinhalb Jahre vor seiner ominösen Reise im September 1941 ein Zusammentreffen mit Bohr. In einem Interview mit dem Autor äußerte Weizsäcker als Hauptgrund für die Reise die Sorge um Bohrs Wohlergehen. Heisenberg und sein Intimus Weizsäcker wollten wissen, ob man Bohr helfen müsse, Dänemark zu verlassen, oder ob man zumindest etwas zu seinem Schutz veranlassen könne. Aus bisher noch ungeklärten Gründen kam es jedoch zunächst nicht zu einem Treffen mit Bohr.Erst im Frühjahr 1941 gelang es Weizsäcker, eine eigene Vortragsreise nach Kopenhagen zu nutzen, um Heisenbergs Besuch vorzubereiten. Er schlug den deutschen Stellen in Kopenhagen vor, eine Tagung über Astrophysik zu veranstalten. Zu dieser müsste dann auch Heisenberg eingeladen werden, dem sich so die Möglichkeit zu einem Treffen mit Bohr böte. Darüber hinaus versuchte er den seiner Familie gut bekannten deutschen Gesandten in Kopenhagen, Cecil von Renthe-Fink, zu veranlassen, etwas zum Schutz von Bohr zu unternehmen. Doch Renthe-Fink entgegnete, dass Bohr jeglichen Kontakt mit ihm ablehne."Freie Straße zur Atombombe" Der im September 1939 unter der Leitung des Heereswaffenamtes zum ersten Mal zusammengekommene "Uranverein" sollte erforschen, wie sich die Uranspaltung militärtechnisch ausnutzen ließe. Zwar liest man in den geheimen Forschungsberichten immer wieder auch von "Sprengstoffen", die "um viele Größenordnungen den derzeitig in Verwendung befindlichen überlegen" sind. Doch war den beteiligten Wissenschaftlern klar, dass der Bau einer Atombombe allein schon wegen der technischen Schwierigkeiten zunächst unrealistisch war.Es existierte weder ein funktionierendes Verfahren zur Trennung des für eine Bombe notwendigen Spaltstoffs Uran-235, noch wusste man genau, wie viele Kilogramm oder gar Tonnen Spaltstoff für eine Atombombe notwendig sein würden. Das hieß, dass man tausende, wenn nicht hunderttausende von solchen, erst noch zu entwickelnden Anlagen, benötigen würde. Daher konzentrierte man sich zunächst auf den Bau einer energieproduzierenden "Uranmaschine" (das Wort "Kernreaktor" kam erst nach dem Krieg auf), die sich dann etwa als Antrieb für U-Boote eignen würde.Im Dezember 1939 hatte Heisenberg die theoretischen Grundlagen für einen solchen "Uranbrenner" erarbeitet. In der Folge begann er in seinem Leipziger Institut mit Versuchen zur kontrollierten Freisetzung der nuklearen Energie. Im Verlauf des Jahres 1941 zeigten seine Experimente, dass eine mit Natururan und Schwerem Wasser betriebene Uranmaschine in absehbarer Zeit funktionieren würde. Schon im Juni 1940 jedoch hatten theoretische Überlegungen Weizsäckers gezeigt, dass beim Betrieb eines solchen Reaktors atombombenfähiges Spaltmaterial (Plutonium) entstünde, das chemisch leicht zu separieren wäre. Heisenberg sah nun - zumindest im Prinzip - "eine freie Straße zur Atombombe". Im Gegensatz dazu hatte Bohr 1939 geschlossen, dass aus Natururan wohl kein wesentlicher Anteil von Kernenergie gewonnen werden konnte.Der Sieg der Deutschen Auf Einladung des von den deutschen Machthabern zu Propagandazwecken gegründeten so genannten "Deutschen Wissenschaftlichen Instituts" (DWI) reiste Heisenberg zusammen mit Weizsäcker im September 1941 ins besetzte Kopenhagen. Die Veranstaltungen des DWI wurden von Bohr boykottiert und Heisenbergs Vortrag dort mit Argwohn betrachtet. Aage Bohr, der Sohn von Niels Bohr, erinnert sich später, dass Heisenberg bei Tischgesprächen mit seinem Vater und dessen Mitarbeitern auch über die damalige militärische Lage gesprochen hat.Heisenberg soll dabei geäußert haben, er gehe davon aus, dass Deutschland den Krieg gewinnen würde. Das ist wenig erstaunlich: Halb Europa war von deutschen Truppen besetzt, und die Wehrmacht war auf dem Vormarsch nach Moskau. Darüber hinaus konnte es sich Heisenberg in der Öffentlichkeit gar nicht leisten, an einem deutschen Sieg zu zweifeln.Als sich schließlich während eines Spaziergangs mit Bohr die Gelegenheit zu einem Gespräch unter vier Augen ergab, mag Heisenberg das Gespräch auf Weizsäckers Vorschlag hin mit der Bemerkung begonnen haben, dass es sich für Bohr lohnen würde, mit dem deutschen Gesandten in Verbindung zu treten. Das wird Bohr verständlichweise so aufgefasst haben, dass Heisenberg von Anfang an die Absicht hatte, ihn mit deutschen Stellen in Kontakt zu bringen. Ein Missverständnis war programmiert. Nach der vor kurzem veröffentlichten Bohr schen Version des Gespräches soll Heisenberg seine Überzeugung geäußert haben, dass der Krieg, sollte er lange genug dauern, durch atomare Waffen entschieden würde. Heisenberg selbst schreibt in seinen Erinnerungen, dass er Bohr gegenüber anzudeuten versucht hatte, dass Atombomben grundsätzlich machbar seien.Fest steht, dass Heisenberg das heikle Thema Atombombe ansprach. Heikel war das Thema, weil Heisenberg Mitarbeiter eines geheimen nuklearen Wehrmachtforschungsprogramms war, und weil sich die Möglichkeit einer Atombombe abzeichnete. Heisenberg wird sich daher sehr vorsichtig ausgedrückt haben. Das muss Bohr, wie man in den jetzt frei gegebenen Dokumenten nachlesen kann, zu dem Eindruck verleitet haben, sein ehemaliger Schüler arbeite mit Hochdruck an einer Atombombe. Tatsächlich aber gab es in Deutschland zu keinem Zeitpunkt ein konkretes Atombombenprogramm. Stattdessen richteten sich alle Anstrengungen auf die Konstruktion eines funktionierenden Reaktors.Erstaunliche Naivität Ob Heisenberg Bohr nur um "väterlichen" Rat fragen wollte oder ob er ihn wirklich zur konspirativen Zusammenarbeit zwecks Verhinderung einer Atombombe überreden wollte, bleibt nach wie vor ungeklärt. Sicher ist, dass Bohr das Gespräch abrupt beendete und man in eisiger Atmosphäre auseinander ging. Von Weizsäcker wenige Minuten später nach dem Verlauf des Gesprächs gefragt, antwortete Heisenberg: "Du, ich glaube, es ist völlig schief gegangen. " Bohrs schroffe Reaktion und sein Ärger über Heisenbergs tastenden Vorstoß - der auch in den fast zwei Jahrzehnte später von Bohr verfassten Briefentwürfen noch spürbar ist - wird verständlich, wenn man sich vor Augen hält, dass Bohr nicht zwischen den öffentlichen und privaten Äußerungen Heisenbergs trennen konnte oder vielleicht auch nicht trennen wollte.Doch das missglückte Gespräch war mehr als nur ein kommunikativer Störfall. Es offenbart ein Maß an politischer Naivität und einen Mangel an Feingefühl von Seiten Heisenbergs, die schon erstaunlich sind. War er sich nicht bewusst, dass er in den Augen der dänischen Physiker nicht als Freund und Beschützer, sondern als Repräsentant der verhassten deutschen Besatzungsmacht kam? Auch hatte er mit seinem Auftreten in Bohrs Institut - ob nun bewusst oder unbewusst - kaum Distanz zu den nationalsozialistischen Machthabern erkennen lassen.Für Bohr bot sich vor dieser emotionalen Kulisse Anlass genug für Missverständnisse und Irritationen, und so war ein gegenseitiges Verständnis von vornherein ausgeschlossen. Als Weizsäcker nach dem Krieg Bohr in den USA besuchte, fragte er ihn auch nach dem Inhalt seines Gesprächs mit Heisenberg. Darauf antwortete Bohr: "Ach, lassen Sie das doch. Es ist mir doch völlig klar, dass im Krieg jeder Mensch seine erste Priorität gegenüber seinem Vaterland hat. " Kein Einzelfall Heisenbergs Reise nach Kopenhagen war im Übrigen kein Einzelfall. Während des Krieges hat er eine Reihe ähnlich kontroverser Reisen in von deutschen Truppen besetzte Länder unternommen, in denen er es an der gebotenen Sensibilität vermissen ließ. So soll er etwa bei einem Besuch der Niederlande im Oktober 1943 - also nur kurze Zeit nach der Deportation der holländischen Juden - einem dortigen Kollegen gegenüber geäußert haben: "Die Demokratie kann nicht genügend Kraft entwickeln, um Europa zu beherrschen. Deshalb gibt es nur zwei Möglichkeiten: Deutschland und Russland. Und dann wäre vielleicht ein Europa unter deutscher Führung das kleinere Übel. " Auch wenn sich viele deutsche Wissenschaftler heute gerne als Gegner oder sogar Opfer des Naziregimes sehen, so waren sie doch Teil der Täter-, Zu- und Wegschauergeneration. Durch ihre Lehr- und Forschungstätigkeit, insbesondere aber durch ihren vorauseilenden Gehorsam und ihren moralischen Tunnelblick haben sie ebenso zur Systemstabilisierung beigetragen wie die Funktionseliten aus Justiz, Wirtschaft und Militär. Der nun aufgetauchte Brief zeigt zwar, dass der Schutz von Bohr einer der Hauptgründe für Heisenbergs Reise war, doch steht Heisenbergs Verhalten während des Dritten Reiches heute vor allem für die Kontinuität des moralfreien Pragmatismus wie sie leider für die meisten Wissenschaftler (nicht nur) in Diktaturen typisch war und ist.Michael Schaaf ist Wissenschaftshistoriker und Verfasser des Buches "Heisenberg, Hitler und die Bombe. Gespräche mit Zeitzeugen", GNT Verlag, Berlin 2001. 154 S. , 22,50 Euro."Du, ich glaube, es ist völlig schief gegangen. " Werner Heisenberg zu Weizsäcker über das Treffen mit Bohr.AKG Nachbildung des Kettenreaktors im Atomkeller-Museum in Haigerloch. Dort beschäftigten sich 1944/45 deutsche Atomphysiker, unter ihnen Heisenberg und Weizsäcker, mit der Energiegewinnung aus Kernspaltung.