Alte Kirchenfenster sind unten dicker als oben. Im Laufe der Jahrhunderte fließe das Glas langsam nach unten, werden Touristen in aller Welt von ihren Reiseführern belehrt. Schließlich seien Gläser im Grunde Flüssigkeiten, wenn auch sehr zähflüssige. Seit einer Veröffentlichung in der Mai-Ausgabe des "American Journal of Physics" gilt diese Erklärung nun als widerlegt.Obwohl schon seit vielen Jahrhunderten Glas hergestellt wird, gibt es bis heute noch keine vollständige Theorie, die das Entstehen von Glas schlüssig erläutert. Glasfabriken nutzen vor allem Erfahrungswerte und Techniken, die durch Ausprobieren vervollkommnet wurden. Erst seit einigen Jahrzehnten interessieren sich auch Wissenschaftler für die Eigenschaften von Gläsern. Ohne DeformationenUm die zählebige Geschichte von den herunterfließenden Kirchenfenstern zu überprüfen, hat der brasilianische Physiker Edgar Dutra Zanotto nun das Verhalten alter und neuer Gläser bei unterschiedlichen Temperaturen untersucht. Sein Ergebnis: Mittelalterliche Gläser könnten während der letzten 800 Jahre durchaus nach unten geflossen sein vorausgesetzt, man hätte die Kirchen während dieser Zeit durchgehend auf 400 Grad Celsius geheizt. Bei Raumtemperatur hingegen fließen Gläser nur in einem Zeitraum von Millionen Jahren. Deshalb weisen selbst die ältesten Vasen in Museen keine Deformationen auf.Glas, dieses kaum erforschte Material, unterscheidet sich von den meisten anderen festen Stoffen durch seinen "amorphen" Zustand. Die Atome sind nicht in einem regelmäßigen Gitter angeordnet, wie bei einem Kristall. Sie bilden vielmehr ein ungeordnetes, dreidimensionales Netz. Dieser sogenannte Glaszustand entsteht, wenn man das flüssige, rotglühende Gemisch aus Quarzsand und Alkalisalzen schnell bis weit unter seinen Schmelzpunkt abkühlt. Anders als beim Glas ordnen sich die Moleküle der meisten Flüssigkeiten am Schmelzpunkt spontan zu einem Kristallgitter an Wasser wird beispielsweise zu Eis. Kühlt man eine hochviskose, also sehr zähe Flüssigkeit rasch ab, so kann man erreichen, daß der Erstarrungsprozeß schneller fortschreitet, als die Umordnung der Moleküle folgen kann. Um ein Kristallgitter auszubilden fehlt die Zeit. Dadurch erhält man eine sogenannte unterkühlte Schmelze. Beim weiteren Abkühlen steigt die Viskosität an, die Moleküle bewegen sich immer langsamer, bis dann bei 500 Grad bis 600 Grad Celsius fast 1 000 Grad unterhalb des Schmelzpunkts der sogenannte Glasübergang erfolgt. Die Viskosität steigt daraufhin stark an, und die mechanischen Eigenschaften werden dem eines kristallinen Festkörpers ähnlich das Glas wird hart und fließt nicht mehr.Im Sog der SchwerkraftDie Ursache für die ungleichmäßige Dicke der alten Kirchenfenster kann also nicht ihr pseudo-flüssiger Zustand, sondern nur die Art ihrer Herstellung sein. Die Fenster wurden früher in Zylinderform geblasen, dann aufgeschnitten und abgeflacht. Die Schwerkraft ließ das Glas während des Blasens nach unten laufen die Scheiben wurden unten dicker als oben.Dieses Zylinderblasverfahren, mit dem alle Kirchenfenster früher produziert wurden, erfanden europäische Handwerker bereits vor der letzten Jahrtausendwende. Es wurde mehrere hundert Jahre lang zur Herstellung von Fensterglas verwendet. Vor etwa hundert Jahren setzte sich das Ziehverfahren durch, bei dem das flache Glas mit Hilfe eines Rahmens nach oben aus der Schmelze gezogen wird. Das Glas erkaltet auf dem Weg durch den Produktionsturm und wird, oben angelangt, in einzelne Scheiben geschnitten. Seit den sechziger Jahren produziert man Glasscheiben als sogenanntes Floatglas, das auf einer Metallschmelze schwimmend erstarrt.