In seinem ersten Kinderbuch schildert Peter Carey die absurde Welt von Schönheitswettbewerben von Anja Reich Wilfred wäre das perfekte Kind. Wenn er nicht gerade ein Problem hätte: Die Windpocken im Gesicht. Und da ein perfektes Kind keine Pickel haben darf, ist Wilfred ganz und gar ungeeignet, den "Perfekto-Kiddo-Wettbewerb" zu gewinnen, zu dem er in das vornehme King Redward-Hotel gereist ist. Seine fanatischen Eltern kidnappen in ihrer Not einen Jungen namens Sam, der Wilfred ähnlich sieht und sein Schicksal schnell als große Chance begreift, seinen leichtlebigen Eltern Geld zu beschaffen. Innerhalb von wenigen Stunden wird aus Sam, der sonst schlabberige Pullover und krumpelige Jeans trägt, ein smarter Junge. "Sein Haar war voll und lockig wie das des Chorknaben in der Perfekto-Reklame", schreibt Peter Carey und läßt Wilfreds Mutter gurren: "Er ist wunderschön. Der kleine Schmutzfink ist wunderschön."Peter Carey kommt aus Australien, lebt in New York, ist Vater von zwei Söhnen und bisher durch seine Romane "Das Leben des Tristan Smith" und "Illywhacker" bekannt geworden. "Der Große Bingobang" ist Careys erstes Kinderbuch, und ähnelt seinen Romanen insofern, daß er auch hier absurde Szenarien entwirft: Sams Mutter malt Bilder, so klein wie Streichholzschachteln, auf denen man ganze Städte sieht und sogar noch die Staubflocken unterm Bett. Der geheimnisvolle Mr. Vere hat den Eingang zu seiner Villa in eine U-Bahnstation verlegen lassen, hinter ein m&m-Plakat. Wilfreds Eltern dressieren ihr Kind wie einen Tanzbären, um mit ihm Preisgelder zu gewinnen.Carey schlägt sich von Anfang an auf die Seite des nichtperfekten Kindes Sam, dessen Vater ein leichtlebiger, aber gutherziger Spieler ist und dessen Mutter auch diesmal nicht genau weiß, ob sie ihr neuestes Bild verkaufen wird oder nicht. Sam wird schlecht, wenn er daran denkt, daß sie sich gerade in ein Luxushotel eingemietet und nur noch dreiundfünfzig Dollar in der Tasche haben.So beunruhigend Carey auch Sams Situation schildert, seine Familie scheint warmherzig und angenehm normal im Gegensatz zu Wilfreds Eltern. Das spürt auch Sam, als sie ihn für den Wettbewerb vorbereiten. Zuvor hatte er sich noch geschämt, an der Seite seines Vaters durch die Lobby zu gehen, an den schönen Kindern vorbei, die lange silberne Ballkleider tragen und schwarze Smokings. Nun begreift er, daß er es eigentlich ganz gut hat. Zumal der arme windpockengeplagte Wilfred wohl einen Pokal opfern würde, um einmal so ein cooles Basecap wie Sam zu besitzen. Die Jungs freunden sich an, sie merken, daß sie gar nicht so unterschiedlich sind. Aber dann muß Sam in die Arena. Seine Schuhe scheuern, der Anzug kneift, und irgendwann verliert er die Geduld. Es kommt zum Eklat.Peter Carey hat ein kurzweiliges Buch geschrieben, das auf wundervoll einfache Weise Zusammenhänge deutlich macht, die Kindern sonst, ohne gleich moralisierend zu wirken, schwer zu erklären sind. Daß die perfektesten Kinder jene sind, die überhaupt nicht perfekt sind. Aber auch, daß geschniegelte Jungs wie Wilfred keine Zombies sein müssen, sondern Kinder, die einfach anders erzogen wurden. "Der große Bingobang" ist ein Buch gegen Vorurteile, ein modernes Märchen mit guten und bösen Figuren. Ein bißchen stört das glatte Ende. Sam schmeißt mit Spaghetti. Der Juryvorsitzende entpuppt sich als Schauspieler, der Schönheitswettbewerbe haßt. Sam gewinnt. Seine Mutter verkauft ihr Bild.Alles, alles wird gut. Eine angenehme, denkbar unrealistische Vision. Aber vielleicht ist das ja gerade das Schöne an einem Kinderbuch.

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.