BERLIN, im April. Willy King wurde begraben, wie er gestorben ist - allein und unbemerkt. In der Statistik wird er geführt als der dritte "Kältetote" des vergangenen Winters in Berlin. Willy King erfror vor dem Eingang zum Bahnhof Friedrichstraße mitten im Zentrum der Stadt. Ob jemand dem Todkranken in jener Nacht die Hilfe verweigerte, konnten Polizei und Staatsanwaltschaft nicht mehr klären. Das Sozialamt bezahlte seine Einäscherung und sorgte dafür, dass keiner seiner Freunde von der Beisetzung erfuhr. Willy King wurde im März auf einem anonymen Urnenfeld am Rande der Stadt bestattet - "normaler Auftrag ohne Trauerfeier", die kostengünstigste Variante. Eine "unbekannte Passantin", vermerkt das Polizeiprotokoll, fand den erfrorenen Mann in den frühen Morgenstunden des 24. Januar auf der Treppe zur U-Bahn, direkt neben dem Bahnhof Friedrichstraße. In der Nacht war das Thermometer auf zehn Grad unter null gesunken. Die Frau benachrichtigte den Wachschutz. Der alarmierte Polizei und Rettungswagen. Der Tote wurde in die Gerichtsmedizin gebracht.Er hatte einen Verkäuferausweis der Initiative "mob - Obdachlose machen mobil" in der Tasche, der ihn berechtigte, die "strassenzeitung" auf den Bahnhöfen der Stadt zu vertreiben. Die letzte Nummer, die Willy King noch in der Nacht, in der er erfror, verkaufte, trug den Titel "Schöner frieren". Keine Auskunft für die FreundeDie Pathologen stellten eine schwere Lungenentzündung fest, die der geschwächte, fiebernde Mann im Freien nicht hatte überleben können. Damit war das Todesermittlungsverfahren der Polizei abgeschlossen, der Fall für die Behörden erledigt. Der Rest war Routine: Das Sozialamt Tempelhof wurde für zuständig erklärt, das alle nicht aktenkundigen Sozialfälle mit Geburtsdaten zwischen dem 10. und 26. Juli bearbeitet.Unter dem Aktenzeichen K18/07/41 ist dort mit der Rechnung des beauftragten Bestatters das Ende der Existenz des Wilhelm König, wie er mit bürgerlichem Namen hieß, dokumentiert. Sein Leben passt auf ein paar Formblätter zwischen einen Aktendeckel. Willy King wurde 58 Jahre alt. Verwandte, denen man die Bestattungskosten hätte in Rechnung stellen können, ließen sich nicht finden.Willy Kings Familie waren die Mitglieder der Obdachloseninitiative "mob". Sie liefen nach seinem Tod Polizeidienststellen und Sozialämter ab, um etwas über die Todesumstände ihres Zeitungsverkäufers zu erfahren und Auskunft über Ort und Tag der Beisetzung zu erfahren. Doch die Behörden wiesen ihr Anliegen mit einem einzigen Satz immer wieder zurück: Sie sind mit dem Verstorbenen nicht verwandt. Auskünfte erteilen wir nur nahen Angehörigen. Dabei hatte sich die Polizei am 24. Januar, als man Willy King fand, zuerst an Gerald Denkler gewandt, den Vorsitzenden der Initiative. Er sollte die Personalien des Verstorbenen bestätigen, baten ihn die Beamten. "Plötzlich aber sollte uns Willy nichts mehr angehen. Wir fühlten uns ohnmächtig", sagt Karsten Krampitz, Redakteur der "strassenzeitung". Willy Kings Freunde begannen, eigene Nachforschungen anzustellen über die Todesumstände, Kings letzten Lebenstag und den Verbleib der Leiche. Willys Begleiter Toni berichtete ihnen, wie er zusammen mit Willy an jenem eiskalten Januarsonntag unterwegs war. Am Abend hatten sie versucht, am Brandenburger Tor und Unter den Linden ihre Zeitungen zu verkaufen. Willy hatte sich am Vertriebsbus der Initiative in der Jebensstraße nahe dem Bahnhof Zoo am Nachmittag noch einige Zeitungsexemplare abgeholt. Er verkaufte die "strassenzeitung" meist vor dem "Forum Steglitz" in der Schlossstraße. Davon lebte er, King bekam keine Sozialhilfe. Und darauf, sagt Gerald Denkler von der Obdachloseninitiative, war Willy King sehr stolz. "Willy ging es nicht gut an diesem Sonntag", sagt Karsten Krampitz, der am 24. Januar im Verkaufsbus saß. "Er sah fiebrig aus, krank, schien ein bisschen verwirrt, war irgendwie durch den Wind". Im Nachhinein, sagt Krampitz, "mache ich mir Vorwürfe, dass wir ihn so haben gehen lassen." Toni und Willy, die beiden Zeitungsverkäufer, wurden noch ein paar Exemplare los an jenem Abend, und Willy lief mit ein paar Mark in der Tasche in Richtung Bahnhof Friedrichstraße. Er wollte sich, sagt Toni, eine Buttermilch kaufen. Er fühlte sich krank, schlug die Einladung auf eine Dose Bier aus. Er trank immer Buttermilch, wenn er krank war, sagt Karsten. Willys Freunde vermuten, dass Willy, der stets auf Bahnhöfen übernachtete, von den Wachleuten des Bahnhofs Friedrichstraße vertrieben wurde und zu schwach war, um sich noch einen anderen Schlafplatz zu suchen. Sie meinen, die Beamten hätten angesichts Willys Gesundheitszustandes einen Notarzt, zumindest aber den "Kältebus" der Stadtmission rufen müssen, der jede Nacht Obdachlose in Notunterkünfte fährt. Gerald Denkler und Karsten Krampitz erstatteten Strafanzeige gegen Unbekannt wegen unterlassener Hilfeleistung.Eine "tragische Geschichte" nennt Bahnsprecher Achim Stauß den Tod Willy Kings. Dann sagt er, dass der Tote "in einem Bereich gefunden wurde, der nicht zur Bahn gehört" - nämlich wenige Meter neben den Bahnhofseingang. Die Deutsche Bahn gehe davon aus, sagt Stauß, dass der Obdachlose den Bahnhof "von sich aus verlassen hat". Zwar gebe es im Dienstbuch des zuständigen Wachdienstes, der Bahnschutzgesellschaft (BGS), einen Eintrag, dass "eine Person, die sich vor den Schließfächern zum Schlafen niederlegen wollte, zwischen 2.30 Uhr und 2.40 Uhr des Bahnhofs verwiesen wurde", räumt Stauß ein. Aber in der Erinnerung der Wachmänner sei jener Mann "deutlich jünger gewesen" und also "nicht identisch" mit dem Toten. Die Personalien des Mannes, den man wegschickte, seien nicht dokumentiert worden. Die Entscheidung der WachleuteDer Umgang mit Obdachlosen auf den Bahnhöfen sei immer eine Gratwanderung, sagt einer der Wachleute. Eigentlich gelte Toleranz, sagt die Sicherheitsbeauftragte der Deutschen Bahn, Ellen Karau. Die Obdachlosen seien ein "ausgeprägtes menschliches und soziales Problem" und deshalb dürften sie sich, besonders im Winter, auf den Bahnhöfen aufhalten, "so lange sie sich unauffällig verhalten". Wer aber "zu einer Belästigung der Fahrgäste" werde oder die Bahnhofsordnung störe, werde des Bahnhofs verwiesen. Die Wachmänner entscheiden. Mancher empfinde allein "den gewissen Eigengeruch, den Obdachlose so haben", als störend, sagt Frau Karau, für einen anderen sei erst bei "Betteln, Pöbeln oder Trinken" die Schmerzgrenze erreicht. Der Wachmann sagt, dass sich Fahrgäste allein vom Anblick Obdachloser belästigt fühlten. Die Wohnungslosen werfen den Wachdiensten vor, weniger der Sicherheit auf den Bahnhöfen als einem besonderen Verständnis von "Sauberkeit" zu dienen, das "sichtbare Armut lediglich als ästhetisches Problem betrachtet", wie es Karsten Krampitz von der "strassenzeitung" erklärt. Was in jener Nacht, in der Willy King starb, wirklich geschah, kann niemand mehr eindeutig beantworten. Das Ermittlungsverfahren wegen unterlassener Hilfeleistung wurde eingestellt, weil "der Beweis, dass Personen die hilflose Lage des Obdachlosen erkannt haben, nicht erbracht werden konnte", formuliert ein Polizeisprecher. Wie viele Passanten an jenem Abend den hilflosen Mann sahen und wegschauten, weiß ohnehin niemand. Am 10. Februar, nachdem Willy Kings Freunde wochenlang erfolglos versucht hatten, bei den Behörden etwas über die Todesumstände und einen Bestattungstermin in Erfahrung zu bringen, organisierten die Mitglieder von "mob e.V." auf dem Bahnhof Friedrichstraße eine Protestveranstaltung. Etwa 50 Menschen kamen zu der "öffentlichen Trauerfeier" für Willy King, umringt von beinahe ebenso vielen Beamten von Polizei und Wachschutz. Die Liedermacherin Bettina Wegner sang einen traurigen Song, Pfarrer Frank Grützmann aus der nahen Sophiengemeinde hielt eine kurze Andacht. Zwei Stunden später waren das Transparent und die Blumensträuße, die die Trauergemeinde zurückgelassen hatte, bereits abgeräumt.Die Obachlosen wussten nicht nicht, dass die Leiche Willy Kings längst freigegeben und ein Bestattungsunternehmen in Berlin-Friedrichshagen beauftragt worden war - vom Sozialamt Tempelhof, bei dem die Freunde Kings unter anderem nachgefragt hatten."Wir geben generell keine Auskünfte über Sozialleistungsempfänger", sagt die Amtsleiterin Brigitte Weidner. "Diese Daten sind geschützt." Die Regelung sei auch im Interesse des Toten, sagt sie, "es könnte dem Verstorbenen ja durchaus unangenehm sein, wenn andere erfahren, dass er auf Sozialamtskosten bestattet wird". Wenn der Wunsch des Toten nach einer Beisetzung etwa mit Trauerfeier, Musik und Redner "erkennbar gewesen wäre", sagt Frau Weidner, hätte man das berücksichtigt und auch bezahlt. Aber leider habe man in der Hosentasche des Toten "kein Testament gefunden, in dem stand: Ich möchte im Beisein meiner Kumpel aus dem Obdachlosenheim beigesetzt werden". Der Hinweis einer BeamtinAls die Bestattungsfirma Feige in Friedrichshagen den Auftrag zur anonymen Urnenbestattung im Rahmen des gesetzlichen Sterbegeldes von 2 100 Mark erhielt, setzte Mitarbeiterin Sieglinde Adam sich ans Telefon und versuchte, Bekannte des Verstorbenen ausfindig zu machen. "Ein Mensch sollte nicht so ohne jede Anteilnahme unter die Erde gebracht werden", sagt sie. Doch wo beginnen in der Berliner Szene? Auch die Obdachlosen-Ärztin Jenny de la Torre konnte ihr nicht weiterhelfen. Schließlich wurde Willy King an einem Märzmorgen auf dem evangelischen Friedhof in Rahnsdorf beigesetzt. Sieglinde Adam fotografierte die Urne mit dem bunten Blumenschmuck, den sie für Willy King ausgewählt hatte.Eine Woche lang war Willy Kings Beisetzung sogar namentlich im Schaukasten der Kirchengemeinde in Rahnsdorf angekündigt worden - in der Hoffnung, dass sich Bekannte fänden. "Es ist so traurig, wenn bei einer Bestattung kein Wort gesprochen wird und kein Mensch der Urne folgt", sagt Friedhofsverwalterin Christina Neuse. Aber leider kam zufällig niemand von Willy Kings Bekannten in dieser Woche in dem Dorf am Stadtrand vorbei.Und wahrscheinlich hätten Willys Bekannte niemals erfahren, wo er begraben wurde, hätte nicht doch noch eine Mitarbeiterin einer Behörde einfach menschlich gehandelt und ihnen eine Auskunft gegeben. Jetzt, Wochen nach Willy Kings Tod, wissen sie endlich, wo sie sein Grab finden können. Im Friedhofsbuch ist sein Name eingetragen, in der Spalte, die dem 30 mal 30 Zentimeter großen Rasenstück für seine Urne zugeordnet ist: sie liegt in Reihe vier, Grab neun auf dem Feld für anonyme Bestattungen.RAVEN Obdachlose in Berlin. Willy Kings Freunde liefen Polizeidienststellen und Sozialämter ab, um zu erfahren, was geschehen war. Sie wurden überall abgewiesen.