BERLIN. Sie heißen Roxana, Violeta oder Cocolina - insgesamt 77 Prostituierte haben eine Anzeige in den gestrigen Ausgaben der Frankfurter Rundschau und der Süddeutschen Zeitung unterzeichnet, in der sie fordern, es solle endlich "Schluss mit dem Kesseltreiben" gegen sogenannte Flatrate-Bordelle sein. Der Verein Dona Carmen hat die etwa 25 000 Euro teure Anzeige geschaltet, weil die Prostituierten vor allem im süddeutschen Raum "systematisch als dumm und unbedarft dargestellt werden", wie die Sprecherin Rosina Juanita Henning der Berliner Zeitung sagte.Empörung im LändleAnlass zu solchem Ärger gab es in letzter Zeit genug. Anfang Juni hatte in Fellbach bei Stuttgart das Bordell Pussy Club eröffnet. Freier können zum Pauschaltarif von 70 Euro in dem Freudenhaus angeblich uneingeschränkt die Dienste der Prostituierten in Anspruch nehmen, Essen und Trinken inklusive. Andere Niederlassungen des Clubs finden sich in Heidelberg, Wuppertal und Berlin-Brandenburg.Vor allem in Baden-Württemberg war die Empörung über das Geschäftsmodell groß. Menschenrechtsorganisationen, Bürgerinitiativen, Lokalpolitiker sowie Innenminister Heribert Rech (CDU) bezeichneten das Flatrate-Prinzip als "unmenschlich", "ausbeuterisch" und "menschenverachtend". Der günstige Preis lege nahe, so der Minister, dass die Frauen dort ausgenutzt werden würden. Nachgegangen wurde den Vorwürfen gegen die Flatrate-Bordelle aber bisher nicht. Die Landesregierung prüft rechtliche Schritte. Tatsächlich kann die aggressive Werbung des Clubs eine solche Betrachtungsweise nahe legen: Angeboten wird "Sex mit allen Frauen! So lange, so oft und wie du willst!". Die Betreiberin des Berliner Clubs, Patricia Floreiu, versichert auf ihrer Internet-Seite, die Damen in ihrem Unternehmen würden als selbstständige Subunternehmerinnen in einem zweimonatigen Vertragsverhältnis arbeiten. Jede Prostituierte entscheide selbst, ob und welche sexuellen Handlungen sie mit einem Gast vornehme.Die 25-jährige Club-Chefin sieht in der begrenzten Potenz der Männer auch einen Vorteil für die Frauen. "Der Mann überschätzt sich gern", sagte sie einem Magazin, mehr als zwei Mal könne kaum einer. Die Prostituierten verdienen eine Tagespauschale von 100 oder 200 Euro, je nach Serviceumfang - auch an Tagen, an denen wenig Kundschaft kommt.In Brandenburg wird der Aufruhr um die Flatrate-Freudenhäuser gelassen genommen. Udo Haase, der Bürgermeister der Gemeinde Schönefeld, in dessen Verwaltungsbezirk die Brandenburger Niederlassung des Pussy Clubs liegt, sieht keinerlei Grund zur Empörung und meint, in Schönefeld sei alles "völlig entspannt. Null Beschwerden. Null Vorkommnisse". Solange ordentlich Steuern bezahlt würden, so der Bürgermeister, "ist alles im grünen Bereich". Mittlerweile hat in Schöneberg ein anderes Bordell das Flatrate-Konzept übernommen.Genau diese Sorge hat das Aktionsbündnis gegen Sex-Flatrates. Sprecherin Beate Pollert-Ebinger befürchtet, das Beispiel werde Schule machen, die Bordelle würden sich irgendwann Rabattschlachten liefern und alles werde auf eine Art Sex-Discounter hinauslaufen. "Eine Flatrate für Frauenbenutzung finde ich menschenunwürdig", sagte Pollert-Ebinger dieser Zeitung.In Baden-Württemberg versucht man nun den Flatrate-Bordellen beizukommen, notfalls auch auf Umwegen. Der Heidelberger Club sollte geschlossen werden, weil der Bebauungsplan keine "Vergnügungsstätten" zulasse, erklärte die Verwaltung. Außerdem laufe ein Ordnungswidrigkeitsverfahren wegen aggressiver Werbung, so eine Sprecherin der Behörden. Das Verwaltungsgericht will nun "nach Vorlage der Akten durch die Stadt Heidelberg eine Entscheidung treffen". Bis die Entscheidung gefallen ist, bleibt der Club geöffnet.------------------------------Rechtlich anerkanntEtwa 400 000 Frauen arbeiten in Deutschland als Sexarbeiterinnen, schätzt die Berliner Prostituiertenorganisation Hydra. Fachberatungsstellen gehen davon aus, dass mehr als die Hälfte der Prostituierten ausländischer Herkunft ist.Seit das Prostitutionsgesetz vor sieben Jahren in Kraft trat, wird Sexarbeit hierzulande als sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis anerkannt. Seitdem können Prostituierte sowohl in die gesetzliche Krankenkasse als auch in Arbeitslosen- und Rentenversicherung aufgenommen werden.Als Arbeitnehmerinnen können sie ihren Lohn nun auch gerichtlich einklagen. Vor 2002 wurde Prostitution als sittenwidrig angesehen und war somit kein gültiges Rechtsgeschäft.Ihre Zuhälter dürfen als Arbeitgeber nicht die Erfüllung bestimmter Praktiken oder die Bedienung eines bestimmten Kunden verlangen. Sie können lediglich Ort und zeitliche Dauer der Tätigkeit bestimmen.------------------------------Foto: Noch gibt es wenige Flatrate-Bordelle in Deutschland, es könnte aber ein erfolgreiches Geschäftsmodell werden.

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