LEIPZIG. Der Italiener Sandro Donati verfügt über ein Talent, das Spezialisten eher selten eigen ist: Dem Antidoping-Fachmann genügt oft ein einziger Satz, um das System vorzuführen. Vor einer Woche sagte er auf der Konferenz Play the Game wieder so einen schönen, klaren Satz: "Die Sportverbände mögen keine Kinder." Donati, der in seiner Heimat schon Dopingärzte auffliegen ließ, als in Deutschland die Freiburger Sportmedizin noch in göttergleichem Weiß strahlte, sprach über den Umgang mit Rekorden. Die meisten seien "Resultate der Dopingkultur". Mit solchen Orientierungsmarken verlangten die Verbände von Kindern und Jugendlichen doch dies: "Künftig noch mehr zu dopen als die aktuellen Rekordhalter." Der Italiener forderte also: "Löscht sie alle!"Das wäre die einfachste Lösung, passend zum ausgerufenen Null-Toleranz-Antidopingkurs, doch die Welt des Sports ist nicht so einfach und in der Frage vergifteter Rekorde, unüberwindlich wie einst die Berliner Mauer, sogar überaus tolerant. Das bekam die einstige Sprinterin Ines Geipel zu spüren. Sie stellte im Sommer 2005 den Antrag, ihren Namen aus dem 4 x 100-Meter-Weltrekord der Vereinsstaffeln zu streichen. Diese Bestmarke des SC Motor Jena war, gerichtsfest seit dem Hauptprozess um das ostdeutsche Zwangsdoping, das Resultat krimineller Körperverletzung. Damit handelte die Berliner Professorin dem Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) eine sportpolitische Bombe ein, den der allerdings als eine Art rechtmäßigen Knallfrosch erledigen wollte.Still und leiseEine DLV-Kommission befand im vorigen Jahr, die Löschung vergifteter Bestmarken sei "aus juristischen Gründen nicht möglich". So steht es seit Mai 2006 in der Präambel zur DLV-Rekordliste. Sie führt mehr als 130 anabol verdächtige Bestmarken aus Ost und West, darunter 17 Weltrekorde und 80 deutsche Nachwuchsrekorde.Still und leise korrigiert sich der Verband nun. Die Stuttgarter Sportrechtler Christoph Wüterich und Marius Breucker erreichte jetzt ein neues Gutachten. Der Gießener Sportrechts-Professor Jens Adolphsen erstellte es im DLV-Auftrag, und seine zentrale Botschaft fasst Wüterich so zusammen: "Die Behauptung, Rekordlöschung sei juristisch unmöglich, ist nicht mehr haltbar." Das Papier ging an Wüterich, denn allein seiner Kanzlei war es zu verdanken, dass die unbequeme Rekordfrage nicht verschwand. Im Mai widersprach er dem DLV mit einer 32-seitigen Expertise und wurde von Richard Pound gestützt. "Wenn Doping bewiesen ist", belehrte Pound, Chef der Weltantidopingagentur Wada, die Deutschen über den Wert der Gerichtsakten, "sollten Rekorde auch ohne positive Probe gestrichen werden".Diese Aussage beeindruckte sogar den DLV-Präsidenten Clemens Prokop, der daraufhin eine weitere Prüfung durch "zwei externe Gutachter" ankündigte. DLV-Gutachter Adolphsen stellt nun tatsächlich eine Rekordlöschung in Aussicht, auch wenn er noch einige Einwände formuliert.Wüterich hatte etwa die Streichung von Rekorden nicht als Sanktion gegen Athleten gewertet, sondern als "Ordnungsmaßnahme des Verbandes" zum Schutz ungedopter Sportler. Ein wichtiger Punkt, denn Strafen können nicht gegen Athleten verhängt werden, die den Verbandsregeln nicht mehr unterworfen sind. Adolphsen hält diese Frage im Konjunktiv. Bei Rekordaberkennung "könnte es sich um eine verbandliche Ordnungsmaßnahme handeln", und wäre das so, dann sei "durchaus denkbar", selbige auch "gegenüber nicht mehr regelgebundenen Sportlern zu bejahen".Adolphsen bezweifelt jedoch, ob das nach internationalen Wettkampfregeln gültige allgemeine Dopingverbot vor Gericht als Grundlage für Rekordlöschung anerkannt würde. Warum systematisches Doping kein Regelverstoß gewesen sein soll, führt das Gutachten nicht aus. Adolphsen merkt an, seine Stellungnahme diene nicht dazu, "abschließend zu beurteilen, ob die Streichung von Rekorden als Einzelfallentscheidung möglich ist". Dies scheine aber "nicht völlig ausgeschlossen". Trotz aller Bedenken "wankt die Bastion der Rekordverteidiger", sagt Wüterich. Solches Vokabular kann, passend zum Jubiläumstag, tröstlich sein: Bis die Mauer wankte und dann fiel, dauerte es 27 Jahre. Die älteste der ewigen Bestmarken, der Weltrekord aus Jena, steht 23 Jahre, und ist schon auf das Kuriosum einer Dreierstaffel gebröckelt: Als Ines Geipel Klage androhte, um ihren Namen zu tilgen, ließ der DLV alle Bedenken bezüglich "nicht mehr regelgebundener Athleten" sausen und ersetzte ihn durch ein Sternchen.Zeitig und klarWie geht es jetzt weiter? Wann werden die Rekorde gelöscht? Leichtathletik-Präsident Prokop übermittelte das Adolphsen-Gutachten mit dem Hinweis, dass der Mainzer Sportrechtler Ulrich Haas "Ausführungen von Herrn Adolphsen teilt". Haas gehörte bislang zu den Gegnern einer Rekordstreichung. Prokop hingegen hatte schon zeitig einen dieser seltenen klaren Sätze gefunden: "Mein Ziel bleibt, dass Rekorde, die mit Doping aufgestellt wurden, aus den Listen gelöscht werden."------------------------------"Die Sportverbände mögen keine Kinder." Sandro Donati------------------------------Foto: 47,60 Sekunden, eine Zeit aus einer anderen Zeit: Marita Koch nach ihrem 400-m-Weltrekord 1985 in Canberra.