So klein? Obwohl inzwischen 28 Jahre alt, mißt David Bennent infolge einer Wachstumsstörung gerade mal 1,55 Meter. "Jeder muß sich akzeptieren, wie er ist", sagt er selbstbewußt. Schlimm sei es nur am Anfang in der Schule gewesen, von der ihn seine Mutter wegen des vielen Herumreisens eines Tages befreien ließ und ihn dann selber unterrichtete.Solange David Bennent sich erinnern kann, sind die Eltern mit ihm und seiner drei Jahre älteren Schwester Anne unterwegs gewesen. Sie hatten ein Haus in einem Schweizer Bergdorf, 2 000 Meter hoch, "das höchste Dorf in Europa, das übers ganze Jahr bewohnt ist". Dazu eine kleine Hütte am Strand von Mykonos; und immer wieder die Wohnung seiner Großmutter in seiner Geburtsstadt Lausanne. Ein Vagabundenleben. Zweisprachig erzogen Seit fünf Jahren nun arbeitet Bennent, zweisprachig aufgewachsen, an Peter Brooks berühmtem Centre International de Creations Theatrales in Paris. Aufsehen erregte vor allem die auch in Deutschland gezeigte Produktion "L'homme qui", eine Reise ins Ich, nach dem Buch des amerikanischen Neurologen Oliver Sacks. Bennent spielt darin einen Mann mit motorischen Defekten, der dennoch wieder gehen lernt. Keine klinische Studie, sondern ein Stück über einen Menschen, der einen Sieg erlebt über sich selbst."Das war sehr schwer", erzählt Bennent. "Denn: Ich bin Schauspieler, und mein Körper ist mein einziges Instrument, meine Kraft ist die Sensibilität. Nachdem ich jahrelang mit meinem Körper gearbeitet hatte, brauchte ich plötzlich eine Unsensibilität, sollte meinen Körper nicht spüren." Eine Blockade stellte sich ein, die erst dadurch überwunden wurde, daß Peter Brook den Neurologen mit seinem Patienten nach Paris einlud.Früh und laut begann David Bennents Schauspielerkarriere - vor 16 Jahren mit einem Paukenschlag, das heißt mit Schlägen auf eine kleine, rot-weiß lackierte Blechtrommel. Der zwölfjährige David spielte in der Grass-Verfilmung "Die Blechtrommel" den kleinen Oskar Matzerath, einen Jungen, der an seinem dritten Geburtstag beschlossen hat, nicht mehr weiterzuwachsen. Regisseur Volker Schlöndorff erkundigte sich damals bei Münchner Kinderärzten, die Wachstumsstörungen behandelten, und stieß dabei auf David Bennent, damals gerade 1,14 Meter klein. "Er hat gefragt", erzählt Bennent, "ist das nicht der Sohn von " Ja, es war der Sohn des Schauspielers Heinz Bennent, der auf den großen Bühnen spielte.Stets versuchte der Vater, die Theaterbegeisterung seiner Kinder zu bremsen. Es half nichts: "Das Theater war einfach da in unserer Familie", erzählt Bennent, "in den Büchern, in den Gesprächen, am Mittagstisch." Schließlich war auch die Mutter Diane einmal Tänzerin an der Pariser Oper. Und als dann Anne auf die Schauspielschule des Regisseurs Patrice Chereau ging, schlug das Schicksal zu: Chereau fragte David, als er gerade seine Schwester in Paris besuchte, ob er nicht mitspielen wolle. Er wollte und triumphierte sogleich in Jean Genets "Die Wände". Danach arbeitete er mit den Regisseuren Klaus-Michael Grüber, Robert Wilson und Peter Brook. Beim Vater gelernt Eine Schauspielschule hat "Little David", wie ihn einmal eine Zeitung titulierte, nie besucht, vieles hat er von seinem Vater gelernt und von seiner großen Schwester. Vor kurzem spielte er das erste Mal mit seinem Vater zusammen. Die von Joel Jouanneau einstudierte "Endspiel"-Aufführung, die am Lausanner Theatre Vidy herauskam, wurde als "Sternstunde des Theaters" gefeiert.Einmal mehr fanden Kunst und Leben hier zusammen, denn Hamm und Clov, die beiden Helden in Becketts Stück, sind vermutlich auch Vater und Sohn. "Es gibt Sätze in diesem Stück, von denen spüre ich, daß sie meinem Vater weh tun, wenn ich sie ausspreche, und sie tun auch mir weh", sagt David Bennent. "Etwa wenn der Alte sagt ,geh doch weg`, und ich antworte: ,Ich versuch's. Seit meiner Geburt`." +++