Ein neues Schutzkonzept für Georgiens Natur soll die Umwelt bewahren und dem Land wieder eine Perspektive geben: Nationalparks für das tägliche Brot

Die reich verzierten Stuckhäuser in Georgiens Hauptstadt Tbilissi bieten einen seltsamen Anblick: Auf vielen Balkons dort stapeln sich Brennholzvorräte. Der Grund dafür ist die katastrophale Lage der Energieversorgung, im Winter gibt es oft nur vier bis fünf Stunden Strom am Tag. Damit aber bleiben die Wohnungen nicht nur dunkel, sondern vielfach auch kalt. In vielen Gebäuden steht ein Holzofen neben der üblichen Elektroheizung. Den Brennstoff dafür holen viele Georgier aus den Wäldern - Nationalpark hin oder her."In diesen Zeiten habe ich keinen leichten Job", sagt Umweltministerin Nino Chkhobadze den Journalisten, die von der Umweltschutzorganisation WWF nach Georgien eingeladen wurden. Die Region im südlichen Kaukasus gilt als Schatzkammer der Artenvielfalt, die auf der Liste der weltweit schützenswerten Gebiete ganz weit oben steht. Doch in diesen Tagen treibt die zunehmende Armut viele Menschen in die Naturschutzgebiete: Wilderei und illegales Holzfällen sind an der Tagesordnung. Rentner bekommen zum Beispiel umgerechnet etwa sechzehn Mark im Monat, dabei kostet schon eine Flasche Mineralwasser am Kiosk eine Mark. Da muss jeder sehen, wie er sich mit Nebeneinkünften über Wasser hält. Wer kann, baut auf einem kleinen Stück Land Obst und Gemüse an oder hält Nutztiere am Straßenrand.Angefangen haben die schweren Zeiten für die Georgier nach dem Ende der Sowjetunion. Vorher war der Lebensstandard in der Kaukasus-Republik relativ hoch, Georgien lieferte der UdSSR fast die gesamte Zitrusernte, Tee und hochwertige Weine. Doch dann brachen die Absatzmärkte und Rohstofflieferungen weg, bürgerkriegsähnliche Zustände Anfang der neunziger Jahre verschlimmerten die Situation zusätzlich. Das Bruttoinlandsprodukt ging zwischen 1990 und 1995 auf ein Viertel zurück. Die äußeren Anzeichen des wirtschaftlichen Niedergangs zeigen Verwaltungsgebäude mit Abbruchhaus-Charakter ebenso wie die marode Infrastruktur - von der Wasserversorgung bis zu vielen Straßen ist kaum noch etwas wirklich intakt.Das bekommt auch die Journalistengruppe zu spüren, sobald der Bus die Hauptstraßen verlässt. Im Schritttempo holpert das Fahrzeug über eine Schlaglochpiste durch das regionale Schutzgebiet Mtirala nahe der Schwarzmeerküste im Westen des Landes. Wildnis verbindet sich dort mit bescheidenem Dorfleben. Ungezähmt umspült ein kleiner Fluss rundgewaschene Felsblöcke und schüttet Kiesbänke auf. Etwas weiter flussauf gurgelt das Wasser durch eine Holzrinne und treibt eine kleine Getreidemühle an, einige weit verstreute Holzhäuser liegen inmitten von Bergweiden. Ringsum erstrecken sich dicht bewaldete Berghänge in einem ersten Anflug von Herbstfarben.Für Botaniker wie Zurab Manvelidze vom Botanischen Garten im nahe gelegenen Batumi ist Mtirala ein Paradies. Mindestens 2 000 Pflanzenarten sollen hier wachsen, davon 21, die es nirgendwo sonst gibt. 300 Spezies haben in dem günstigen Klima die letzte Eiszeit überdauert. "Wir finden hier eine einzigartige Kombination von Küstenvegetation und Hochgebirgswald", schwärmt Manvelidze. In Zukunft soll das regionale Schutzgebiet nach Vorstellung des WWF zum Nationalpark werden.Nationalparks gibt es im Kaukasus-Staat erst seit den neunziger Jahren. Sieben solcher Schutzgebiete hat der WWF seither geplant, fünf davon sind in verschiedenen Stadien der Umsetzung. "Wir wollen damit die schon bestehenden Reservate in moderne Schutzgebietsformen überführen", sagt Giorgi Sanadiradze, Direktor des 1990 gegründeten WWF Georgien. "Modern" heißt dabei: Anders als die zu Sowjetzeiten eingeführten Totalreservate sollen Nationalparks der Bevölkerung ein zusätzliches Einkommen verschaffen.Das Herzstück des neuen Schutzgebietssystems liegt etwa auf halbem Weg zwischen der Hauptstadt Tbilissi und der Schwarzmeerküste. Der 1995 ausgewiesene "Borjomi-Kharagauli-Nationalpark" (siehe Karte) schützt 680 Quadratkilometer Wildnis: riesige Wälder, steile Felswände und plätschernde Bäche. Steinadler und Luchse finden ebenso einen Lebensraum wie knapp vierzig Bären. Doch auch hier zeigen sich die typischen Probleme des georgischen Naturschutzes. Ganze 44 Exemplare des gefährdeten kaukasischen Rothirsches gab es im Jahr 2000. Ende der achtziger Jahre waren es noch 600 bis 700. Wilderer haben den Bestand dezimiert. Um Derartiges künftig zu unterbinden, sind in dem Gebiet inzwischen 46 Ranger unterwegs, auf Wilderei eines Hirsches stehen tausend Dollar Strafe."Das eigentliche Problem können wir aber nicht mit Rangern, sondern nur mit Regionalentwicklung lösen", betont WWF-Chef Sanadiradze. Im Umkreis der Schutzgebiete hat seine Organisation daher "Unterstützungszonen" festgelegt, in denen die Menschen vom Nationalpark profitieren sollen. Mit Entwicklungsmaßnahmen für den Naturschutz werben, lautet die Devise zum Beispiel im besonders armen Bezirk Kharagauli. Geld von der deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) und der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) hilft dort, Schulhäuser zu sanieren, die marode Trinkwasserversorgung wieder in Stand zu setzen, Brücken und Straßen auszubessern.Vor allem aber braucht die Bevölkerung Alternativen, die ein Überleben ohne Wilderei und Holzfällen ermöglichen. Konzepte dafür hat der Deutsche Udo Hirsch in Zusammenarbeit mit dem WWF und Entwicklungshilfeorganisationen erarbeitet.Biologischer Gartenbau und Ökotourismus - es dauerte eine Weile, bis sich die Dorfbewohner von solchen Ideen überzeugen ließen. Doch inzwischen zeigen sich erste Erfolge, die sich rasch herumsprechen. Besondere Hoffnungen setzt Hirsch in ein Projekt zur Vermarktung von Heilpflanzen. Denn der Kaukasus besitzt den größten Pflanzenreichtum Eurasiens - eine gut gefüllte Naturapotheke, deren Schätze die Menschen der Region seit Jahrhunderten zu nutzen wissen. Immer weniger Georgier können sich eine konventionelle medizinische Versorgung leisten. So ist die traditionelle Pflanzenmedizin heute aktueller denn je."Ein Potenzial, das man nutzen kann", findet Udo Hirsch. Seine Organisation "Cuna Georgica" hat zunächst eine Datenbank über die aktuellen Heilpflanzenvorkommen in Georgien erstellt. Knapp siebenhundert Arten haben die Botaniker inzwischen erfasst. Auf der Basis dieser Daten vergibt das Umweltministerium Lizenzen zum Sammeln der wertvollen Gewächse. Für nachweislich naturverträglich gesammelte Kräuter verleiht "Cuna Georgica" zudem ein Qualitätssiegel. Manche Arten wachsen inzwischen auch in den Gärten der Bauern. Internationale Pharmafirmen bestellen zum Beispiel Sanddorn und Ringelblumen. Direkt für den Endverbraucher sind die Kräuter, Marmeladen und Säfte gedacht, die der Cuna-Georgica-Versandhandel auch nach Deutschland liefert. Für diesen Versand trocknen in Kharagauli derzeit vier Tonnen Steinpilze in einem kleinen Spezialtrockner aus den Werkstätten der Universität Hohenheim. "Das alles sind kleine Schritte, die natürlich nicht das ganze Land sanieren können", sagt Hirsch pragmatisch. Doch jeder dieser Schritte macht Hoffnung. Und wie wichtig solche Zeichen gegen die Resignation sind, zeigt der Abend: Es wird dunkel in Kharagauli - und zwar richtig dunkel. Wieder mal gibt es heute keinen Strom.BLZ/KÜHL In Georgien gibt es erst seit den neunziger Jahren Nationalparks. Im Borjomi-Kharagauli-Nationalpark leben Steinadler, Luchse und kaukasische Rothirsche. Doch Wilderer haben viele Hirsche geschossen. Ein neuer Ansatz soll Tiere und Pflanzen schützen helfen. Er basiert darauf, dass die Bevölkerung die Ressourcen der Parks nutzen kann.KERSTIN VIERING Zwei Wildhüter (Ranger) von der Station Marelisi im georgischen "Borjomi-Kharagauli-Nationalpark". Die Station mit vier Rangern wird vom World Wide Fund for Nature (WWF) finanziert. Insgesamt wachen 46 Ranger in dem Nationalpark darüber, dass niemand die seltenen kaukasischen Rothirsche wildert oder illegal Brennholz schlägt.