Es herrscht Winterruhe im Görlitzer Park in Kreuzberg. Wo den ganzen Sommer über Rauchschwaden von unzähligen Grills die Luft schwängern und Lebenskünstler aller Art die Wiesen bevölkern, hüpfen nur hungrige Krähen umher. Sonntags aber kommt Leben in den Park, auch jetzt, bei Regen, Kälte oder Schneefall. Etwa 20 junge Leute in rot-weißen Trikots packen dann lange, schmale Keulen aus Holz aus. Damit prügeln sie auf kleine Lederbälle ein, die von anderen gefangen und wieder weggeworfen werden. Die Schläger und Fänger sind Freizeitsportler, die sich in einer hierzulande kaum bekannten Sportart üben - im Schlagball."Als ich voriges Jahr nach Berlin zog, habe ich mich gewundert, dass es diesen schönen Sport hier gar nicht gibt", sagt Jorge Scholz. Der 33-Jährige lebt in Prenzlauer Berg und arbeitet als Kulturreferent im Museum. Schlagball kennt er aus Kiel, seiner Heimatstadt. Man kann sagen, dass Kiel, mit Hamburg und den Nordseeinseln Langeoog und Spiekeroog, die Schlagball-Hochburg Deutschlands ist. Auch David Kuder, ein Online-Kaufmann aus Wedding, hat mal in Kiel gespielt. Und Sofie Schulz, eine 31-jährige Übersetzerin, die in Neukölln wohnt, lernte Schlagball im Urlaub auf Spiekerrog. Die drei trafen sich zufällig in Berlin und beschlossen, das Spiel mit Holzprügel und Lederball auch hier zu etablieren.Einmal zum "Tick" und zurückSeit Beginn des Jahres wird immer sonntags ab 14 Uhr im Görlitzer Park trainiert, auf der eingezäunten Rasenfläche neben dem Café Edelweiss. Auch den Winter über haben sie durchgespielt. Was zur Folge hatte, dass einige der meist weißen Bälle erst wieder im März auftauchten, als der Schnee weggetaut war.Die Spielregeln klingen komplizierter als sie sind. An einer Schmalseite des 25 mal 70 Meter großen Spielfeldes stehen die Schläger. Sie schlagen den nur 80 Gramm leichten Lederball nacheinander per Keule ins Feld. Sobald der Ball auf dem Boden aufkommt, laufen die Schläger los - zur anderen Feld-Seite, wo zwei Pflöcke, die "Ticks", im Rasen stecken. Wer es bis dorthin und wieder zurück schafft, erhält einen Punkt. Man muss aber nicht nur schnell, sondern auch geschickt sein - weil im Spielfeld die Fänger postiert sind. Ihre Aufgabe ist es, den Ball aufzuheben und die rennenden Schläger abzuwerfen. Gelingt der Abwurf, wird sofort gewechselt, dann werden die Schläger zu Fängern und umgekehrt."Das ist so ähnlich wie beim Brennball oder beim Völkerball in der Schule", sagt Jorge. Ähnlich ist Schlagball auch dem Cricket in England, dem Lapta in Russland und dem Pelota im Baskenland. Und natürlich dem bekanntesten Schläger- und Fängerspiel, dem Baseball in den USA. Wobei die dortige Nationalsportart sogar aus Deutschland stammt: Im 19. Jahrhundert galt Deutschland weltweit als Vorreiter des Schlagballs. Auswanderer brachten den Sport nach Amerika, von wo aus er später - zum Baseball verfeinert - von US-Soldaten quasi reimportiert wurde.Beim jüngsten Turnier während der Kieler Woche im Juni dieses Jahres hat das Berliner Team, das sich etwas sperrig "Fang & Abwurf Berlin" nennt, erstmals mitgemacht. "Wir haben sogar einige Spiele gewonnen", sagt Jorge, der Teamchef. Wichtiger als Sieg oder Platz ist allen aber die Freude an der Bewegung. Wer mitmachen will, ist willkommen (www.schlagball-berlin.de). Noch versteht man sich als Gruppe von Freunden, die sich im Park treffen. Ob daraus irgendwann mal ein "ordentlicher Verein" wird, steht in den Sternen. An Satzung, Vereinsbeitrag und Jahreshauptversammlung ist bislang keiner der Schläger und Fänger aus dem Görlitzer Park interessiert.------------------------------Foto: Egal ob es stürmt oder schneit - Jorge, Sofie und David (v. l.) spielen immer sonntags Schlagball im Görlitzer Park.